Schäm dich (nicht)
Über die Klebrigkeit von Scham
Wir werden darauf konditioniert, einem bestimmten Bild zu entsprechen – um damit Anerkennung und Zugehörigkeit zu verdienen. Wer davon abweicht, landet schnell in der Sackgasse Scham. Doch Scham ist nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern auch ein gesellschaftliches Herrschaftsinstrument: Sie hält uns angepasst, leise und beschäftigt mit uns selbst.
Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt
Scham ist ein Gefühl, das sagt: Mit mir stimmt etwas nicht. Wir wachsen damit auf, denn Scham beginnt sich bei Menschen im Alter von zwei Jahren auszubilden, wo wir ein Konzept von uns selbst entwickeln. Zudem beginnen wir, die Welt zu entdecken, zu forschen und auszuprobieren. Lustige Sachen, wie etwa die Zimmerwand zu bemalen, finden die älteren Menschen oft weniger lustig und zeigen uns das deutlich. Da Menschen unterschiedlich gut voneinander lernen, Emotionen auszudrücken, aufzufangen oder damit umzugehen, kann Kritik leicht in Selbstabwertung umschlagen. Aus »Du hast etwas falsch gemacht« wird so schnell »Mit mir stimmt etwas nicht«.
Ich frage mich, warum ich mich schäme für all das, von dem ich schon weiß, dass ich mich nicht dafür schämen muss.
Die Scham. Bis zu einem gewissen Grad hat sie eine sinnvolle Funktion – wie ein Selbsthinterfragungsfilter. Doch sie ist auch ein starkes soziales Regulativ, das oft nicht hilfreich ist. So erlebe ich Scham als eines der schwierigsten Gefühle überhaupt. Für mich fühlt sie sich klebrig an, als würde sie an mir haften und mich zurückhalten. Und sie isoliert, weil es so schwer ist, mit ihr in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen. Damit sehe ich Scham auch als Unterdrückungswerkzeug bestehender Herrschaftsverhältnisse.
Scham & Kapitalismus
Im Kapitalismus herrscht nicht nur in der Lohnarbeit eine Leistungslogik, die mich kontinuierlich zur Selbstoptimierung antreibt: Körpernormen, Produktivität, psychische Belastbarkeit und emotionale Verfügbarkeit werden bewertet, verglichen und verwertbar gemacht. Entspreche ich nicht den gesetzten Normen, lande ich schnell mal in der Scham. Auch Arbeitslosigkeit, Armut, Erschöpfung, Krankheit und psychische Krisen erscheinen nicht als Resultat von Ausbeutung, Leistungsdruck oder Prekarität, sondern als individuelles Versagen. Und an dieser Verschiebung entsteht die Scham. Ihre Individualisierung wird zum Motor von Anpassung und das System dahinter bleibt unsichtbar.
Doch im Kapitalismus werden nicht nur Arbeit und Leistung bewertet, sondern auch Privateigentum: Konsum, Kleidung, Ernährung oder Reisen. So habe ich mich früher unglaublich für den klapprigen VW-Bus meiner Eltern geschämt. Und damals gab es noch kein Social Media, durch das ich im permanenten Vergleichen mit anderen befangen war. Die ständige Forderung, alles zu »optimieren« oder im scheinbaren Scheitern die Abweichung der Realität von Konsum- oder Normidealen auszuhalten, erzeugt nicht nur Scham, sondern auch enorme psychische Belastung. Und durch die isolierende Macht der Scham bleibe ich damit allein.
Scham & Patriarchat
Als Betroffene von patriarchaler und sexualisierter Gewalt schäme ich mich. Auch wenn ich weiß, dass diese Scham nicht zu mir gehört, bleibt sie an mir kleben. Es ist typisch, dass Scham bei den Betroffenen hängen bleibt, sagt meine Therapeutin. Meine Scham ist erzeugt durch das tiefe Gefühl der Erniedrigung, Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins, das ich erlebt habe. Ich schäme mich, dass mir all das passiert ist, und es ist schwer, damit sichtbar zu werden.
Scham hüllt uns in Schweigen
So ist die Scham eine der Dimensionen, in der meine Gewalterfahrungen eine große Macht über mich haben und ich damit unsichtbar bleibe. In meiner alltäglichen persönlichen Erfahrung zeigt sich ein kollektives Problem: Scham ist ein Werkzeug patriarchaler Macht, das die Unterdrückung und Misshandlung weiblicher und queerer Menschen unsichtbar macht. Scham hüllt uns in das Schweigen, in das uns unsere sexistische Gesellschaft drängt. Dahinter stecken jahrhundertealte Mechanismen patriarchaler Kontrolle.
Und während ich in der Scham versinke, sie mich schweigen lässt und isoliert, frage ich mich manchmal, ob die Männer, die mich damals in dieses Zelt gezerrt haben, ob sie sich eigentlich dafür schämen. Oder der Typ, der mich neulich auf dem Nachhauseweg verfolgt und als »hässliche Schlampe« bezeichnet hat, als ich ihn angeschrien habe, dass er verschwinden soll. Wirklich, schämt euch!
