Ficken, vögeln, Liebe machen
Sex ist gelebte Dystopie und Utopie
Zeitgenössische Ratgeberliteratur und progressive Sexkultur lehren, wie sexuelle Interaktion im Einvernehmen funktioniert. Die Prämisse ist »nur Ja heißt Ja«. Können die Machtgefälle des Patriachats so individuell aufgelöst werden? Dominieren sie weiter jeden Akt körperlicher Intimität? Oder kann es endlich gleichberechtigt losgehen?
Als Mensch, dem eine heteroflexible Begehrensstruktur innewohnt (heterosexuell geprägt, aber situativ offen für gleichgeschlechtliches Begehren), habe ich mir schon oft gewünscht, einfach homo zu sein – dann wäre die patriarchale Herrschaft nicht mehr mein persönliches Problem und ich könnte mir jeden Tag oder nur am Freitag und Samstag ein Sexdate auf Grindr klarmachen. Das wäre doch ein Ausweg aus dem schier unlösbaren Machtverhältnis des Hetero-Vögelns!
Das stimmt natürlich hinten und vorne nicht: Auch Homosex findet nicht außerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse statt. Er reproduziert patriarchale Muster wie Dominanz, Objektifizierung und Hierarchisierung. Rollenbilder wie aktiv/passiv, maskulin/feminin oder die Aufwertung bestimmter Körper spiegeln dieselben Logiken von Macht, Status und Kontrolle wider, die auch die binär heterosexuelle Geschlechterordnung prägen. Hinzu kommen kapitalistische und rassifizierte Begehrensstrukturen – auch in Dating-Apps wie Grindr. Hier werden Körper nach Attraktivität, Alter, Race, Ableism sowie sozialem Status bewertet und sortiert. Und doch ist Homo- und Hetensex nicht dasselbe, da Homosex nicht auf der Unterordnung eines Geschlechts unter das andere basiert.
Perspektive und Skripte
Aber ist diese Unterordnung zwangsläufig? Kann sie auf dem Feld des Sexuellen auch irritiert oder sogar überwunden werden? Geschieht das nicht fortlaufend? So eröffnet der von Bini Adamczak geprägte Begriff der »Zirklusion« etwa, dass derselbe sexuelle Vorgang, der als Penetration bezeichnet wird, auch aus der umgekehrten Perspektive beschrieben werden kann: Nicht etwas dringt in einen Körper ein, sondern ein Körper umschließt etwas. Damit verschiebt sich auch die Vorstellung von Aktivität und Passivität, weil die Vagina oder der Anus nicht mehr als passiv empfangend, sondern als aktiv handelnd begriffen werden. Auch in anderen sexuellen Szenarien sind Fragen von Dominanz, Objektifizierung und Hierarchisierung schwer definierbar. Wer hat die Macht über wen, wenn etwa eine Intimpartner*in meinen schlaffen Schwanz anfasst, bis er erigiert ist? Wer dominiert, objektifiziert und hierarchisiert eigentlich bei einem Dreier? Und wer fickt wen, wen jemand bei der Penetration mein Arschloch fingert? Wie verhält es sich mit Macht und Herrschaft, wenn ich meinen Körper vollständig der Choreografie meiner Sexpartner*in überlasse und Lust nicht mehr durch Handlungsmacht, sondern durch Empfänglichkeit erfahre? Und inszeniere ich Dominanz, Objektifizierung und Hierarchisierung beim Fetisch nicht nur und verabrede sie beim SM?
Beim Sex müssen die Rollen der Darstellenden erst über sexuelle Skripte gelernt werden, bevor sie als Quelle von Lust funktionieren. Sexuelle Skripte werden auf sehr unterschiedliche Arten gelernt, dabei zumeist indirekt und lange bevor Menschen eigene sexuelle Erfahrungen machen. Pornografie ist nur ein Teil davon. Wichtige Bereiche sind: kulturelle Normen, Familie, Religion, Schule, Sport, Subkultur, aber auch Werbung und Konsumkultur sowie die Sprache selbst. Wendungen wie »erobern«, »leicht zu haben« und »brav« transportieren sexuelle Skripte. Aber nicht nur die Skripte, sondern auch das leidenschaftliche Begehren muss erlernt werden. Menschen, die im Laufe ihres Lebens ihre Begehrensstruktur beispielsweise von hetero auf homo gewechselt haben, berichten davon, welchen gewaltigen Prozess der Umkodierung auf der Ebene von Gedanken, Gefühlen sowie in der kulturellen Dimension es dafür braucht. Wenn aber sexuelle Skripte und Begehren erlernt werden müssen, wenn wir beim Sex nur Darstellende sind, liegt darin dann nicht ein ungeheures Potential für Veränderung – gar Befreiung?
Patriarchat durchdringt jeden Sex
Die progressive Sexkultur der Gegenwart beinhaltet Konsens-Workshops, Awareness-Konzepte und offene Kommunikation. Sex soll bewusst, verhandelbar und Gewalterfahrungen vermieden werden. Doch vielleicht liegt genau darin die Illusion. Was ist, wenn Sexualität gar nicht der Ort ist, an dem Herrschaft suspendiert werden kann – sondern jener, an dem sie sich am intimsten reproduziert? Für Shulamith Firestone (The Dialectic of Sex) ist Sexualität ein Feld der Biopolitik, auf dem Frauenkörper zum Reproduktionsmittel zugerichtet werden. Silvia Federici (Caliban and the Witch) diagnostiziert ebenfalls: Die Körper von Frauen wurden im Zuge der Hexenverfolgung des 16. Jahrhunderts zu Ressourcen erklärt – der Beginn bis heute fortbestehender Ausbeutung. Die Hausfrau, die mit ihrem Ehemann schläft, tut dies oft aus ökonomischer Notwendigkeit – nicht aus Begehren.
