Jawad, eine Atemmaske tragend, fährt mit einem Verwundeten auf seinem Motorrad
Jawad vom Widerstandskomitee auf seinem Motorrad | Bilder: Courtesy of Native Voice Films

»Jetzt wollten sie den Film erst recht machen«

Der Film »Khartoum« handelt von Krieg und Alltag im Sudan

Der erneute Bürgerkrieg im Sudan findet nur sporadische Aufmerksamkeit. Der mit dem Berlinale-Friedensfilmpreis 2025 ausgezeichnete Dokumentarfilm »Khartoum« zeigt das Alltagsleben und die Entwicklungen in der sudanesischen Hauptstadt aus der Perspektive ihrer Bewohner*innen, die nach einer kurzen Phase demokratischer Befreiung wieder mit einer Militärregierung und dem beginnenden Bürgerkrieg konfrontiert sind. »Khartoum« ist auch ein Film über das Exil aus der Perspektive der Betroffenen.

von Sabine Hagemann-Ünlüsoy

11.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409

Die Dreharbeiten für »Khartoum« beginnen 2022 als Dokumentation pro-demokratischer Proteste nach einem Militärputsch im Oktober 2021. Aber mit dem offenen Machtkampf zweier Militärfraktionen im April 2023 muss der Film abgebrochen werden. In Nairobi und Kairo wird das Filmprojekt mit neuen Fragestellungen zu Flucht und Exil fortgesetzt.

Das Motto der Doku »5 Leben. Eine Stadt. Eine Nation im Krieg« steht für die fünf Protagonist*innen, deren Leben in Khartum zwischen Militärcoup und demokratischer Protestbewegung gezeigt wird. Eine Gruppe junger sudanesischer Filmemacher*innen der »Sudan Film Factory« arbeitet dafür mit der Londoner »Native Voice Films« zusammen. Mit gespendeten iPhone-Kameras führen sie Explorationen in der Stadt durch.

Dabei berichten die Protagonist*innen über ihr Leben, begleitet von jeweils einem der fünf Regisseur*innen. Es entstehen fünf verschiedene Khartum-Geschichten, zum Beispiel die poetischen Bilder aus den Streifzügen der beiden Straßenjungen Lokain und Wilson vom Glück beim Auffinden »goldwerter« Plastikflaschen, auf deren Suche sie sind – die »Unberührbaren« der sudanesischen Gesellschaft. Im Gegenschnitt die Geschichten der anderen Protagonist*innen sowie die Bilder friedlicher Demonstrationen mit pro-demokratischen Parolen, die Erinnerungen an den Arabischen Frühling wachrufen. Thematisiert wird auch die zunehmende Gewalt gegen die Demonstrierenden.

Der Film wird angetrieben von dem Wunsch, gefilmt zu werden, zu zeigen und gesehen zu werden. Die Kamera stiftet Beziehungen zwischen den beteiligten Regisseur*innen, den Protagonist*innen, den Demonstrierenden und dem Kinopublikum, denn die Personen in der Doku sprechen zur Kamera hin. Darüber hinaus gibt es keine zusätzlichen Kommentare. Wir hören ihre Stimmen, eingebettet in den Sound der Umgebung.

Über den Wolken fliegt Magdi auf einer Taube Shisha rauchend auf Khartoum blickend
Filmstill: Der Verwaltungsangestellte Magdi fliegt auf einer Taube über Khartum | Bilder: Courtesy of Native Voice Films

Die »5« repräsentieren die Diversität der sudanesischen Gesellschaft nach ethnischer Zugehörigkeit, Alter, Familienstand, Geschlecht und sozialem Status: Die beiden Straßenkinder, die Teeköchin Khadmallah, eine alleinerziehende Mutter, der junge Aktivist Jawad sowie der Staatsbeamte und Familienvater Majdi – ein Spiegelbild der facettenreichen sudanesischen Hauptstadt. Allerdings wären sie in der hierarchisch zerteilten Gesellschaft ohne das Filmprojekt nie zusammengekommen. Ihre sehr verschiedenen Erzählungen über Khartum sind überschattet von einer bedrückenden Atmosphäre wachsender Bedrohung. Der Film in Khartum endet dann abrupt mit dem Ausbruch des Kriegs in und um die sudanesische Hauptstadt im April 2023.

Der zweite Teil von »Khartoum« spielt im neu geschaffenen Studio in Nairobi. Crew und Protagonist*innen finden hier nach Monaten der Flucht wieder zueinander. Sie leben wie in einer Familie zusammen und sprechen über ihre Erfahrungen der letzten Monate. In dieser Atmosphäre fällt der Beschluss zur Fortführung des Films. Mit neuer Technologie, einer Videokamera und einer leeren Leinwand (green screen), die einen offenen Hintergrund bildet, der im Nachhinein bebildert werden kann, schafft die leere Bühne Raum für Erinnerungen und Träume. Die Themen: Der Traum von Glück. Die Hintergrundbilder wählen die Protagonist*innen dann selbst. Diese werden in den Technikstudios von London in den green screen hineinkomponiert. Oder: Traumatische Momente auf dem Weg ins Exil wie der Moment der Entscheidung, Khartum zu verlassen. Diese werden auf der leeren Bühne in Form einer Familienaufstellung reaktiviert. Eine professionelle therapeutische Begleitung ist im Hintergrund dabei. Mit den dramatischen Szenen zur emotionalen Lage der Exilant*innen geht »Khartoum« an die Grenze des Zeigbaren, begleitet von einer ‚freundlichen Kamera‘, die zusieht und versteht – und eine Verbindung zur Welt schafft.

PS: Nach der ‚Rückeroberung‘ Khartums Ende März 2025 sind die Filmcrew und die Protagonist*innen nicht zurückgekehrt. Die beiden Straßenjungen gehen in Nairobi zur Schule, adoptiert von Khadmallah, die in Nairobi wieder einen Teestand eröffnet hat.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 409 Heft bestellen
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