Koloniale Spuren im Nordwesten
Postkoloniales Niedersachsen
Rezensiert von Joachim Zeller
03.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416
Studien, die die Rückwirkungen des kolonialen Projekts in ‚Übersee‘ auf die ‚Metropole‘ in den Fokus nehmen, erscheinen mittlerweile nicht nur zu einzelnen Städten, sondern zunehmend auch zu ganzen Regionen, wie dem Sauerland, und Bundesländern. In dieses Forschungsfeld gehört der Sammelband Aspekte des Kolonialen in der Geschichte von Niedersachsen und Bremen. Die 15 Beiträge des Buches basieren überwiegend auf Vorträgen, die auf einer Tagung in Cuxhaven im Jahr 2022 zur kolonialen Geschichte Nordwestdeutschlands gehalten wurden.
Koloniale Verflechtungen im Nordwesten
Das Themenspektrum reicht von der Geschichte Schwarzer Menschen an den Höfen der Frühen Neuzeit, der glokalen Kolonialökonomie Osnabrücks und dem Bremer Versklavungshandel über die Beteiligung des Norddeutschen Lloyd an der kolonialen Schifffahrt, die Provenienzforschung zu Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und die hannoversch-britischen Verstrickungen in das koloniale Herrschafts- und Wirtschaftssystem bis hin zur postkolonialen Erinnerungskultur am Beispiel des »Bremer Elefanten« und des Braunschweiger Kolonialdenkmals.
Der Sammelband reiht sich gewinnbringend in die Debatte um das »Empire at Home« ein
Interessante Einblicke in die Vita von Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg bietet der Aufsatz von Bernd Kasten. Er stellt den Herzog, der ein Vierteljahrhundert Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft war, als völkischen Nationalisten, Antisemiten und mit seinen rassistischen Ansichten als politisch rechtsextrem dar. Was bei der Lektüre des Artikels allerdings unangenehm auffällt, ist die unkommentierte Verwendung von kolonialer Sprache, wenn er etwa von den »Exoten wie Soliman ben Nasar« und den »eingeborenen Geliebten« weißer Männer spricht; oder wenn das zitierte N-Wort lediglich kursiv gesetzt wird.
Andere Aufsätze wie Thomas Schwarks »Hannover und Englands ‚koloniale Vergangenheit‘. Wie ein Museum die Perspektive wechselt« lösen dieses Problem angemessener. Hier wird Wert auf einen bewussten Umgang mit rassismussensiblen Ausdrucksweisen gelegt. Insgesamt reiht sich dieser wichtige Sammelband gewinnbringend in die auch international geführte Debatte um das »Empire at Home« ein.