»Der feindlichen Stimmung entgegenwirken«
Geflüchtete an der US-Grenze ein Jahr nach Trumps Amtsantritt
Audiobeitrag von Leobardo Alvarado und
Dorothea Bornewasser
30.01.2026
Nach Trumps Amtsantritt ist das Asylrecht an der USA-Mexiko-Grenze praktisch außer Kraft gesetzt. Hunderttausende Geflüchtete sitzen in Ciudad Juárez fest – Berichte sprechen von Razzien, Abschiebungen und verzweifelten Familien ohne Perspektive. Unsere Kolleg*innen vom Medienkollektiv Juarlin, Dorothea Bornewasser und Leobardo Alvarado, haben mit Schwester Antonia Aranda Diaz gesprochen, die dort Geflüchtete betreut.
Skript Audiobeitrag - »Der feindlichen Stimmung entgegenwirken«
Erstausstrahlung am 3. Februar 2026 im südnordfunk #141
Sprecherin: Die Ordensschwester Antonia Aranda Diaz betreut Geflüchtete in der mexikanischen Grenzmetropole Ciudad Juarez. Alle haben Mexiko im Jahr 2024 als Transitland durchquert, um die USA zu erreichen. Überfälle, Entführungen, Festnahmen und Diskriminierung haben die allermeisten dabei erlebt. Am 20. Januar 2025 hat dann Donald Trump bei seinem erneuten Amtsantritt als US-Präsident das internationale Recht auf Asyl einfach ausgehebelt. Seitdem sind diese Geflüchteten in den mexikanischen Grenzstädten geblieben. Dort haben sie sich ein Leben unter dem Radar aufgebaut.
Antonia Aranda Diaz: Seit Trump erklärt hat: »Hier kommt niemand mehr rein« , sind viele Migranten in Juárez geblieben. Aber sie haben keine Papiere. Entweder wurden sie gestohlen, sie haben sie verloren oder irgendjemand hat sie ihnen weggenommen. Menschen aus Venezuela ist es verboten, diese außer Landes mitzunehmen. Zu allem Überfluss wurde in Mexiko auch noch der humanitäre Aufenthaltsstatus abgeschafft. Die einzige Möglichkeit, legal im Land zu bleiben ist, einen Mexikaner zu heiraten oder mexikanische Kinder zu bekommen.
Sprecherin: Schwester Antonia gehört zu einem der fünf Nonnenorden, die sich in Ciudad Juárez zusammengeschlossen haben, um Menschen in der Mobilität zu betreuen. Es sind Ordensschwestern mit grauen Haaren und ohne Habit, die in den Schlafstädten der Industriemetropole leben und den Ärmsten der Armen zur Seite stehen.
Antonia Aranda Diaz: Die Geflüchteten haben schlechte Erfahrungen gemacht mit staatlichen Einrichtung. Zu uns aber haben sie Vertrauen und das wollen wir auch nicht verlieren. Ich glaube, weil sie wissen, dass wir im Sinne unseres Glaubens handeln, weil wir Ordensschwestern sind. Deshalb ist es uns sehr wichtig, ihnen nahe zu sein. Uns vertrauen sie sich an, erzählen uns alles, und sie haben wahrlich einiges durchgemacht.
An der Mauer zu den USA gestrandet
Sprecherin: Menschen aus Süd- und Mittelamerika und der Karibik sind an der Mauer zu den USA gestrandet. Diese umfasst die Grenzstadt Juarez im Norden und Osten und trennt sie von ihrer Zwillingsstadt El Paso, Texas. Eine rostbraune Mauer aus Stahlstreben mit Klingendrahtfeldern und dem Rio Bravo davor, die sich wie eine Schlange durch den binationalen urbanen Raum zieht. Diese bleibt nun mit der Abschaffung des Asylrechts in den USA weitestgehend unüberwindbar. Doch eine Rückkehr kommt für die Meisten nicht in Frage.
Antonia Aranda Diaz: Viele Geflüchtete kommen aus Venezuela. Sie erzählen uns, sie hätten das Land verlassen, weil Lebensmittel dort einfach zu teuer seien. Sie arbeiten hart, erhalten aber keinen angemessenen Lohn. Entweder sie haben nicht genug Geld, um Essen zu kaufen, oder sie haben gerade Geld, aber es gibt keine Lebensmittel. Auch eine Gesundheitsversorgung gibt es nicht. Aus Honduras hingegen fliehen die Menschen, weil sie von den Jugendbanden bedroht werden, die Gewalt und Zwangsrekrutierungen ausüben. In Venezuela und überall ist von Erpressungen die Rede. Die meisten Geflüchteten hatten ein kleines Geschäft. Sie sind geflohen, weil sie bedroht wurden und ihre Familie in Sicherheit bringen mussten.
Sprecherin: Doch auch aus Mexiko selbst stehen viele Menschen an der Grenze, die aus den von den Kartellen umkämpften Regionen im Land geflohen sind und auf ein sicheres Leben im Nachbarland USA hofften. Sicher fühlen sie sich auch an der Nordgrenze nicht, denn die Kartelle haben Verbindungen in alle Landesteile.
»Die Familien hier in Juárez können ihre Miete nicht mehr bezahlen«
Antonia Aranda Diaz: Die Binnenvertriebenen aus Michoacán, aus Guerrero, aus Tapachula, aus Hidalgo, aus Guanajuato, aus Aguascalientes und Zacatecas, fliehen vor der organisierten Kriminalität. Die Narcos nehmen ihnen ihr Land weg und enteignen sie. Oder sie bedrohen sie. Die Menschen versuchen zu fliehen, um ihr Leben zu retten. Sie machen sich heimlich auf die Reise, mit dem, was sie am Leibe tragen, denn wenn sie mit einem Koffer gesehen werden, ist klar, dass sie weggehen, und die Narcos wollen nicht, dass jemand das von ihnen kontrollierte Gebiet verlässt.
Sprecherin: Egal aus welcher Region die Menschen fliehen mussten, die in mexikanischen Grenzstädten zu den USA abwarten, immer können sie auf ihre familiären Netzwerke zählen. Wer es in die Vereinigten Staaten geschafft hat, hilft denen, die auf dem Weg gestrandet sind.
Antonia Aranda Diaz: Viele der Familien, denen es gelungen ist, die Grenze zu überqueren, haben Angehörigen geholfen, nach Ciudad Juárez zu reisen und hofften, dass sich auch für diese die Möglichkeit ergäbe, in die USA einzureisen. »Keine Sorge, wir schicken euch Geld. Mietet ein Zimmer, mietet eine Wohnung.« Und während Biden im Amt war, lief alles gut. Die Familie in den Vereinigten Staaten arbeiteten, und sie schickten den Angehörigen hier Geld. Die warteten gelassen auf den Moment, die Grenze zu queren.
Über Nacht zu Papierlosen erklärt
Sprecherin: Doch seitdem Trump in den USA an der Macht ist, gibt es keinerlei legale Möglichkeiten auf eine Einreise. Und fast zwei Millionen Menschen, die schon in den Vereinigten Staaten ein Asylverfahren begonnen oder einen humanitären Aufenthaltsstatus hatten, wurden durch die Abschaffung der Asylpolitik über Nacht zu Papierlosen erklärt.
Antonia Aranda Diaz: Trumps Politik steht völlig außerhalb des Kontexts der Menschenrechte, eine Politik, die die Menschen nicht respektiert. Ob mit oder ohne Papiere, er respektiert niemanden. Daher sind die Menschen verständlicherweise sehr verängstigt.
Sprecherin: In den USA verschleppen Vermummte Menschen unter rassistischen Kriterien von der Straße. Angehörige der Migrationspolizei ICE unterstützt von sogenannten »Headhuntern«, Kopfgeldjägern, zerren Migranten und Migrantinnen in Vans ohne Kennzeichen, manchmal obwohl sie Papiere haben. Und Asylbewerber und -Bewerberinnen, die in regelmäßigen Abständen vor Gericht erscheinen müssen, werden diese Termine nun zum Verhängnis, denn dort erfolgen gezielte Festnahmen.
Antonia Aranda Diaz: Trump versucht jeden zu inhaftieren, der vor Gericht erscheint. Alles, was derzeit in den USA passiert, stellt große Risiken für die Menschen dar. Viele Geflüchtete kontaktieren mich aus den Staaten und teilen mir mit, dass sie nicht vor Gericht erscheinen werden. Sie suchen Anwälte, die sie vertreten. Anwälte verlangen derzeit jedoch rund 15.000 Dollar pro Fall. Vorher waren es 9.000 Dollar. Viele können sich aber momentan keinen Anwalt leisten, weil sie sich doch nicht zur Arbeit trauen. Dabei würden sie nun so dringend legale Unterstützung brauchen.
Sprecherin: Der Verbleib der Inhaftierten ist oft ungewiss, 60.000 Menschen sollen momentan in den USA festgehalten werden, die von der Straße weg verhaftet wurden. Abschiebungen in die Herkunftsländer werden angedroht oder die Inhaftierung in Straflager in anderen Bundesstaaten der USA oder El Salvador. Schwester Antonia hat einen solchen Fall betreut.
Razzien, Internierungslager, Pushbacks
Antonia Aranda Diaz: Sie stecken sie in Internierungslager. Ich betreue zum Beispiel einen Venezolaner, der mit einer US-Staatsbürgerin verheiratet ist. Als er für eine Unterschrift in seinem Asylverfahren vor Gericht erscheint, wurde er verhaftet. Sie tragen ihn ins Strafregister ein und teilen ihm mit, dass sie ihn nach El Salvador abschieben werden. Die Ehefrau versucht dagegen rechtlich vorzugehen, aber sie sagen ihr: Entweder er geht freiwillig nach Venezuela zurück, oder sie würden ihn abschieben und die Ehe annullieren. Er ist seit zwei, drei Monaten in einem Internierungslager, hier in der Nähe von El Paso, in New Mexico.
Sprecherin: In den USA leben Millionen von Familien mit Angehörigen ohne Papiere zusammen. Da sie mit dem täglichen Schrecken einer Abschiebung leben und vermeiden auf die Straße zu gehen und manchmal sogar zur Arbeit, verschlechtert sich die Situation von Geflüchteten auch an der mexikanischen Grenze.
Antonia Aranda Diaz: Trumps Politik führt zu Verfolgung und Angst, die Migranten in den USA können nicht mehr arbeiten. Was passiert? Die Familien hier in Juárez können ihre Miete nicht mehr bezahlen, nicht mehr essen. Warum? Weil ihnen das Geld fehlt, das ihre Verwandten ihnen zuvor schicken konnten. Sie leben in extremer Armut. Die Regierung kümmert sich nicht um ihre Bedürfnisse, und die solidarischen Netzwerke, die sie unterstützen, verfügen nicht über die nötigen Mittel. Sie werden krank, sind arbeitslos, leiden unter Depressionen, Stress und Posttraumatischen Belastungen.
»Die Regierung kümmert sich nicht um die Bedürfnisse der Geflüchteten. Und die solidarischen Netzwerke verfügen nicht über die nötigen Mittel.«
Die Situation, die Trump gerade schafft, ist sehr ernst. Seine Politik ist rassistisch, diskriminierend und führt zu nichts. Sein gesamtes Narrativ geht gegen die mexikanische Kultur. In seiner vorherigen Amtszeit und der jetzigen sind Rassismus und Diskriminierung vorherrschend. Logischerweise kann daraus nichts Positives entstehen. Ich glaube, dass er viele Menschen abschieben wird, auf illegale und verfassungswidrige Weise.
Sprecherin: Auch von der texanischen Grenzstadt El Paso werden Menschen über die Grenzbrücke in die Zwillingsstadt Ciudad Juárez abgeschoben. Menschen aus Sued- und Mittelamerika werden meist in südliche mexikanische Bundesstaaten ausgeflogen oder direkt in ihre Herkunftsländer zurückgeflogen. Die meisten, die nach Juarez zurück geschoben werden, sind Geflüchtete, die vor dem Terror der Kartelle in Mexiko geflohen sind. Mehr als 100 000 Mexikaner und Mexikanerinnen wurden im letzten Jahr aus den USA abgeschoben.
