»Die Sklavengeschichte ist ein Teil von mir«
Interview mit dem Autor Martin R. Dean
In seinem Roman »Tabak und Schokolade« spürt Martin R. Dean der kolonialen Geschichte seiner Familie nach – von verschleppten indischen Vorfahren auf der karibischen Insel Trinidad bis zum Aufwachsen in der Schweiz der 1960er-Jahre. Ein Gespräch über Erinnerung, Identität, koloniale Amnesie und Rassismus.
iz3w: Im Roman »Tabak und Schokolade« wandelst du auf der Spur der kolonialen Geschichte deiner Familie. Was kam dabei heraus?
Martin R. Dean: Die größte Entdeckung war, dass meine indische Familiengeschichte auch eine Art Sklavengeschichte ist. Meine indischen Vorfahren wurden in einem Umsiedlungsprogramm, das an Versklavung erinnert, in die Karibik verschifft. Das hat jetzt viel mit meiner Identität gemacht: zu erfahren, dass ich nicht nur Enkel einer Rügener Bauerstochter und Sohn einer Arbeitertochter bin, sondern dass auch diese Sklavengeschichte, diese postkoloniale Geschichte, ein Teil von mir ist.
In Deutschland weiß man nicht viel über die Verschiffung von Menschen aus Indien in die Karibik. Was hatte es damit auf sich?
Das ist nicht nur in Deutschland so. Europa leidet sozusagen an einer kolonialen Amnesie. In der Schweiz will man gar nichts über die Beteiligung an den Sklavenplantagen wissen. So wie man auch nichts von der Hortung jüdischer Kunst oder jüdischen Geldes in Schweizer Banken wissen wollte, bis das 1996 aufgedeckt wurde.
»This is first class, you go second class«
Diese Verschiffung, man nannte es Kontraktarbeiterschaft, ist im englischsprachigen Raum sehr viel bekannter, weil ein englisches Unternehmen sie organisierte. John Gladstone, im Indienhandel tätiger britischer Abgeordneter, ließ 1837 erstmals 400 Arbeitskräfte von Bengalen nach Britisch-Guayana verschiffen. Sie ‚verpflanzten‘ also Menschen aus den Kolonien in die Karibik, weil dort nach dem Ende der Sklaverei im Britischen Empire im Jahr 1833 die Arbeiter*innen auf den Feldern fehlten. Das betraf etwa 1,5 Millionen Menschen aus Indien und China. Die Verschiffung erfolgte auch auf umgebauten Sklavenschiffen. Aber es sollte ja nicht nach Sklaverei aussehen: Deshalb hatten die Passagier*innen 30 Prozent mehr Platz.
Warum haben die Leute in Indien sich darauf eingelassen?
Dafür muss etwas weiter zurückgeschaut werden: In den 1760er/ 70er-Jahren hatte England ein großes Handelsdefizit mit China, weil sehr viel Tee von dort importiert wurde. Um dem etwas entgegenzustellen, kamen sie auf die Idee, im Ganges-Gürtel Opium herstellen zu lassen und nach China zu schmuggeln. So wurde im Ganges-Gürtel der Ackerbau auf Opium umgestellt. Die indischen Bauern verdienten dabei so wenig, dass Leute verhungerten. Man kann sich von Opium ja nicht ernähren. Diese Zusammenhänge waren den Engländern aber egal. Sie organisierten vielmehr die dreimonatige Fahrt der Verarmten auf die karibischen Plantagen. Ihre unterschriebenen Verträge konnten die Arbeiter*innen nicht einmal lesen, weil sie auf Englisch verfasst waren.
Und so sind auch deine Vorfahren nach Trinidad gekommen?
Ja. Ich habe herausgefunden, dass mein Ururgroßvater ein verarmter brahmanischer Priester aus Uttar Pradesh war. Am 8. Juli 1876 wurde er im Hafen von Kalkutta auf ein Schiff namens The Foyle verfrachtet. Auf solchen Schiffen gab es in der Regel 300 bis 350 Passagiere; auf 100 Männer kamen 5 Frauen: Auf einem Schiff. Drei Monate lang. Es ist überliefert, dass diese Frauen herumgereicht und später auf den Plantagen oft aus Eifersucht von den Männern mit dem Zuckerrohrmesser in Stücke gehauen wurden. Meine Ururgroßmutter Rinya Bardeo wurde über zehn Jahre von einem schottischen Aufseher vergewaltigt. Drei ihrer sechs Kinder stammen von ihm – ich bin also auch ein bisschen Schotte. Eine von ihren Töchtern, meine Urgroßmutter Martha Bardeo, heiratete den Sohn des Priesters in Trinidad, meinen Urgroßvater Ramhit. Auf dem Land, das Ramhit im Süden von Trinidad kaufte, fand sich Öl. So wurde er reich und nannte sich dann Diamond Sinanan.
Das ist ja eine erstaunliche Wendung.
Glück im Unglück. Martha und Diamond hatten zwei Söhne, die in London studierten, Rechtsanwälte wurden und sich mit dem globalen antikolonialen Widerstand befassten. Zurück auf der Insel haben sie gratis Arbeiter*innen verteidigt, welche die Engländer ins Gefängnis geworfen hatten. Einer von ihnen, Ashford Sinanan wurde 1962 der Erste High Commissioner of Trinidad und Tobago. Als er in dieser Position nach Indien geschickt wurde, hat die ganze Insel gesagt: »He ist going home, to his homeland, to our homeland«. Das war ein großer Moment für die indische Community.