Selbst in queeren oder polyamoren Konstellationen bleiben Machtgefälle bestehen: Wer hat Zeit für Beziehungen? Wer kann sich emotionale Sicherheit leisten? Die Antwort: diejenigen, die nicht um ihr Überleben kämpfen müssen. Feministische Theoretiker*innen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Sexualität nicht außerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse existiert. Die Struktur gesellschaftlicher Herrschaft prägt demnach nicht nur Institutionen und Arbeitsteilung, sondern das Begehren selbst. Wer begehrt wird, wer aktiv sein darf, wer sich verfügbar macht – all das entsteht nicht individuell, sondern historisch. Antirassistische Diskussionen erweitern diese Kritik. Sie weisen darauf hin, dass Rassismus Sex strukturiert – BIPoC werden dann als Fetische oder Bedrohungen wahrgenommen, nicht als gleichberechtigte Subjekte.
Auch Homosex reproduziert patriarchale Muster
Die moderne Konsenskultur delegiert die Lösung des Problems an das Individuum. Kommunikation soll Machtgefälle ausgleichen. Doch Kritiker*innen wenden ein: Wie frei ist Zustimmung in einer Gesellschaft, in der Geschlechterrollen und ökonomische Abhängigkeiten bestehen? Wenn Frauen dafür sozialisiert werden, konfliktscheu, begehrbar und fürsorglich zu sein – wie haltbar ist dann das Konzept einer freien Willensentscheidung beim Sex? Philosoph*in Judith Butler schrieb einmal, Subjekte entstünden überhaupt erst innerhalb von Machtverhältnissen. Es gibt demnach kein souveränes Selbst außerhalb gesellschaftlicher Formung, das völlig frei zustimmen könnte. Die dystopische Konsequenz lautet: Patriarchale Herrschaft ist nicht bloß ein äußerer Einfluss auf Sex, sondern bildet den Rahmen für jede sexuelle Interaktion. Sex kann unter bestehenden Verhältnissen gar nicht herrschaftsfrei werden, weil das Begehren deformiert ist. Somit wäre jeder intime Moment von patriarchaler Macht und ihren Rollenmustern durchzogen.
Hoffnung auf herrschaftsfreie Intimität
Dennoch existiert die Gegenbewegung: die Hoffnung, dass Sexualität Herrschaft unterlaufen kann. Kaum eine politische Bewegung hat diese Idee so offensiv vertreten wie die Achtundsechziger und die Neue Linke. Für viele Aktivist*innen gehörte sexuelle Befreiung zur Überwindung autoritärer Gesellschaften. Monogamie, Ehe und sexuelle Moral galten als Disziplinierungsinstrumente kapitalistischer und autoritärer Ordnung. Inspiriert von Wilhelm Reich verbanden Teile der außerparlamentarischen Linken sexuelle Repression mit politischer Unterwerfung. Reich hält die sexuelle Unterdrückung für den Kern der autoritären Struktur. Befreiung sollte daher auch körperlich werden. Kommunen experimentierten mit offenen Beziehungen und kollektiver Kindererziehung. Sexualität erschien als möglicher Erfahrungsraum von Gleichheit und Authentizität. Doch die Geschichte dieser Utopien ist widersprüchlich. Es stellte sich heraus, dass die propagierte »freie Liebe« vor allem männliche Bedürfnisse privilegierte. Die feministische Kritik der 1970er Jahre machte sichtbar, dass auch antiautoritäre Szenen patriarchale Muster reproduzieren.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum ShopTrotzdem lebt die Hoffnung auf herrschaftsärmere Intimität fort. Projekte wie »The Ethical Slut« (Dossie Easton und Janet Hardy) oder Diskurse um ein polyamores Liebesleben fordern Herrschaftsfreiheit nicht nur im Bett, sondern im gesamten Beziehungsgeflecht. Heute propagiert progressive Ratgeberliteratur wie »Nur Ja! heißt ja« (Shaina Joy Machlus) oder »Polysecure« (Jessica Fern) die Vision von herrschaftsfreiem Sex durch Selbstreflexion und Kommunikation. Neuere feministische Ansätze betonen zudem, dass Machtverhältnisse zwar nie vollständig verschwinden, aber reflektierbar und darüber veränderbar sind. Machtgefälle wären dann keine metaphysische Konstante, sondern eine soziale Praxis – und als solche verlernbar. Vielleicht liegt darin die eigentliche Utopie: nicht im vollkommen reinen, machtfreien Sex, sondern in einer Intimität, die ihre eigenen Bedingungen mitdenkt. In einer Sexualität, die Begehren und Skripte versteht und kommuniziert, Verletzlichkeit zulässt und Dominanz nicht romantisiert. Meinen Sex bewusst, einvernehmlich und gewaltsensibel zu gestalten, begreife ich deshalb nicht als generelle Befreiung von Herrschaft, sondern als meinen Versuch, mitten in patriarchalen Verhältnissen alternative Formen von Nähe zu leben.