Cover: Alter Mann mit Kind an der Hand auf eine Stadt blickend - aus: Sara Klatt: Das Land, das ich dir zeigen will. Penguin, München 2024.

Geschichten auf dem Rück­sitz

Rezensiert von Patrick Helber

11.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409

Bücher über das Trampen sind eine populäre Form der Reiseliteratur und haben einen Hauch von Ungewissheit. Sie versprechen – wie das Trampen selbst – besondere Geschichten und einen subjektiven Blick auf Land und Leute. Sara Klatts autofiktionaler Roman Das Land, das ich dir zeigen will ist ein Roadtrip durch Israel. Klatts Protagonistin reist mit 17 aufgeblasenen Luftballons 64 Kilometer von Tel Aviv nach Hebron im Westjordanland, um einen palästinensischen Bekannten zu besuchen. Dabei kann sie nur das erste Stück trampen und verliert einige der Ballons zum Schrecken der Menschen bei einem Kontrollpunkt. Die zuvor für Heiterkeit sorgenden bunten Ballons werden beim versehentlichen Platzen von Anstehenden und Soldaten für tödliche Sprengkörper gehalten.

Unterbrochen werden die Begegnungen in Israel immer wieder durch Blicke in den Rückspiegel, die nach Deutschland weisen.

Der Roman wirft einen differenzierten Blick auf Israel vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und steckt voller Kurzgeschichten. Diese changieren zwischen Momenten unbeschwerter Heiterkeit und Schmerz. Viele Kapitel beginnen auf der Straße, wenn die Protagonistin nicht wie in Europa den Daumen nach oben, sondern den Zeigefinger nach unten auf die Straße ausstreckt. Klatts Haupt-Handlungsstrang von der jungen jüdischen Frau aus Deutschland, die in einer Kneipe arbeitet, im Technoclub feiern geht, Freund*innen trifft und Orte aus ihrer Kindheit besucht, dient allerdings oft nur als fragiler roter Faden. Fast lesen sich die Kapitel wie Passagen.

Sara Klatt erzählt von traumatisierten israelischen Veteranen, überdrehten lesbischen Frauen mit Baby und Katze im Auto, dem elefantösen Busbahnhof in Tel Aviv, Bamba Erdnussflips und Rafis Bar in Jerusalem in der heimlich orthodoxe Juden zum Trinken und Flirten einkehren und ihre Schläfenlocken für ein paar Stunden unter ihren Mützen verstecken. Sie schreibt vom Rabbiner Avraham, der parallel als Psychoanalytiker praktiziert und dessen Sohn Jitzchak. Diese Trampbekanntschaft führt zu einem One-Night-Stand mit anschließender Einladung zum familiären Schabbat-Essen. Unterbrochen werden die Begegnungen in Israel immer wieder durch Blicke in den Rückspiegel, die nach Deutschland weisen. Klatt verdeutlicht dabei, warum ihre Protagonist*innen in Israel leben, was das wiederum mit »Trümmerdeutschland« zu tun hat und welche Traumata der Holocaust bei ihren Großeltern, Eltern und selbst der jüngeren Generation hinterlassen hat: »Nach dem Holocaust fehlten sechs Millionen. Sechs Millionen, die sich verliebt und gestritten hatten, die ihren Kindern Geschichten erzählten, die Träume, Ziele, Wünsche hatten und die gute oder weniger gute Menschen geworden wären. Manche von ihnen waren glücklich, andere eher nicht. Die ganze Welt hätte sich anders zusammengesetzt, wäre heute anders verbunden, hätte es den Holocaust nicht gegeben.«

Patrick Helber

Sara Klatt: Das Land, das ich dir zeigen will. Penguin, München 2024. 400 Seiten, 24 Euro.

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