Das Verschwinden einer Utopie

Was bleibt vom demo­kratischen Aufbruch in Nord- und Ostsyrien?

Audiobeitrag von Kio Weck

07.03.2026
Teil des Dossiers Feministische Kämpfe

Seit Anfang 2026 wurde die Demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien im Zuge einer militärischen Blitzoffensive durch die syrische Übergangsregierung und ihre Verbündeten in weiten Teilen zurückgedrängt. Mit den Angriffen gerät nicht nur ein politisches Projekt unter Druck, sondern auch die konkrete Utopie einer freieren, basisdemokratischen und geschlechtergerechten Gesellschaft, in der sich insbesondere für Frauen und queere Menschen neue Räume von Teilhabe und Selbstbestimmung erkämpft hatten. Im Gespräch mit Anita Starosta von medico international finden wir heraus, was die aktuellen Angriffe für die Menschen vor Ort bedeuten. Wir sprechen auch über die Zukunft des Projektes Rojava und darüber, was es jetzt braucht, um den zivilen Widerstand und die verbliebenen selbstverwalteten Strukturen solidarisch zu unterstützen.

Skript zum Audiobeitrag

Erstausstrahlung am 3. März 2026 im südnordfunk #142 bei Radio Dreyeckland

Sprecherin: Seit Anfang 2026 wurde die demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien, kurz Rojava genannt, im Zuge einer militärischen Blitzoffensive zurückgedrängt. Innerhalb weniger Tage drangen die Truppen der syrischen Übergangsregierung durch die islamistische Miliz-HTS und ihre Verbündeten in die kurdischen Gebiete vor. Die HTS auf Deutsch: Komitee zur Befreiung der Levante, ist ein islamistisches Bündnis, das Ende 2024 den langjährigen Diktator Bashar al-Assad stürzte. Seither bildet es die Übergangsregierung in Syrien. Zum Übergangspräsidenten wurde ihr ehemaliger Anführer Ahmed al-Sharaa ernannt, früher bekannt unter dem Namen Al-Jolani. Er ist ehemaliger Al-Qaida-Kämpfer und gründete die Al-Nusra-Front gegen das Assad-Regime. Mit den Angriffen auf die demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien gerät nicht nur ein politisches Projekt unter Druck, sondern auch die konkrete Utopie einer freieren, basisdemokratischen und geschlechtergerechten Gesellschaft. In den vergangenen Jahren hatten sich insbesondere Frauen und queere Menschen neue Räume von Teilhabe und Selbstbestimmung erkämpft. Besonders bekannt wurden in diesem Kontext die Verteidigungseinheiten der Frauen YPJ, die das Projekt der Selbstverwaltung auch militärisch nach außen hin verteidigten. Anita Starosta arbeitet bei der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International. Sie ist für die Region Syrien, Irak und Türkei mit Fokus auf die kurdischen Gebiete zuständig und reist immer wieder nach Rojava. Für sie war vor allem die Bildsprache während der Offensive von offener Misogynie geprägt.

Anita Starosta: Es gab ein sehr symbolträchtiges Bild von einer Kämpferin, die sich selber umgebracht hatte und von einem Soldat einer islamistischen Miliz einfach so aus dem dritten Stockwerk eines Gebäudes geworfen wurde. Es gab diese Videoaufnahmen aus Raqqa, wo ein Geschäftsbesitzer oder einem Kämpfer, man weiß nicht so genau, so einen Zopf von einer kurdischen Frau in die Kamera gehalten hat und sich darüber lustig gemacht hat, dass sie jetzt die Frauen hier vertrieben haben. Das hat eine große Welle der Solidarität ausgelöst und ganz viele Frauen, nicht nur in Syrien, sondern auch in der Diaspora haben sich symbolisch aus Solidarität Zöpfe geflochten.


Eine befreite Gesellschaft ist nur über die Befreiung der Geschlechter möglich


Sprecherin: Gerade im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit galt Rojava über Jahre hinweg als einziger demokratischer Ansatz für die Region. Das Verständnis von Gesellschaft in der Selbstverwaltung geht davon aus, dass eine befreite Gesellschaft nur durch die Befreiung der Geschlechter möglich ist. Die Parole Jin, Jiyan, Azadî, Frau-Leben-Freiheit, spiegelt dieses Verständnis wider. Die demokratische Selbstverwaltung entstand im Zuge des syrischen Bürgerkrieges durch ein Machtvakuum im Norden des Landes.

Ab 2012 wurde in Nord- und Ostsyrien ein System implementiert, das auf der Idee des demokratischen Konföderalismus beruht und schließlich in der demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien mündete. Dieses ideologische Konzept geht auf den kurdischen Politiker Abdullah Öcalan zurück. Es sieht eine radikale Dezentralisierung politischer Macht vor. Über ein Rätesystem soll die Bevölkerung direkt an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen beteiligt werden. Anita Starosta erklärt, was das für die Rechte von Frauen in der Region konkret bedeutet.


Anita Starosta: Im Bereich der Frauenrechte bedeutet dies, dass ein Co-System eingeführt wurde. Also in allen strukturellen Bereichen und auch institutionellen Bereichen gibt es eine Doppelspitze, die jeweils von einer Frau und einem Mann besetzt wird. Zum Beispiel in öffentlichen Ämtern, in den Bürgermeisterämtern, aber auch der Vorsitz von Krankenhäusern oder anderen Organisationen. Da gibt es in der Regel so eine Doppelspitze, gerade in den Bereichen, die der kurdischen Befreiungsbewegung nahestehen.


Sprecherin: Die kurdische Freiheitsbewegung beinhaltet auch eine ideologische Komponente. Es gibt eine eigene Wissenschaft, genannt Geneologie, die die Rolle von Frauen in Geschichte und Gesellschaft neu interpretiert und so einen grundlegenden gesellschaftlichen Transformationsprozess anstoßen will. So gibt es beispielsweise Akademien und Einrichtungen, wo die Grundsätze einer befreiten Gesellschaft gelehrt werden. Immer unter der Prämisse, dass diese nur durch die Befreiung der Frauen der Gesellschaft erreicht werden kann. In der praktischen Umsetzung zeigt sich das unter anderem im sogenannten Frauendorf in Nordost-Syrien, das maßgeblich von Frauen aufgebaut wurde und in dem selbst organisiert gelebt und gearbeitet wird. Auch Anita Starosta setzt sich in ihrer Arbeit bei Medico International mit konkreten Beispielen vor Ort auseinander.


Anita Starosta: Medico International unterstützt zum Beispiel seit vielen Jahren ein anonymes Frauenhaus und ein Waisenhaus, das von der Frauenkommission in Nordost-Syrien geführt wird. Gerade in diesem anonymen Frauenhaus ist diese ganze Frage - Gewalt an Frauen, häusliche Gewalt - ein großes Thema, wo zumindest versucht wurde, einen Zufluchtsorte für Frauen zu schaffen, aber auch öffentlichkeitswirksam Kampagnen zu machen, um häusliche Gewalt zu thematisieren und Frauen aus gewaltvollen Verhältnissen rauszuholen. Das gab es in der Region bisher so noch nicht.

Rojava als Projektions­fläche linker Ideen

Sprecherin: In Deutschland wird das Modell des demokratischen Konföderalismus oft idealisiert und dient als Projektionsfläche für linke Ideen. Für Anita Starosta ist die Realität vor Ort jedoch komplexer.

Anita Starosta: Gleichzeitig darf man aber auch nicht den Fehler machen, dieses System, was da erprobt worden ist, dem gesamten Land überzustülpen. Das haben wir ja gesehen, als es zu diesem Vormarsch gekommen ist und die HTS und die islamistischen Milizen in die arabischen Gebiete eingelaufen sind. Da wurden sie jubelnd empfangen, was ja nochmal darauf hindeutet, dass es der Selbstverwaltung mit dieser Idee des demokratischen Konföderalismus in den letzten Jahren nicht gelungen ist, alle Bevölkerungsteile mit zu nehmen oder zu überzeugen.

Sprecherin: Seit dem 29. Januar gilt nun ein Abkommen zwischen der demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien und der syrischen Übergangsregierung durch die HTS, die derzeit die zentralen Machtstrukturen in Syrien kontrolliert. Das Abkommen sieht die Integration der Selbstverwaltung in den syrischen Zentralstaat vor, die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten SDF und damit auch die Frauen-Einheiten YPG sollen in das syrische Militär integriert werden, dürfen aber weiterhin als Selbstverteidigungseinheiten bestehen bleiben. Außerdem wurde ein Waffenstillstand der Konfliktparteien ausgehandelt, so dass Angriffe wie zu Beginn des Jahres eingestellt wurden. Die Belagerung der 600.000 Einwohnerstadt Kobane, die nun seit Ende Januar besteht, hält trotz des Abkommens weiter an. Die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtet fast täglich von medizinischen und Nahrungsmittelengpässen. Eine humanitäre Katastrophe steht unmittelbar bevor. In dem Abkommen von Januar ist auch geregelt, dass ein Teil der Region weiterhin unter lokaler Selbstverwaltung bestehen bleibt. Das betrifft insbesondere das Gouvernement Hazaka. Dort soll es weiterhin eine kurdisch geprägte Verwaltung, eigene Sicherheitskräfte und lokale politische Strukturen geben. Anita Starosta bewertet das Abkommen vorsichtig optimistisch.

Anita Starosta: Dass zumindest diese lokale Selbstverwaltung übrig bleibt, ist so ein kleiner Hoffnungschimmer für die Region. Es ist aber überhaupt nicht auszuschließen, dass es nochmal zu Gewalteskalation kommt, dass sich nicht an dieses Abkommen gehalten wird und dass diese Überreste nicht überleben werden. Es ist ein Prüfstein für die syrische Demokratiefrage, dass diese Region diese Selbstverwaltung überleben kann.

Sprecherin: Das Abkommen wurde unter massiven militärischem Druck beschlossen. Für die Selbstverwaltung bedeutet es einen deutlichen Machtverlust, zugleich aber möglicherweise die Sicherung eines verbleibenden autonomen Kerns. Ob dieser Bestand haben oder in einer erneuten militärischen Eskalation vonseiten der syrischen Übergangsregierung doch noch verschwinden wird, bleibt abzuwarten. In der weiterhin selbstverwalteten Region rund um Hazaka hat sich der Alltag bislang weniger stark verändert. Die bestehenden Frauenstrukturen, Bildungsprojekte und lokalen Gremien arbeiten weiter, wenn auch unter großer Unsicherheit. Anita Starosta zeigt sich durch ihren Besuch in Rojava zu Beginn des Jahres und die Gespräche mit ihren Projektpartnerinnen zuversichtlich.

»Wir lassen uns von den Islamisten nicht unsere Rechte nehmen«

Anita Starosta: Also ich glaube in dem Bereich, den ich heute die lokale Selbstverwaltung nennen würde, wird es durchaus möglich sein, auch für Frauen, weiterhin ihre Projekte und ihre Rechte, ihre Wissenschaft fortzusetzen. Das war auch, als wir jetzt vor Ort waren, der ganz klare Tenor gerade von den Frauen, die gesagt haben, wir lassen uns die Rechte und die Errungenschaften der letzten Jahre nicht einfach so von den Islamisten, den Militärs, die hier vor der Tür stehen nehmen und das meinen sie schon ernst.

Sprecherin: Anders ist die Lage in den arabisch geprägten Gebieten, etwa in Raqqa oder Deir ez-Zor. Dort sind Strukturen, die der Selbstverwaltung nahe standen, Kulturzentren, Frauenhäuser oder lokale Initiativen teilweise aufgelöst worden. Aktivist*innen berichten von Einschüchterungen und gewaltsamen übergriffen. Gleichzeitig sind nicht alle feministischen Stimmen verschwunden. Auch in diesen Regionen gibt es arabische Feministinnen und Frauenrechtsgruppen, die geblieben sind und versuchen ihre Arbeit unter den neuen Machtverhältnissen fortzusetzen. Ob und wie viel Spielraum sie dafür haben werden, ist derzeit unklar. Der islamistische Hintergrund der HTS und des Übergangspräsidenten al-Shahraa‘s lassen bei vielen Kritiker in Zweifel bestehen.

Anita Starosta: Es gab ja in der Zeit so eine Generalmobilisierung der Zivilgesellschaft, also die Bewaffnung der Zivilbevölkerung. Es gab ganz viel so Nachbarschaftsposten in der Zeit der Angriffe, wo nicht klar war, ob das Militär weiter vorrückt. Da waren auch ganz viele Frauen beteiligt und das ist sehr selbstverständlich, ohne große Diskussionen. Das heißt, das wirkt sich schon auf die Gesellschaft und auf die Frauen aus, sie verteidigen sehr selbstbewusst ihre eigenen Rechte. Und so sind Frauen in den letzten Jahren vielleicht auch selbstbewusster geworden, obwohl es auch immer noch ein große Probleme in der Region gibt: Frauenmorde, Minderjährige, die verheiratet werden, häusliche Gewalt. Es gibt auch immer noch sehr patriarchale Strukturen und je größer die gesellschaftlichen und militärischen Konflikte sind, desto stärker wird auch diese Gewalt an den Frauen ausgelassen. Da kann man nur hoffen, dass genau diese Strukturen, die sich gebildet haben, auch jetzt in den Krisenzeiten greifen und Frauen schützen.

Von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen – und doch nicht allein

Sprecherin: Zur Vorbereitung auf den 8. März hatte die gemeinsame Plattform der Frauenorganisation in Rojava kürzlich eine nationale und internationale Kampagne gestartet, die die Verankerung von Frauenrechten in der neuen syrischen Verfassung fordert. Die Erklärung wurde in Qamischlo von 29 Frauenbewegungen, Organisationen und politischen Parteien unterzeichnet, wie Kongra Star, der Dachverband der Frauenorganisation in Rojava berichtete. Die Kampagne umfasst nicht nur die verfassungsrechtliche Verankerung der Frauenrechte, die Einführung einer 50 Prozent Frauenquote in allen staatlichen Institutionen sowie die Anerkennung des Co-Vorsitzenden-Systems. Bei den Forderungen geht es beispielsweise auch um den Schutz der Frauenverteidigungseinheiten YPG und die Aufklärung des Schicksals vermisster Frauen. Alles mit der klaren Botschaft, dass die erkämpften Errungenschaften der Frauenrevolution nicht verhandelbar sind und in der neuen Verfassung Syriens verankert werden müssen. Appelliert wird nicht nur an die syrische Politik, sondern auch an die internationale Gemeinschaft. Und natürlich an feministische Bewegungen weltweit, da sich der kurdische Befreiungskampf seit jeher als internationalistisches Projekt versteht. Internationale Solidarität spielt eine zentrale Rolle, politisch wie symbolisch. Während der Blitzoffensive entstand bei vielen Menschen vor Ort das Gefühl, von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen worden zu sein. Weder die USA noch europäische Regierungen griffen ein, um den Vormarsch der Milizen zu stoppen. Friedrich Merz lud den Übergangspräsidenten als Sharaa sogar nach Berlin ein, um mit ihm über eine mögliche Zusammenarbeit zu sprechen. Gleichzeitig gab es starke Mobilisierungen aus der kurdischen Diaspora und den Nachbarregionen. Demonstrationen, Solidaritätskarawanen und öffentliche Proteste waren für viele Menschen vor Ort in Rojava ein wichtiges Zeichen dafür, dass sie nicht alleine sind. Für Anita Starosta ist diese Solidarität psychologisch und politisch bedeutsam.

»Die einzigen, auf die sie sich verlassen können, sind ihre kurdischen Nachbarinnen«

Anita Starosta: Sie werden im Stich gelassen von den USA, von der internationalen Gemeinschaft, von den europäischen Regierungen, denn niemand stoppt diesen Vormarsch, diese Blitzoffensive. Und die einzigen, auf die sie sich verlassen können, sind ihre kurdischen Nachbarinnen, sowohl im Nordirak, in der Südosttürkei, wo es große Solidaritätsdemonstrationen gab, Menschen an die Grenze gekommen sind und sich solidarisch erklärt haben. Und auch die europäische Mobilisierung, Solidaritätskarawanen, die Demonstration der Diaspora, also das ist schon ein sehr wichtiges Zeichen für die Menschen vor Ort, damit sie sich nicht ganz alleine und nicht total im Stich gelassen fühlen. Wir werden wahrscheinlich noch sehr lange mit dieser Regierung zu tun haben. Und ich glaube, diejenigen, auf die es jetzt ankommt, sind zivilgesellschaftliche Initiativen von unten, die weiter Druck machen, die Frauenrechte für Demokratie, für Verständigung unter den Bevölkerungsgruppen, unter den verschiedenen Ethnien eintreten und sich trauen, auch weiter die Stimme gegen Al-Sharaa und die islamistische Regierung zu erheben.

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