Qualmen, saufen, zocken
Individualisierung von Sucht und Gesundheit im Kapitalismus
Gesellschaftliche Phänomene werden im Kapitalismus individualisiert. So erscheinen Sucht, Krankheit und Gesundheit als durch individuelle (Fehl-)Entscheidungen bedingt. Dabei sind es Staat und Kapital, die Herstellung und Vertrieb von Suchtmitteln organisieren und betreiben. Es sind ebenfalls diese beiden Akteure, die soziale Verhältnisse aufrechterhalten, in denen proletarisierte Menschen zu einem kurzen Leben in schlechter Gesundheit verdammt sind.
Ich höre mittlerweile seit fünfzehn Jahren mit dem Rauchen auf. Ich muss gestehen, ich bin inzwischen richtig gut darin geworden. Seitdem ich mit dem Rauchenaufhören angefangen habe, wurde ich zwar ein- bis zweihundertmal rückfällig, aber ich muss mich an dieser Stelle damit rühmen: Offensichtlich habe ich nach jedem meiner eintägigen bis mehrwöchigen Rückfälle immer wieder mit dem Rauchen aufgehört. Wer will da noch behaupten, dass es schwer ist, mit dem Rauchen aufzuhören? Ich habe es immerhin schon mehrere hundert Male geschafft.
In Wahrheit fühlt sich das Ganze wie ein gigantischer Misserfolg an, und wie eine Charakterschwäche. Dabei ist der Druck aufzuhören, objektiv gesehen ziemlich hoch: Nach dreißig Jahren Rauchen (und Rauchenaufhören), durch das Essen von industriell hochverarbeitetem Dreck und einer familiären Disposition habe ich eine solche Hypertonie entwickelt, dass ich trotz täglichen drei Stunden Hochintensitäts-Sport im Fitti unbedingt mit dem Quarzen aufhören muss. Zumindest, wenn ich noch ein paar Jahrzehnte weiter Artikel in unserer Alltagskritik-Rubrik schreiben will. Da ich aber so eine schwache Willenskraft habe, gelingt mir das einfach nicht.
Individualisierung von Sucht
Die fehlende Willenskraft als Erklärung heranzuziehen, unterschlägt, dass es Dealer*innen mit eigenen Interessen gibt: Tabakindustrie und Staat. Diese haben mich süchtig gemacht und Interesse daran, dass ich es bleibe. Statt mich zu schützen, verdient der gesetzgebende Staat daran, mich an jeder Straßenecke an Tabak-, Alkohol-, Zucker-, Salz-, Fett-, Tabletten- und Glücksspieldealer auszuhändigen, die mich abhängig machen und, im Falle der meisten dieser Suchtmittel, über kurz oder lang töten werden.
Die Einnahmen aus der Tabaksteuer betragen laut Statistischem Bundesamt zirka 15 Millionen, die aus der Alkoholsteuer etwa zwei bis fünf (es werden hierzulande kaum welche erhoben) und die aus der Besteuerung von Medikamenten jährlich um die acht Milliarden Euro in Deutschland. Die Steuereinnahmen aus übermäßig gesüßten und gesalzenen Lebensmitteln sind schwer zu erfassen. Aber die großen Umsätze machen hier die Tabakindustrie mit zirka 30 Milliarden Euro, die Alkoholindustrie mit rund 52 und die Pharmaindustrie mit etwa 80 Milliarden Euro jährlich. Hinzu kommt, dass das Geschäftsmodell ganzer Wirtschaftszweige auf dem Verkauf von Suchtmitteln gründet, wie etwa in der Gastronomie, wo der Umsatz in der Regel damit gemacht wird, Alkohol zu pushen. Das ‚Drogensyndikat‘ aus Staat und Kapital tritt auch international auf, indem es den globalen Vertrieb und die Erschließung neuer Märkte für Tabak, Alkohol, Medikamente, süchtig machende Lebensmittel und Glücksspiel organisiert.
Kolonialstaaten haben versucht, ganze Bevölkerungen drogensüchtig zu machen
Die Kolonialstaaten etablierten den internationalen Drogenhandel. Im Kolonialismus traten sie als Pusher von Opium, Kokain und Haschisch auf. Dabei wurden unter anderem Kriege geführt, um den Widerstand gegen die massenhafte Einfuhr von Drogen im Globalen Süden zu brechen – etwa in den Opiumkriegen, die von Großbritannien und Frankreich gegen das Kaiserreich China geführt wurden (iz3w 411). Es waren die Kolonialstaaten, die erstmalig versucht haben, die Bevölkerungen ganzer Länder im Globalen Süden drogensüchtig zu machen. Es waren Kolonialunternehmen, die mit der Zerstörung von Individuen und sozialem Zusammenhalt ihr großes Geld gemacht haben.
Meine Tabaksucht ist ein gesellschaftliches Problem: Sie wurde mir durch Kapital und Staat aufgebürdet. Und doch wird sie sogar von mir selbst individualisiert: Ich charakterschwaches Wesen bekomme es einfach nicht gebacken, diesen ekeligen, stinkenden Sargnägeln endgültig abzuschwören. Zumindest ist mir bei dieser Selbstzuschreibung von Verantwortung und Schuld rational bewusst, dass es sich bei dem Narrativ individueller Sucht um kapitalistische Ideologie handelt. Das vorherrschende Narrativ, Süchtige hätten einfach eine falsche Abzweigung im Leben genommen – Pech, hätten sie eben nicht machen sollen –, dient dem Zweck, dass ich für meine Sucht selbst verantwortlich gemacht werde.