Antonia Aranda Diaz: Ich habe einige Leute auf der Straße gesehen, die um Hilfe baten. Ich fragte sie: »Woher kommen Sie?« Sie sagten: »Sie haben mich abgeschoben.« Ich fragte: »Helfen sie Ihnen denn nicht?« »Ja, aber sie gaben mir nur 2.000 Pesos und das hilft mir nicht« … »Und warum sind Sie nicht in Ihre Stadt zurückgekehrt?« Sie sagten: »Nein, ich habe niemanden da. Ich bleibe lieber hier und suche mir hier etwas, um zu sehen, ob ich arbeiten kann.« Und deshalb bleiben sie. Ciudad Juárez wird deutlich an Bevölkerung gewinnen.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum ShopSprecherin: Arbeit ist in der Grenzstadt mit 300 Montagefabriken, die im Schatten der USA für den Weltmarkt produzieren, leicht zu finden. Weniger Trump mit seinen horrenden Zollerhöhungen, als die Robotisierung von Arbeitsprozessen könnte Arbeitsplätze vor Ort mittel- bis langfristig gefährden. Auch wer keine Aufenthaltspapiere hat, kommt in den unzähligen kleinen und großen Geschäften, Dienstleistungsbetrieben, Bauunternehmen, Restaurants und Verkaufsständen in der 1,5 Millionenstadt unter. Nur Orte der Begegnung sind schwer zu finden.
Antonia Aranda Diaz: In Juárez suchen Migranten und Migrantinnen nach einem Ort, an dem sie sich miteinander treffen können. Wir wollen, dass sie sich in die Stadt integrieren, aber sie brauchen auch ihren eigenen Raum, einen multikulturellen Raum, in dem sie zu sich finden, einander zuhören und sich untereinander beraten können, was sie nun tun wollen. Wie sie sich hier niederlassen oder langfristig auch zurückkehren können.
Sprecherin: Ein solches Kulturzentrum, dass sich Schwester Antonia und andere mit Geflüchteten solidarischen Initiativen erträumen, soll nun im Osten der Industriemetropole entstehen. Es soll auch einer feindlichen Stimmung gegenüber Neuangekommenen entgegenwirken und Nachbarschaften bestärken.
Antonia Aranda Diaz: Wir möchten, dass auch Menschen aus Juárez mit den Neuankommenden diese Räume teilen. Wir möchten, dass sie in Workshops, Veranstaltungen und anderen Aktivitäten mit ihnen interagieren. Das passiert derzeit nirgendwo. Ich habe dem Bürgermeister gesagt, dass wir über intrakulturelle Begegnungen sprechen müssen. Niemand setzt sich dafür ein und es ist kein Thema auf der politischen Agenda.
Sprecherin: Schwester Antonia hingegen macht sich mit ihren Mitschwestern jede Menge Gedanken über die Integration der in Ciudad Juarez Gebliebenen. Das riesige Stadtgebiet ist schwer fassbar für Menschen aus anderen Ländern und Landesteilen: Eine Industriemetropole mit gigantischen Ausmaßen, riesigen Autostraßen und Wohnvierteln, die sich bis in die Wüste und die Bergkette über der Stadt ziehen.
Antonia Aranda Diaz: Wir bieten den Menschen Stadtführungen an, damit sie sich mit ihrer Umgebung vertraut machen können. Wir bringen sie zum Camino Real, der Umgehungsstraße in den Bergen mit Blick auf das Ballungszentrum, damit sie sehen, wo Nuevo México, El Paso und Juárez liegen. Und damit sie sich orientieren können. Viele sagen, oh, ich dachte, das Zentrum von Juárez sei schon die gesamte Stadt.
Sprecherin: Die Mehrheit der in der Grenzstadt lebenden Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten irgendwann zugezogen, um in den Fabriken an der Grenze zu arbeiten. Schwester Antonia hofft, dass auch die neuen Stadtbewohner*innen sich eines Tages hier zuhause fühlen. Denn jenseits der Grenze bleibt Trumps harsche Politik bestehen. In seinem ersten Amtsjahr wurden über 620.000 Menschen abgeschoben.* Weitere 1,9 Millionen papierlose Menschen sind gemeinsam mit ihren Familienangehörigen, die Aufenthaltspapiere besitzen oder sogar US-Staatsbürger*innen sind, in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt, um nicht auseinandergerissen zu werden. Jenseits der Grenze in El Paso (Texas) auf dem Militärgelände von Fort Bliss, sind rund 6.000 Menschen im Camp East Montana eingesperrt, die irgendwo in den USA verschleppt wurden. Dort sollen laut der demokratischen US-Abgeordneten Veronica Escobar menschenrechtsverachtende Zustände herrschen. Drei Männer sind in Haft verstorben. Währenddessen gipfeln die zivilgesellschaftlichen Proteste im ganzen Land in den Auseinandersetzungen in Minneapolis, wo im Januar 2026 zwei Menschen von der Migrationspolizei ICE erschossen wurden.
Ein Beitrag von Dorothea Bornewasser und Leobardo Alvarado.