Schamverschiebung
Eigentlich sollte Scham doch dorthin gehören, wo eine moralische Grenzüberschreitung passiert – zu Menschen, die Gewalt ausüben, entwürdigen, verfolgen oder beleidigen. Scham könnte hier ein inneres Signal sein, das Selbstreflexion auslöst. Aber in der Regel verdrängen oder leugnen die Gewaltausübenden ihr Verhalten, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen, oder erfahren für ihre Taten auch noch gesellschaftliche Anerkennung. Und die Scham wird den Betroffenen angehängt. Darin erlebe ich eine Verschiebung von Scham: Sie wirkt nicht als Korrektiv von Gewalt, sondern als ihr Nachhall im Inneren von Betroffenen.
Scham ist das innere Echo einer sozialen Ordnung, in der Gewalt selten beschämt wird
Insgesamt verbringe ich viel zu viel Zeit damit, mich zu schämen – für meinen Körper oder Sein, dafür, was ich tue oder nicht tue oder eben, was mir passiert ist. So verstecke ich mich mit all dem, was auch zu mir gehört, aber nicht dem Bild entspricht, von dem ich gelernt habe, dass ich so sein müsste: offener, dünner, smarter, widerständiger, widerstandsfähiger, einfach besser, als ich es jetzt bin. Und als weiblich sozialisierte Person habe ich obendrauf noch gelernt: Ich soll easy going sein. Also keine Probleme machen, unkompliziert sein, immer ja sagen und lieb lächeln – egal was eigentlich in mir abgeht.
Trotz Emanzipationsprozessen, Me too und so weiter schlage ich mich immer noch mit der Scham rum, genauso wie mit der Scham über die Scham. Ich frage mich, warum ich mich schäme für all das, von dem ich schon weiß, dass ich mich nicht dafür schämen muss. Dabei denke ich oft an den Satz der Französin Gisèle Pelicot: »Die Scham muss die Seite wechseln.« Er berührt mich zutiefst. Trotzdem fällt es mir so schwer, diese Verschiebung tatsächlich zu vollziehen. Die isolierende Kraft der Scham hält mich gefangen, aber ich weiß mittlerweile, dass ich damit nicht allein bin. Denn diese Scham ist kein Zeichen persönlicher Verantwortung, sondern das innere Echo einer sozialen Ordnung, in der Gewalt selten beschämt wird.
Schamdekonstruktion
Scham wirkt unterschiedlich, je nachdem, wen sie trifft. Sie wirkt nie isoliert, sondern hängt davon ab, wer sie spürt sowie in welchem Kontext und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie entsteht. Die persönlichen Erfahrungen von Menschen bestimmen, wie sie auf Beschämung reagieren, während Situation, soziale Normen und Herrschaftsverhältnisse die Intensität und Richtung der Scham beeinflussen. So entsteht Scham als Wechselwirkung zwischen Individuum, Umgebung und Gesellschaft.
Ich habe viel Arbeit mit meiner internalisierten Scham und werde auch noch durch andere Menschen beschämt, die wahrscheinlich munter ihr Leben weiterleben, während sie bei mir Wunden hinterlassen, um die ich mich mein Leben lang kümmern muss. Hier kippt die Scham ins Politische. Sie ist ungleich verteilt: Ich spüre zu viel davon und den Gewaltausübenden unterstelle ich, dass sie zu wenig davon spüren.
Dieses Fehlen des Schamgefühls ist kein Zufall, denn patriarchale Gewalt funktioniert oft gerade dadurch, dass andere Leben und Herrschaftsverhältnisse ausgeblendet werden. Zu letzterem gehören kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse: In der Scham-Logik sollten wir uns vielleicht mal dafür schämen, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren Wohlstand auf Kolonialismus, systematischer Ausbeutung, Unterdrückung und Tierleid beruht. Oder dafür, dass wir ökologische Zerstörung als Kollateralschaden verbuchen und soziale Ungleichheit zu individuellem Versagen umdeuten.
Gleichzeitig hinterfrage ich den Gedanken, dass sich meine Vergewaltiger oder wir als Gesellschaft mal mehr schämen sollten – ich merke ja selbst, wie ich an der Scham kleben bleibe. So stehen mein Wunsch nach Gerechtigkeit und meine Zweifel daran, dass Scham diese Gerechtigkeit herstellen kann, nebeneinander. Ich bezweifle, dass eine Bewusstwerdung von Scham etwas verändert – eher vertieft sie Abwehrmechanismen. Vielleicht fehlt gar nicht die Scham, sondern ein Bewusstsein für Beziehung und Verantwortung?
Sichtbarkeit gegen das Schweigen
Aber wie kann ich meine Scham loswerden und aufhören, die Last der Täterschaft für die Gewaltausübenden zu tragen, wenn diese Verantwortung nicht übernommen wird? Was mir bleibt, ist das Sprechen über Scham. Denn Sichtbarkeit entzieht Scham ihre Macht und transformiert das Vereinzelnde zu etwas, das teilbar wird. Ich muss nicht mehr das Easy-Going-Girl darstellen, das alles wegsteckt, sondern darf sichtbar werden mit meinen Widersprüchen, Ängsten und meiner Geschichte.
Sichtbarkeit hilft mir auch dort, wo ich nicht mehr unterscheiden kann, ob meine Scham ein innerer Kompass ist oder ein Nachhall von Gewalt. Sie verhindert, dass ich mit der Scham allein bleibe – und dass ich Scham weiter für etwas halte, das mir gehört. Also, lasst uns mehr über Scham sprechen. Denn sie verliert etwas von ihrer zerstörerischen Kraft, sobald sie ausgesprochen wird. Schweigen bringt uns nicht näher zueinander, sondern das Teilen dessen, was uns isoliert.