Gruppenbild direkt vor der Säule von Soul City
Die Community aus Soul City | Filmstill aus »Soul City«

Soul City, North Carolina

Vision einer Stadt ohne Rassismus

Es klingt wie der Plot einer hippen Netflix-Serie: Afroamerikanische Aktivist*innen und weiße Hippies wollen im südlichen US-Bundesstaat North Carolina eine Stadt namens Soul City gründen. Dort gibt es keinen Rassismus und die Menschen leben ungeachtet ihrer Hautfarbe zusammen. In den 1970er Jahren wurde der futuristische Traum zum realen Bauprojekt und bekam sogar staatliche Förderung. Doch bevor sich die Modellstadt richtig entwickeln konnte, fiel sie einer rassistischen Kampagne zum Opfer. Was bewegte die ProtagonistInnen seinerzeit und was wurde aus ihren Ideen?

von Kathi King

01.08.2019
Veröffentlicht im iz3w-Heft 373
Teil des Dossiers Black History Month

Seit kurzem erfährt das visionäre Planstadtprojekt Soul City in den USA ein neues Interesse. Filme- und Radiomacher*innen sind an den Ort des Geschehens in North Carolina zurückgekehrt, um sich die Geschichte von den noch dort lebenden BewohnerInnen erzählen zu lassen und die GründerInnen des ehrgeizigen Projekts zu treffen. Heute gibt es nur noch etwa hundert Menschen in Soul City. Die Stadt war ein Produkt der Bürgerrechts- und Black-Power-Bewegung. Das Experiment, ermöglicht durch die einzigartigen historisch-politischen Umstände um 1970, ist eine steingewordene Manifestation des damaligen utopistischen Zeitgeistes. Wie die politischen Bewegungen, aus denen sich die Idee für Soul City speiste, war die Gründer*innengeneration der Stadt afroamerikanisch dominiert, jedoch nicht exklusiv schwarz.

Kopf des Projekts war der Civil-Rights-Anwalt Floyd B. McKissick. Seit 1966 war er Vorstand des Congress for Racial Equality (CORE), der sich damals radikalisierte. »Black Power« lautete sein Slogan. 1968 verließ McKissick diesen Posten, um sich dem Projekt Soul City zu widmen, welches sozusagen als Familienunternehmen entstand: Seine Frau Evelyn war Soul City‘s Feuerwehrkommandantin, sein Sohn Floyd B. Jr. Planungsleiter und dessen Schwester Charmaine McKissick-Melton Leiterin der städtischen Tanzschule. Gordon Carey, einer von McKissicks weißen CORE-Kollegen, wurde Vizepräsident der Soul City Company und McKissicks rechte Hand. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass die Bürgerrechts-AktivistInnen zu GründerInnen und ErbauerInnen einer Stadt wurden, die überdies in einem der für ihren Rassismus berüchtigten Südstaaten liegt?

Neue Städte gegen die Krise

1970 hatte die Regierung Nixon den National Urban Policy and New Community Development Act verabschiedet, der die Planung neuer urbaner Räume durch private AkteurInnen fördern sollte. Ziel war es, neuen Wohn- und Lebensraum zu schaffen. In der sogenannten Urban Crisis der 1960er waren viele amerikanische Großstädte zu lebensfeindlichen Umgebungen geworden, dominiert von Kriminalität, Ghettoisierung, Armut, Luftverschmutzung, Enge und der »white flight«, der Flucht weißer StadtbewohnerInnen in die Vororte. Die Urban Crisis war auch durch Straßenbauprojekte befördert worden: Die neuen Pendlerstraßen zwischen Suburbia und urbanen Zentren führten oft zu einer weiteren und verschärften räumlichen Segregation – sowohl entlang ökonomischer Verhältnisse als auch, eng damit zusammenhängend, bezüglich der Hautfarbe der BewohnerInnen. Die berüchtigte 8 Mile Road in Detroit ist ein gutes Beispiel dafür.

Vierzehn Projekte wurden durch die Verordnung der Regierung Nixon gefördert. Die Idee dahinter war technokratisch motiviert: Das gesammelte Know-How der Zeit über die Organisation von Communities und über Stadtplanung sollte eingesetzt werden, um von Anfang an die Probleme zu vermeiden, die zur städtischen Krise geführt hatten. Beim Großteil der geförderten Projekte handelte es sich um neue Stadtteile und Neubaugebiete, die aus dem Boden gestampft wurden. Soul City war die einzige »free standing town«, die einzige Stadt, die auf der grünen Wiese gebaut wurde und damit weder an die Infrastruktur noch an den Arbeitsmarkt einer nahegelegenen Stadt anknüpfte.

