Cover des Buchs »Der verdrängte Kapitalismus« von Sabine Nuss, Andrej Holm, Stephan Kaufmann, Antonella Muzzupappa und Ingo Stützle.

Nicht ohne Alternativen

Antifaschistische Wirtschafts­politik neu denken

Rezensiert von Georg Lutz

03.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416

In der bundesdeutschen Talkshow-Kultur und Publizistik dominiert bei Wirtschaftsthemen der neoliberale Mainstream. Parolen wie »Wir müssen alle länger arbeiten« bleiben oft unwidersprochen. Die Ökonomin Isabella Weber ist da eine wichtige Ausnahme. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump im November 2024 postete Weber auf der Plattform X (ehemals Twitter): »Können wir jetzt endlich ernsthaft über antifaschistische Wirtschaftspolitik sprechen?« Das ging viral und war nötig: Linksliberale Parteien haben in den letzten Jahren die Wirtschaftspolitik liegen lassen und der autoritären Rechten damit weltweit Wahlsiege geschenkt.

Was ist nun aber antifaschistische Wirtschaftspolitik? Bei genauerer Betrachtung gibt es bislang leider weder ausgearbeitete Konzeptionen noch strategische Überlegungen.

Weniger Moral und wieder mehr Marx

Diese Lücken will Herausgeberin Sabine Nuss mit Andrej Holm, Stephan Kaufmann, Antonella Muzzupappa und Ingo Stützle in Gesprächsform schließen. Das tun sie zunächst auf einer analytischen Ebene. In Der verdrängte Kapitalismus wird beispielsweise nicht mit dem Lohn die geleistete Arbeit bezahlt, sondern es geht um die Erfassung der geleisteten Arbeitskraft. Das ist wichtig, da sonst Ausbeutung verschleiert wird. Weniger Moral und wieder mehr Marx könnte man zusammenfassen.

Fehlende wirtschaftspolitische Alternativen

Das Buch arbeitet sich an den Bausteinen Vermögenssteuer, Mietendeckel, Preiskontrollen und Investitionen ab und liefert dazu erste und auch griffige Grundlagen – aber auch nicht mehr. Die Schwäche linker Wirtschaftspolitik ist offensichtlich. Es gibt einige gute Analysen, und Ziele werden formuliert, jedoch liegt eine vernetzte Gegenerzählung in weiter Ferne. Auch operative Zwischenschritte mit einer Zeitachse fehlen – sowohl im Diskurs als auch im Buch. Darin wird argumentiert, dass es solch einen Plan auch nicht bräuchte.

An dieser Stelle erfolgt hier ein Widerspruch. Um handlungsfähig zu sein, brauchen Linke wirtschaftspolitische Programme und Pläne, die für die Bevölkerung plausibel sind. Das beginnt schon bald nach einem möglichen linken Wahlsieg in Berlin und gilt für zahlreiche Länder wie Argentinien, in denen es neue rechte Hegemonie zu brechen gilt. Der Gesprächsband trägt jedenfalls dazu bei, die neue linke Schwachstelle Wirtschaftspolitik mit Gewinn zu debattieren. Es bleibt zu hoffen, dass dies erst der Anfang einer zielführenden Debatte ist.

Georg Lutz

Sabine Nuss: Der verdrängte Kapitalismus. Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer Wirtschaftspolitik. Karl Dietz Verlag, Berlin 2026. 168 Seiten, 14 Euro.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 416 Heft bestellen
Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen