Seit mittlerweile vier Jahren erscheint der Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, in dem Schlüsselwerke der linken Theorie vorgestellt werden. Die Folgen beginnen mit einer Einführung in die Biografie der Theoretiker*innen und fassen dann die zentralen Thesen eines ihrer Werke zusammen. Anschließend wird in jeder Folge mit einem Gast über das Werk und seine aktuelle politische Relevanz diskutiert. Der Slogan der Produzent*innen des Podcast lautet: Too long, didn’t read (tl;dr) – so geht es einigen beim Anblick der Klassiker linker Theorie. Die über zweitausend Seiten langen Gefängnishefte von Antonio Gramsci, die komplizierten Schinken von Marx oder Edward Said – wenn ihr keine Zeit habt, die Bücher alleine durchzuackern, oder eine Einführung sucht, dann hört euch den Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung an.
Der Slogan des Podcast lautet: Too long, didn’t read
Das Wort Einführung könnte hier jedoch irreführen, denn bei tl;dr handelt es sich um den ersten linken Podcast, der mir bisher über den Weg gelaufen ist, welcher tatsächlich tief in die Materie der in den einzelnen Werken formulierten kritischen Theorien eintaucht. Der Podcast weist dadurch eine solche Erkenntnisdichte auf, dass ich mir beim Hören oft gewünscht habe, die knapp einstündigen Folgen würden auf lockere vier Stunden ausgedehnt werden. Zum Glück ermöglicht es das Podcastformat, komplexe Stellen wieder und wieder zu hören oder eine Folge nach dem Anhören direkt ein zweites Mal zu starten. Wer in einer Stadt lebt, in der nicht jeden Abend spannende Veranstaltungen zu Kritischer oder Antikolonialer Theorie, Feminismus oder Poststrukturalismus stattfinden, ist tl;dr unbedingt zu empfehlen – um ein suchendes, verwerfendes und sich immer wieder neu anstrengendes Begreifen der Geschichte, Realität und Dynamik der Herrschaftsverhältnisse zu entwickeln oder auszubauen.
Roter Faden in den mittlerweile knapp sechzig Folgen des Podcast sind die häufigen Bezüge zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Diese Bezüge dominieren die in den aufgearbeiteten Werken entwickelten anderen kritischen Theorien nicht, sondern bereichern die Folgen oft um eine Metaebene der Erkenntnis. Host des Podcast ist Alex DemiroviĆ, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Frankfurt. Selbst ein Vertreter der Kritischen Theorie, kennt er sich gut mit den vorgestellten linken Standardwerken aus. Einzige Schwachstelle dieses sehr empfehlenswerten Podcast ist, dass der Host seine Gäste in manchen Folgen nicht angemessen ausreden lässt. Ich habe mir hier manchmal die sich so wunderbar selbst zurücknehmende Art eines Lukas Ondreka aus dem Dissens Podcast gewünscht.