»Wir müssen linke Vorstellungskraft wieder aktivieren«
Interview über Beyond Molotovs: Strategien gegen Autoritarismus
Börries Nehe koordiniert das Internationale Wissenschaftskolleg zu Autoritarismus und Gegenstrategien (IRGAC) an der Universität Potsdam. Er ist Mitherausgeber der Publikation »Beyond Molotovs«, in der zeitgenössische antiautoritäre Aktionen versammelt sind. Im Interview spricht er über linken Kulturkampf, kreativen antifaschistischen Widerstand und Hoffnung.
iz3w: Was ist die Idee vom Handbook Beyond Molotovs?
Börries Nehe: Die Idee entstand 2021 im Rahmen des IRGAC. Wir merkten, dass wir relativ viel über autoritäre Mobilisierung und Transformation wissen, aber wenig davon, welche Gegenstrategien es gibt und wie sie funktionieren. Zentral war außerdem die Beobachtung, dass Autoritarismus weniger auf kohärenten Argumenten als auf einer emotionalen Ansprache und Ästhetik beruht. Wir haben uns gefragt: wie können wir dem Autoritären auf dieser Ebene begegnen? Daraus haben wir einen Call für Strategien gemacht, auf den wir etwa 150 Einsendungen aus aller Welt erhielten. 50 davon bringt unser Buch zusammen. Es ging uns nie darum, die ganze Welt darzustellen, sondern unterschiedliche Perspektiven in einem Mosaik aufzuzeigen. Wir nennen das zwar »Handbook«, aber es ist kein klassisches Handbuch mit Anleitungen. Vielmehr soll es Inspiration geben und Zugänge aufzeigen, wie man autoritären Strukturen und Affekten begegnen und anti-autoritäre stärken kann.
»Autoritarismus beruht weniger auf kohärenten Argumenten als auf einer emotionalen Ansprache und Ästhetik.«
Könnte man ein Projekt wie Beyond Molotovs als eine Form von linkem Kulturkampf verstehen?
Das ist eine spannende Überlegung. Was wir jetzt gerade erleben, sei es von der AfD, vom rechten Flügel der CDU oder anderen autoritären Playern, ist ein Fokus auf diese »kulturellen Aufregerthemen«. Stuart Hall beschrieb solche Dynamiken als moral panics. Es ist wichtig zu verstehen, dass sie Teil eines breiten politischen Angriffs auf demokratische Werte, Umweltpolitik sowie Minderheiten- und Arbeiter*innenrechte sind und über reinen ‚Kulturkampf‘ hinausgehen. Beim Antifeminismus beispielsweise geht es zentral um patriarchale Kontrolle über ‚weibliche‘ Körper, beim Rassismus immer auch um neokoloniale Machtbeziehungen, und so weiter. Bei Linken gibt es oft die Vorstellung, die Rechten führen ihren Kulturkampf und manipulieren damit die Massen, deshalb müssten wir uns auf die ‚wirklichen‘ materiellen Interessen konzentrieren. Ich halte diese Trennung von kulturellen und materiellen Interessen für nicht hilfreich. Materielle Interessen sind immer auch kulturell determiniert und umgekehrt. Kulturkampf ist so immer auch Klassenkampf. Beyond Molotovs blickt auf Interventionen auf der Ebene von Affekten und Ästhetik und spielt daher stark im kulturellen Feld, aber nie abgekoppelt von materiellen Bedürfnissen.
Gibt es ein Beispiel im Buch, das so eine Auseinandersetzung auf dem kulturellen Feld zeigt?
Die Beiträge arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen – von großen sozialen Bewegungen bis zu sehr persönlichen Erfahrungen. Eine Autorin beginnt mit einer Aufzählung von Momenten in ihrem Leben, in denen sie von Männern in Mexiko-Stadt sexuell angegriffen wurde. Die feministische Mobilisierung rund um den 8. März verändert ihren Blick auf die Stadt. In den kleinsten Ecken hängen Sticker und Stofffetzen mit feministischen Botschaften. Es geht dann darum, wie sich der eigene Körper in der Stadt anfühlt – von diesen kleinen Interventionen bis hin zur großen Demo am 8. März, bei der Zehn- bis Hunderttausende Frauen durch Mexiko-Stadt ziehen und sich Raum zurücknehmen. Das ist eine Auseinandersetzung um »Kultur«, um Körper und um Stadt als materiellen Raum.
Ein anderer Beitrag bewegt sich auf einer sehr intimen Ebene: »Collective Dreams on the Wall« von Aylin Kuryel. Sie greift ein Buch der deutschen Journalistin Charlotte Beradt auf, die während der NS-Zeit die Träume von Menschen – insbesondere Oppositionellen – über Faschismus dokumentierte. Aylin hat Exzerpte daraus auf Poster gedruckt und in Istanbul an Wände gehängt. Daneben stand »write your dream here« und Leute haben geschrieben wie sie vom Regime träumen. Das berührt eine selten betrachtete Ebene: Was macht Autoritarismus mit unseren Träumen und unserer inneren Welt? Das geht weit über das hinaus, was man als »Kulturkampf« fassen könnte.
Wenn die Rechte kulturelle Konflikte so erfolgreich politisiert – wie kann die Linke darauf reagieren?