Und die europäische Familie? Deine Mutter hat deinen Vater in London kennengelernt und ist mit ihm erst in die Schweiz und später nach Trinidad gegangen. Als sie schließlich mit ihm und dir zurückkam, hatte sie es in der Familie und im Dorf schwer. Was war los?
Da gab es die ‚Schande‘ meiner Mutter, mit einem ‚farbigen‘ Mann in dieses Schweizer Dorf zurückzukehren. Dazu entsteht in der ländlichen Schweiz des Jahres 1960 eine Partei, die sich Nationale Aktion gegen die Überfremdung nennt – ebenso fremdenfeindlich wie die AfD heute. Ihre Hetze gegen die italienischen und spanischen Zuwanderer hat die Atmosphäre in meinem Dorf geprägt. Es gab eine Volksabstimmung, um ausländische Arbeitskräfte auszuweisen. Remigration. Das Referendum scheiterte knapp – weil beim Schweizer eines immer noch wichtiger ist als das eigene Gefühl: nämlich das Geldverdienen. Man wusste, wenn die Arbeiter*innen weg sind, ist es für die Wirtschaft schlecht.
»Europa leidet an einer kolonialen Amnesie«
Das alles hat natürlich auch mich und meine Familie betroffen. Zum einen atmosphärisch, aber auch, weil meine Großmutter ein italienisches Kind gehütet hat. Aber das Fremdarbeiterstatut verbot den Arbeiter*innen, Kinder zu haben. Man wollte ja Arbeiter*innen und keine Kinder. So hat meine Großmutter dieses Kind angenommen und fast ein bisschen heimlich bei uns versorgt. Das war meine erste Spielgefährtin.
Deine Erzählung bewegt sich zwischen historischen Fakten und persönlichen Erinnerungen. Wie ordnest du den Roman literarisch ein?
Ich würde ihn als autofiktional bezeichnen. Es ist eine Mischung aus erzählten, überlieferten Geschichten und faktischen Elementen, wie etwa Fotografien. Als Erzähler hat mich fasziniert, dass sich Familiengeschichte nicht nur über Fakten und Stammbäume erzählt, sondern über Narration, also über das, was zur Familienlegende gehört.
Du sagst in der Badischen Zeitung: »Ich zog als weißer Autor in eine Literatur ein, die ihre eurozentrische Selbstbezogenheit nie in Frage gestellt hatte«. Wie nimmst du diese Aufarbeitung heute in der Schweiz wahr?
Sehr schleppend. Mein letzter Essayband »In den Echokammern des Fremden« versucht, ein nicht weißes Denken oder einen nicht weißen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. Das Buch hat sehr wenig Echo erfahren. Es wurde auf die Seite geschoben und ungern rezensiert, weil man sich damit nicht beschäftigen will. Das hängt auch damit zusammen, dass in der Schweiz die aktuellen Krisenthemen wie etwa Trumps Zollpolitik die vermeintlich dringenderen Probleme sind. Ich kann nur sagen, dass die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in der Schweiz mehr als mangelhaft ist.
Und wie ist es mit Rassismus?
Der ist in der Schweiz immer da. Im Vergleich mit Deutschland ist er etwas friedlicher, dafür aber versteckter. Die Schweizer*innen sind Meister in den kleinen Unterschieden. Und die lässt man die sogenannten »Anderen« spüren. Zum Beispiel im Zug, wenn sich niemand neben einen Schwarzen Mann setzt. Oder dass man der Schwarzen Frau in Schwizerenglisch sagt: »This is first class, you go second class«. Ich habe das oft erlebt und früh beschlossen, Rassismus nicht zu verdrängen. Freunde von mir, die auch People of Color sind, verdrängen das. Sie sagen: »Ich habe ja kaum Probleme mit Rassismus«. Wenn man es nicht wahrnehmen will, nimmt man es nicht wahr. Ich habe es aber früh wahrgenommen, weil es auch ein Teil der Familiengeschichte ist.
Ich bekämpfe Rassismus auch deshalb, weil es den Betroffenen die Entfaltung des Selbst wegnimmt. Ein vom Rassismus betroffener Mensch geht geduckt. Er kann sich nicht entfalten. Auf die Länge hat Rassismus meiner Meinung nach zwar keine Chance, weil wir in einer immer diverseren Gesellschaft leben. Aber die Frage ist, wie lange dauert das? Im Moment nimmt der Rassismus ja nicht ab, er nimmt eher wieder zu.
Wie setzt du dich gegen Rassismus ein?
Ich habe zum Beispiel vor drei Jahren ein Buch über Alltagsrassismus gemacht, zusammen mit der Tagesschau-Moderatorin Angélique Beldner: »Der Sommer, in dem ich Schwarz wurde«. Wir wollten damit 2021 in der Folge der Black-Lives-Matter-Bewegung eine Debatte auslösen. Wir hatten immerhin sehr viele Diskussionen. Die waren aber leider hauptsächlich mit Betroffenen und viel zu wenig mit der weißen Mehrheit. Die findet noch heute: »Das ist eigentlich nicht mein Problem«.