Unter den schlechten Lebensbedingungen in den Städten der Ostküste und des Mittleren Westens litt besonders die schwarze Bevölkerung. Im Zuge der großen Migration und angesichts des Rassismus, der Segregation und der wirtschaftlichen Diskriminierung im amerikanischen Süden hatte sich diese dort seit Anfang des 20. Jahrhunderts in großen Zahlen angesiedelt. Polizeigewalt, Wohnraumdiskriminierung und Segregation in Ghettos machten die Situation für viele Schwarze auch hier aussichtlos. Seit Mitte der 1960er kam es vermehrt zu Protesten, die meist blutig niedergeschlagen wurden. An eine Rückkehr in den Süden nach Jahrzehnten im »toleranteren« Norden war nicht zu denken. Oder doch? Genau jene Perspektive wollte Bürgerrechtler Floyd B. McKissick eröffnen. Das geflügelte Wort vieler AfroamerikanerInnen, lieber ein Laternenpfahl in New York City als ein Gouverneur in einem Südstaat zu sein, stellte er aktiv in Frage.

Die Stadt war ein Produkt der Black-Power-Bewegung

McKissick wählte den Standort der zukünftigen Stadt nahe der Grenze North Carolinas zu Virginia aufgrund der Anbindung an den Interstate Highway 85 und des günstigen Landes, das es dort zu kaufen gab. 1969 griff er zu und erwarb die ersten 732 Hektar. Bald darauf trafen die ersten Wohnwägen der Gruppe ein. Das Land gehörte zu einer ehemaligen Tabakplantage im landwirtschaftlich geprägten Warren County. Die nächstgelegenen Städte sind die jeweils etwa fünfzig Meilen entfernten Großstädte Raleigh und Durham. Plakatwände des Ku Klux Klan am Straßenrand boten den Ankommenden einen eisigen Empfang: »This is Klan County – Fight Integration and Communism.«

Bislang hatte es in dieser Gegend zwar einzelne Communities afroamerikanischer Sharecropper (eine Form der Pacht, bei der den Landbesitzer*innen ein Teil des Ertrags abgegeben wird) gegeben, doch waren diese eher aus der Not als aus einem Bedürfnis nach Autonomie entstanden. Bis heute gilt Warren County als eines der ländlichsten und ärmsten Counties im Bundestaat. Damals wies es die höchste Wegzugrate unter AfroamerikanerInnen auf, welche mit dem spöttisch »Chicken Bone Special« genannten Zug Richtung Norden aufbrachen. 1969 betrug das durchschnittliche Monatsgehalt von ArbeiterInnen aus Warren County 136 Dollar. Doch bekanntlich gelten niedrige Lohnkosten auch als Standortvorteil.

Portrait von Floyd B. Mc Kissick
Floyd B. Mc Kissick galt als »Mr. Black Power« | Filmstilll aus »Soul City«

Black is beautiful

Das Spannungsfeld von Separatismus, Integration und schwarzer Selbstbestimmung trieb nicht nur die zeitgenössische Presse um, sondern auch die Gründer*innen von Soul City selbst. Als schwarze und weiße Bürgerrechtler*innen standen für sie die rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner*innen und die De-Segregation ganz oben auf der Agenda. Ihre Erfahrungen in den angeblich liberalen urbanen Zentren des Nordens bewiesen ihnen aber, dass es für die endgültige Auflösung von ‚Race‘ Veränderungen sowohl auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene als auch hinsichtlich gewachsener rassistischer Strukturen in Wirtschaft und staatlichen Institutionen bedurfte. In einem Interview meinte McKissick zum Vorwurf des Separatismus wie gewohnt schlagfertig: »Wir müssen uns nicht vor Weißen für unsere Forderungen nach ‚Separatismus‘ rechtfertigen … Die wahren Separatisten sind schon vor Jahren in die Suburbs gezogen.« Die vielschichtige rassistische Diskriminierung und Ausgrenzung beantworteten viele Afroamerikaner*innen mit der Schaffung eigener Strukturen, wie etwa eigener schwarzer Bildungsinstitutionen.

