Feminismus, der von unten wächst
Feministische Bewegungen Lateinamerikas
Rezensiert von Simone Weissinger
03.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416
»Die Kraft des lateinamerikanischen Feminismus liegt in der Vielfalt, der kollektiven Organisierung, in der Verbindung von Kämpfen.« Das macht Sophia Boddenberg in Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika Lernen deutlich. Feministische Kämpfe in den 2000ern in Chile, Argentinien, Kolumbien, Brasilien und Bolivien zeigen: es gibt nicht den lateinamerikanischen Feminismus; es sind Feminismen im Plural. Das Buch gibt einen Überblick über Kämpfe, die eng mit linken und ökologischen Bewegungen verbunden sind. Dabei bleibt es keineswegs theoretisch, sondern erzählt konkrete Erfahrungen von Feministinnen.
Ihre Perspektive als weiße Europäerin, die in Chile und Argentinien lebt, macht Boddenberg transparent. Sie versteht sich als Lernende und lädt die Leser*innen dazu ein, feministische, dekoloniale und indigene Ansätze aus Lateinamerika kennenzulernen, wie den feminismo comunitario.
Der Körper ist »die erste Kolonie«
In dieser Perspektive sind Kolonialismus, Patriarchat und Kapitalismus miteinander verbunden: der Körper ist »die erste Kolonie«. Boddenberg beschreibt, wie Begegnungen mit Aktivist*innen der Mapuche und Aymara ihre Position herausforderten. Sie lernte, dass Frauen nicht aus der Küche befreit werden müssen, dass sie politisch und ein Ort des Widerstands und der Wissensweitergabe ist. Schwarze Feministinnen aus Kolumbien und Brasilien lehrten sie, Antirassismus als festen Bestandteil feministischer Praxis zu begreifen. So erwächst politische Praxis aus der alltäglichen Erfahrung von Gewalt und Widerstand. Stellenweise werden den Lesenden explizite Schilderungen patriarchaler Gewalt zugemutet. Auch wenn der Fokus auf Handlungsfähigkeit liegt, bleibt Gewalt an Frauen, bis hin zu Feminiziden, schwer auszuhalten. Der Ruf »Ni una menos« (»nicht eine weniger«) hallt nach.
»Ni una menos«
Hoffnung trotz rechter Gegenbewegungen
Mut machte der Prozess rund um die neue Verfassung in Chile: Erstmals brachten feministische Kollektive, Umweltbewegung, Indigene und die LGBTQIA+ Community zentrale Anliegen in einen Prozess ein, der die gesellschaftliche Ordnung transformieren sollte. Auch wenn der Verfassungsentwurf scheiterte, bleibt der Text ein Leuchtfeuer für zukünftige feministische Projekte. In Zeiten, in denen weltweit rechte Politiker*innen feministische Errungenschaften angreifen, nährt »Revolution der Frauen« mit Geschichten einer feministischen Massenbewegung die »kleine Flamme«. So brennt das »Feuer transformativer sozialer Kraft« auch bei starkem Gegenwind.