Das greift ja die Frage auf: Was ist der Unterschied zwischen rechtem und linken Kulturkampf? Geht es nur um Inhalt – also die einen sind für Ungleichheit und die anderen dagegen? Oder gibt es grundsätzliche Unterschiede, wie wir über Kultur nachdenken und was Kultur, Emotionen, Kunst oder Symbole politisch leisten sollen? Ich sträube mich etwas dagegen, unser Projekt einem »linkem Kulturkampf« zuzuordnen. Wir fragen uns in erster Linie, was wir autoritären und kapitalistischen Diskursen und Praktiken entgegenstellen können und was eine antifaschistische Affektpolitik sein kann.
Faschismus appelliert an Gefühle und holt Menschen in Situationen von Verunsicherung, Krise und Frustration erfolgreich ab. Es ist wichtig, diese Sorgen ernst zu nehmen – wir alle erleben Unsicherheit. Das spielt Faschist*innen allerdings aktuell stärker in die Hände. Die Rechte bietet oft einfachere Antworten, wie »Du bist ein weißer Mann und deshalb besser als alle anderen« oder »Merz sorgt vielleicht dafür, dass du bis 75 arbeitest, aber hey, dafür kommen keine Pakistaner mehr nach Deutschland.«
»Was ist der Unterschied zwischen rechtem und linken Kulturkampf? Geht es nur um Inhalt oder gibt es grundsätzliche Unterschiede, wie wir über Kultur nachdenken und was Kultur, Emotionen, Kunst oder Symbole politisch leisten sollen?«
All das versuchen wir aufzubrechen. Wir geben keine Anleitungen, sondern setzen auf die subversive Kraft von Kultur, Kunst und sozialen Bewegungen. Es geht darum, Verhältnisse zu hinterfragen, neue Perspektiven zu entwickeln und zu vertrauen, dass Menschen eigene Antworten finden. Neben direkten Gegenstrategien fokussiert unser Ansatz auch Affekte und Kultur als Raum für »utopische Energien« – also die Fähigkeit, sich andere Formen des Zusammenlebens vorzustellen, nicht nur als Traum, sondern als reale Möglichkeit. Ein Autor nennt das »heterotopische Interventionen«, angelehnt an Foucaults Idee von Utopien im Hier und Jetzt. Viele Beiträge zeigen dieses präfigurative, vorwegnehmende Moment. Dabei fragen wir uns natürlich, ob diese Offenheit Leute in Zeiten von Verunsicherung tatsächlich anspricht. Wir sollten aber nicht den autoritären Formen des linken Kulturkampfs verfallen, die es ja leider auch gibt.
Warum habt ihr die Beiträge nach Strategien geordnet – und was lässt sich daraus lernen?
Im Buch gibt es drei Ordnungen: eine eher subjektive Dramaturgie zum Durchblättern, eine »postkartografische« Anordnung ohne Nationalgrenzen und eine Einteilung nach Strategien.
»Wir setzen auf die subversive Kraft von Kunst und sozialen Bewegungen.«
Wir fragen, was bei der jeweiligen Intervention die Strategie ist, mit der dem Autoritären begegnet wird und auf welcher Ebene die Interventionen im Buch ansetzen. Eine Strategie heißt beispielsweise subvert hijack divert. Hier geht es darum, wie hegemoniale Diskurse und Praktiken ‚gehackt‘ werden können. Unter der Strategie explore transcend desire sammeln wir politische Erfahrungen, in denen ein anderes Leben und eine andere Gesellschaftlichkeit möglich wird. Unter link weave nurture geht es um alltägliche Praktiken wie Essen und Trinken. Wenn Leute zusammenkommen und sich besprechen, passiert das oft anhand einer »Politik der alltäglichen Notwendigkeiten«. Unter der Milei-Regierung in Argentinien sind etwa die Suppenküchen ein zentraler Raum, in dem Austausch und Politik möglich sind.
Was für Resonanzen gab es nach der Herausgabe?
Es gab viel Interesse, in letzter Zeit nochmal verstärkt. Das Buch wurde viele tausend Male heruntergeladen. Und wir haben eine Ausstellung mit Exzerpten aus dem Buch gemacht, die wir tausend mal gedruckt haben – die ist mittlerweile vergriffen und wurde überall auf der Welt gezeigt. Viele Beitragende waren begeistert, ihre Aktion im Buch zu sehen und sich zu vernetzen. Angesichts der vielen Katastrophen weltweit macht es Hoffnung zu sehen, was Leute auf der ganzen Welt für spannende und wichtige Sachen machen.
Digitales Schnupperabo
Drei Monate schnuppern, lesen, schmökern.
Wir glauben, dass wir in dieser Situation auf der affektiven Ebene intervenieren müssen, um linke Vorstellungskraft und Utopien wieder zu aktivieren. Aber das ist nicht trennbar von anderen politischen Interventionen, um den Faschismus zu stoppen. Wir brauchen auch eine radikale Umverteilungspolitik und müssen demokratische Rechte verteidigen und erweitern. Und wir brauchen den Antifaschismus und antiautoritäre Kämpfe auf den Straßen und in den Stadtvierteln. Widerstand geht sicherlich nicht nur mit Graffiti und lustigen Memes. Wir müssen die verschiedenen Strategien zusammendenken und dabei die Ebene der Affekte noch viel stärker reflektieren.
IRGAC (Hg.): Beyond Molotovs. A Visual Handbook of Anti-Authoritarian Strategies. transcript Verlag, 2024. 356 Seiten, 30 Euro. Das Buch gibt es auch kostenlos als PDF auf der Verlags-Webseite.