Die Gründer*innen von Soul City partizipierten an der Radikalisierung der Bürgerrechtsbewegung und an der Entstehung von Black Power. Die Zelebrierung schwarzer Identität und Kultur, die sich in der Tradition des schwarzen Nationalismus sah und auch aus der Popkultur der Soul-Ära nicht wegzudenken ist, schlug sich nicht nur im Namen des Planstadtprojekts nieder. Gerne rückten die Gründer*innen die biblische Bedeutungsebene von »Soul« in den Vordergrund. Doch das wichtigste geflügelte Wort, mit dem Zeitzeug*innen den Geist der Gründungsphase beschreiben, lautete: »Say it loud, I’m black and I’m proud«, eine Songzeile des Soulsängers James Brown.

Demo-Memo

Politsprüche und ihre Geschichte

Abbildung von 3 Spielkarten u.a. mit dem Spruch »Wir sind hier wir sind laut...«

Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche

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Soul City wurde von ihren Gründer*innen aber nicht als explizit schwarze Stadt beworben, sondern als multikulturelle – und wurde diesem Label auch in der Realität gerecht. So wurde beispielsweise bald ein Schwimmbad eröffnet, in dem Weiße und Schwarze zusammen baden konnten – ein Novum in der Region. In Soul City entstand eine eng vernetzte Community, die zusammen arbeitete und ihre Freizeit verbrachte.

»Es klingt so kitschig und utopisch – aber so war es eben!« beschreibt Jane Ball-Groom in der Doku »Soul City« (2016) *

den damaligen Spirit. Die New Yorkerin hatte 1968, frisch entbunden von ihrem fünften Kind und auf der Suche nach Arbeit, auf eine Stellenanzeige für eine Sekretär*in der Soul City Company geantwortet. Sie habe nicht unbedingt aus New York wegziehen wollen – »damals war Harlem der Ort, um ‚young, gifted and black‘ zu sein«, meint Ball-Groom, Nina Simone zitierend. Doch »selbst als Sekretärin konnte man in der Soul City Company aufregende Dinge tun. Aber warum an diesem gottverlassenen Ort? Warum nicht zum Beispiel in Upstate New York?«, wundert sie sich heute noch.

Ball-Groom ließ die braunen Sandsteinhäuser Harlems jedenfalls hinter sich und zog mit ihrem Mann und den fünf Kindern in das Wohnwagendorf, das hinter dem Plantation House der ehemaligen Green Duke Tabakplantage lag – wo nun Soul City entstehen sollte. Wo sich einst weiße Landbesitzer mittels der Arbeitskraft von Sklaven bereicherten, wurden im nun »Foundation House« genannten Gebäude die ersten Büros der Pioniergemeinschaft eingerichtet. Bald sollte Ball-Groom hier ihr eigenes Heim bauen – etwas, was für sie in New York niemals möglich gewesen wäre. Sie lebt noch heute dort.

Unter­nehmer­tum und Ressen­timents

Anders als sein langjähriger Black-Power-Kampfgefährte Stokely Carmichael (später: Kwame Toure) lehnte McKissick die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht vollends ab. Er ging davon aus, dass es für die erstrebte Autonomie Schwarzer Amerikaner*innen auch wirtschaftlicher Unabhängigkeit bedurfte – etwa durch afroamerikanische Betriebe und Investor*innen. Einen attraktiven Standort sollte Soul City solchen Unternehmen bieten, die im Gegenzug die Prosperität der Stadt sichern würden. Zudem hatte der Civil-Rights-Anwalt wenig Berührungsängste mit der Realpolitik und unterstützte sogar den Wahlkampf des Republikaners Richard Nixon.

Seine Lobbyarbeit trug Früchte: Für ihren Dreißigjahresplan zum Aufbau von Soul City bekamen er und sein Team 1970 vierzehn Millionen Dollar bewilligt. Eine Einwohnerzahl von 50.000 war eines der anvisierten Ziele. »Trotzdem blieb ein Gefühl der Unsicherheit«, erinnert sich Ball-Groom, damals Verwaltungsassistentin des Unternehmens Soul City Inc. Am 3. Januar 1973 wurde der Republikaner Jesse Helms mit 53 Prozent als Senator für North Carolina in den Kongress gewählt. Der ehemalige Journalist, der mit seiner rassistischen Haltung nicht hinter dem Berg hielt, sollte zum erbitterten Feind von Soul City werden. Vehement bezeichnete er das Projekt als »umgekehrte Diskriminierung«. Davon konnte ihn auch die Grußkarte, die McKissick ihm aus Anlass seiner Wahl geschickt hatte, nicht abbringen. »Jesse Helms hielt meinen Vater vermutlich für den Antichristen«, beschreibt Floyd McKissick Jr. das Verhältnis des rechtskonservativen Politikers zum schwarzen Entrepreneur.

