Douglas Rushkoffs "Survival of the Richest", Rezension

Von der Vision zur Dystopie

Rezensiert von Georg Lutz

19.08.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 410

Als der US-amerikanische Medientheoretiker Douglas Rushkoff eine Einladung in ein exklusives Wüstenresort erhält, nimmt er an, dass er dort über Zukunftstechnologien sprechen soll. Stattdessen sieht er sich Milliardären gegenüber, die ihn zu Luxusbunkern und Marskolonien befragen. Während die Welt mit der Klimakatastrophe und sozialen Krisen ringt, überlegen diese Männer, wie sie im Fall eines Systemkollapses ihre eigenen Privatarmeen in Schach halten können.

So kündigt der Suhrkamp-Verlag sein Buch über die Tech-Milliardäre an. Das geschilderte Szenario ist nicht nur absurd, sondern es zeigt einen Wechsel der Denkstruktur auf. Noch vor zehn Jahren verkauften uns das Silicon Valley und seine Tech-Milliardäre optimistische Visionen mit ambitionierten Businessplänen. Heute suchen sie den richtigen Notausstieg für sich. Welche Tür ist erfolgsversprechend? Bezos setzt auf das All, Thiel verkriecht sich in einer Bunkeranlage in Neuseeland und Zuckerberg flieht ins digitale Metaverse.

Rushkoff steht vor und hinter dem Tresen. Einerseits begleitet er seit Jahrzehnten kritisch das digitale Wirtschaften, andererseits ist er gleichzeitig ein Akteur im Kosmos der Tech-Milliardäre. Per Taschenbuch kommentiert er das jetzt als Survival of the Richest.

Die Elite baut ein eigenes Wirt­schafts­system auf

Anfang der 1990er-Jahre setzte die Cyberpunk-Ära starke Zeichen einer Minderheit, die den Zeitgeist prägen wollte. Es entwickelte sich eine Gegenkultur, die in der Digitalisierung eine Chance auf eine Zukunft mit mehr Demokratie und Verteilung sah. Das alte Business stellte nach einer Phase des Zögerns Geld zur Verfügung. Anfang 2000 platzte die Dotcom-Blase und die New Economy war derzeit geprägt von Kursverfall und Insolvenz. Seitdem ging es schwerpunktmäßig nicht mehr um die Finanzierung von neuen Technologien, sondern Technologien waren nur noch das Mittel, um schnelles Geld zu machen. Die Tech-Elite entwickelte ein Mindset, das in einem Paralleluniversum landete.

Die Eliten brauchen aber Bewegungen von unten – die MAGA-Bewegung in den USA lieferte sie. Viele Akteure von Make America Great Again dachten: Jetzt haben wir die rote Pille geschluckt, wir entkommen der Matrix. Sie hassen den Tech-Milliardär und Philanthropen Bill Gates, wollen aber im Computerspiel auf gleicher Augenhöhe mitspielen. Inzwischen gibt es (juristisch gesehen) Ingroups, die durch Gesetze geschützt, aber nicht gebunden sind, und Outgroups, die durch Gesetze gebunden, aber nicht geschützt sind. Die Elite setzt sich nun ab und baut ein eigenes Wirtschaftssystem auf, ohne die gesellschaftlichen Konsequenzen tragen zu müssen. Diese Entwicklungsstränge zeichnet Douglas Rushkoff spannend nach.

Georg Lutz

Douglas Rushkoff: Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind. edition suhrkamp, Berlin 2025. 282 Seiten, 22 Euro.

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