Nach dieser Erzählung ist meine Sucht ein Ausdruck meines individuellen Scheiterns. Hier treffen sich eine liberale und eine patriarchale Ideologie. Für das Scheitern an den unbegrenzten Möglichkeiten im Kapitalismus bin ich selbst verantwortlich. Mein Scheitern ist Ausdruck meiner Schwäche und aufgrund dieser Schwäche ist alles, was mir widerfährt, auch gerechtfertigt. So siebt das Leben aufrechte, disziplinierte und gefühlslose Führer*innen aus dem Heer kriechender, jammernder Versager*innen aus.
Individualisierung von Gesundheit
Das gleiche trifft auf die Individualisierung von Gesundheit zu. Wer in Gegenden Kinder bekommt und aufzieht, die gegenwärtig oder in der Vergangenheit industriell oder landwirtschaftlich stark genutzt wurden – und diese Kinder aufgrund verseuchter Böden, verseuchten Grundwassers oder verseuchter Luft schon im Jugendalter tödlich erkranken – ist doch selbst schuld. Was waren die Eltern dieser unheilbar erkrankten jugendlichen Menschen auch so dumm, in so eine Gegend zu ziehen? Warum waren sie so faul, dass sie sich nichts in einer besseren Wohngegend leisten konnten?
Es handelt sich beim Narrativ individueller Sucht um Ideologie
Die Stellung in der sozialen Hierarchie spielt im Kapitalismus eine zentrale Rolle: Wer ein erfolgreicher, nicht zu junger, nicht zu alter Mann in Wirtschaft, Politik oder Sport ist, hat sich das auch verdient. Wer Frau*, migrantisiert oder behindert ist oder sich in der sozialen Hierarchie nicht in einer Stellung befindet, aus der andere beherrscht und für die eigenen Zwecke ausgebeutet werden, gilt eindeutig als jemand, die/der/das etwas falsch gemacht hat. Teil dieser Erzählung des Self-made-Menschen ist auch die Gesundheit. Meine Gesundheit ist meine Leistung. Ich habe sie mir erarbeitet. Kranksein (auch suchtkrank) ist wahnsinnig unsexy. Hier packt uns die Angst, in der kapitalistischen Konkurrenz nicht erfolgreich unsere Arbeitskraft verkaufen zu können. Wertvoll ist an mir nur meine Arbeitskraft. Wenn meine Arbeitskraft erloschen oder beschädigt ist, bin ich im Kapitalismus auch nichts mehr wert.
Die tatsächlichen Ursachen meiner Gesundheit begründen sich allerdings auf anderen Aspekten: Der Grad der Exponierung gegenüber Umweltgiften und technologischen Stressoren in Kindheit und Erwachsenenalter, die Qualität von Nahrung und Trinkwasser und das Wissen um Toxigene. Aber auch die Gesundheit der Elternmenschen, die Zeit, die diese für Sorgearbeit zur Verfügung haben und aufbringen, das Vorhandensein und die Qualität sozialer und kommunaler Netzwerke, das Ausmaß der unmittelbaren und strukturellen Herrschaft und Gewalt im sozialen Umfeld sowie die Verfügbarkeit und Nutzung von Wissen. Wie im Bereich der Sucht, dient die Individualisierung von Gesundheit dem Zweck, selbst für diese verantwortlich gemacht zu werden. So werden die vielschichtigen Herrschaftsverhältnisse, durch die meine Gesundheit konstituiert wird, aus der Verantwortung genommen und gegen Kritik immunisiert.
Kollektivierung von Sucht und Gesundheit
Ein Ausweg aus der Individualisierung könnte sein, sich nicht wieder individuell gegen die Individualisierung von Sucht zu wehren, sondern kollektiv. Wir erleben unseren Drang zu qualmen, saufen und zocken als ureigenes Bedürfnis, das durchaus auch an Gefühle und Erinnerungen von Widerständigkeit, Rebellion und Selbstbestimmung gekoppelt sein kann. Trotzdem müssen wir gemeinsam der Ausbeutung unserer Vulnerabilität durch Staat und Suchtmittelproduzent*innen widerstehen.
Jetzt werdet ihr mir vorwerfen, dass ich eure wertvolle Lebenszeit mit einer plumpen Straight-Edge-Predigt vergeudet habe. Ja, das gebe ich auch zu. Aber wir haben hier einen elementaren Widerspruch herausgearbeitet, und zwar: Wir wollen nicht von Staat und Kapital fremdbestimmt werden, wir wollen aber auch über unseren Konsum selbst bestimmen und nicht zu Selbstoptimierer*innen werden. Unsere meisten Bedürfnisse sind ein Produkt gesellschaftlicher Subjektivierungsprozesse – und dennoch real. Wir existieren ausschließlich als vergesellschaftete Subjekte. Es gibt kein authentisches oder gar natürliches Selbst. Dies gilt es gemeinsam auszuhalten.
Eine andere Strategie wäre es, uns in gemeinschaftlichen Prozessen bewusst zu werden, wie unsere Gesundheit und Krankheit aus gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen entstehen. Es gilt, als Menschheit gemeinsam die Fragen zu stellen: Wie wollen wir leben? Und wie schaffen wir die Existenz und Reproduktion von sozialer Ungleichheit ab, die uns immer wieder in die Sucht fliehen lässt?