Der Präsident und der Bürger­rechts­anwalt


1968 fand Soul City-Begründer Floyd McKissick ausgerechnet in dem eingeschworenen Republikaner Richard Nixon einen Verbündeten. Es war der Glaube an den Unternehmergeist, der die beiden trotz aller Unterschiede miteinander verband. Die Republikaner*innen waren zudem scharf auf Stimmen schwarzer Wähler*innen.

McKissick unterstützte Nixons Präsidentschaftswahlkampf und Nixon traf sich mehrfach mit »Mr. Black Power« – selbstverständlich heimlich, um nicht die rassistische Stammwählerschaft zu vergraulen. Angesichts der Überwachung von McKissicks Bürgerrechtsorganisation CORE durch das FBI-Programm COINTELPRO (kurz für COunter INTELligence PROgram, eine Maßnahme zur Eindämmung und Unterwanderung linker politischer Bewegungen) unter der Regierung Nixon wirkt die Zusammenarbeit nicht nur aus heutiger Sicht unglaublich. Auch der von Nixon vorangetriebene War on Drugs, der sich vor allem gegen die afroamerikanische Community richtete, stand deutlich gegen diese Zusammenarbeit.

Die Verbindung der Soul City-Bewohner*innen zu den Republikanern hielt nicht lange an. Als McKissicks Sohn Floyd McKissick Jr. 2007 zum Senator für North Carolina gewählt wurde, war er für die Demokraten angetreten. Er übt dieses Amt bis heute aus. Dasselbe gilt für Eva Clayton, die 1992 als erste schwarze Frau für North Carolina ins Repräsentantenhaus einzog.

»Der Boss ist ein Schwarzer - das allein war vielen unbehaglich«

Zwischen 1974 und 1976 entstand in Soul City ein Stromnetz und man tat sich mit benachbarten Gemeinden zusammen, um eine neue Wasserversorgung für die Region aufzubauen, die sich aus einem nahegelegenen See speiste. Ein bildschöner futuristischer Wasserturm grüßte fortan die zukünftigen Bewohner*innen. In einer der Stadt gewidmeten Episode des Podcast 99% Invisible beschreibt Jane Ball-Groom den täglichen Anblick und den Geruch der Bulldozer und Baumaschinen als »sehr empowernd«. Der Traum einer neuen Stadt – mit Afroamerikaner*innen als Bauherren – wurde greifbare Realität.

Das Fabrikgebäude Soul Tech 1 entstand. Hier sollten junge Unternehmer*innen den Grundstein einer ortsansässigen Industrie bilden und weitere, größere Unternehmen anlocken. Mit Healthco wurde sodann ein dringend benötigtes Gesundheitszentrum für die unterversorgte Region gebaut – McKissicks größter Stolz. Vorher hatte es hier nur einen einzigen schwarzen Arzt gegeben, der allein für zwei Counties sorgen musste. Die Rechnungen von Healthco wurden entsprechend dem Einkommen der Patient*innen ausgestellt.

Doch die infrastrukturellen Standortvorteile schienen nicht auszureichen. Die Zeitzeug*innen machen den Namen Soul Tech 1 dafür verantwortlich: Er habe »zu schwarz« geklungen. McKissick habe aber darauf bestanden. Dazu fehlte der Stadt eine ausreichend große schwarze Schicht mittelständischer Unternehmer*innen. Dass Soul City als schwarz galt, schreckte weniger die ländliche Bevölkerung im Umland ab, wohl aber große Unternehmen. Daran konnten weder der weiße Bürgerrechtler und Vize-Präsident von Soul City Inc., Gordon Carey, noch die weißen Bewohner*innen etwas ändern. »Der Boss ist ein Schwarzer – das war allzu vielen unbehaglich«, meint Carey, der trotz den Plakatwänden des Ku Klux Klans keine besondere Feindlichkeit seitens der lokalen Bevölkerung feststellte. Es sei nie zu rassistischen Übergriffen gekommen. Zwar habe es die typischen Pickup-Fahrer mit Gewehren gegeben, aber die habe man ignoriert, erinnert sich Carey. Vielmehr hätten sich die lokalen Geschäftsleute über die Zugezogenen gefreut.

Holpriger Start, jähes Ende

Die erhoffte Ansiedlung größerer Industrieunternehmen in Soul Tech 1 blieb aus, und damit kamen auch zu wenige neue Bewohner*innen. Soul City wuchs nicht wie erwartet. Der Reaktionär Jesse Helms witterte seine Chance. Durch seine zahlreichen Kontakte zur konservativen Presse in North Carolina gelang es ihm, das strauchelnde Stadtprojekt mit Vorwürfen wie Korruption und Veruntreuung von Steuergeldern derart in Verruf zu bringen, dass Soul City sich nicht mehr davon erholen sollte. Ein fünfteiliger »Enthüllungsbericht« in der Regionalzeitung Raleigh News and Observer brachte Soul City in Misskredit. Selbst die daraufhin angeordnete Prüfung der Bücher – diese stellten sich als einwandfrei heraus – konnte dem ruinierten Ruf nichts mehr entgegensetzen. Der langjährige Fürsprecher Richard Nixon war 1974 im Zuge der Watergate-Affäre zurückgetreten. 1979 strich das Department for Housing and Urban Development die Gelder für Soul City endgültig.

Carey machte schon damals die Inkompetenz der Behörde für den holprigen Start der Modellstadt verantwortlich. So meinte er in einem Artikel der Washington Post vom 2. Juli 1979: »Es wäre ja etwas anderes, wenn wir die einzigen wären, die innerhalb des New Town Programms scheitern, aber es sind bereits ganze acht davon eingestellt worden. Die Regierung kommt einfach nicht mit den Problemen klar, denen man sich eben in der realen Welt stellen muss, wenn man etwas Neues aufbaut.« Planerische Schwierigkeiten durch hin- und hergeschobene Verantwortlichkeiten zwischen Gemeinde, Bundesstaat und nationaler Ebene, etwa beim Straßenbau und der fehlenden Kläranlage, hatten zu Verzögerungen beim Erreichen der geplanten Einwohner*innenzahl und beim Zuzug von Unternehmen geführt.

Das Ende der staatlichen Förderung sollte nicht der letzte Schlag für die Community von Soul City sein. Im selben Jahr wurde Warren County als Standort für eine Giftmülldeponie ausgewählt. Sie sollte nur wenige Meter entfernt von der lokalen Grundwasserquelle liegen. Trotz großer Proteste durch Anwohner*innen – bei denen neben anderen auch McKissick verhaftet wurde – war es 1982 so weit: Die Laster mit der toxischen Fracht aus krebserregenden Chlorverbindungen (PCB) rollten in das ländliche County. Ein Bericht von 1987, der die Lage von Giftmüllkippen landesweit untersuchte, kam zu dem Schluss, dass diese überdurchschnittlich oft in der Nähe von Ortschaften angelegt wurden, in denen People of Color die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Erst 2003, zwei Jahre nach dem Stockholmer Übereinkommen, das diese Chlorverbindungen verbot, begann der Staat mit der Reinigung der Böden um Soul City.

Vom Inku­bator zur Straf­anstalt

Als Charmaine McKissick Melton 2018 von dem jungen Filmemacher Isaac Hughes Green interviewt wird, betont sie die Tragik des gescheiterten Projekts: Das ehemalige Soul Tech 1-Gebäude, welches einst junge afroamerikanische Entrepreneure beherbergen sollte, wird heute als Gefängnis genutzt. McKissick-Melton als Mutter schwarzer Söhne ist nicht die Einzige, die die bittere Ironie dieser Umnutzung erschüttert. Das Schicksal von Soul Tech 1 macht auf einzigartige Weise die Kontinuität der Unterdrückung wie auch den visionären Fortschrittsoptimismus in der afroamerikanischen Community deutlich. Zugleich steht die Idee von Soul City für den Fortbestand der Hoffnung auf eine bessere Zukunft angesichts des nicht enden wollenden Nachwirkens der Sklaverei.

Heute besteht Soul City aus etwa achtzig Gebäuden, die an Straßen mit so hoffnungsfroh klingenden Namen wie Liberation Road und Freedom Circle liegen. Unter den wenigen noch hier Lebenden ist Jane Ball-Groom. Sie sitzt im Green Duke House, dem ehemaligen Foundation House, das heute ein Heritage Center und eine Jobvermittlung beherbergt, an ihrem Schreibtisch und erzählt unermüdlich die Geschichte ihrer Stadt.

Kathi King ist Mitarbeiterin im iz3w und forscht an der Uni Freiburg zu afroamerikanischen Schriftstellerinnen der 1930er Jahre.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 373 Heft bestellen
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