Porträt eines Gesichts, darüber geblendet Bilder eines Tellers Brot und eines anderen Gegenstandes
Foto: Mani Vaz

Welches Wasser wirst du trinken?

Transfeministische Kämpfe um Wasser

Welches Wasser wirst du trinken, wenn wirtschaftliche Gier und ein ungebremster Fortschrittsglaube unsere Wasserquellen vergiften? Das Netzwerk Río Feminista (feministischer Fluss) im argentinischen Paraná-Delta positioniert solche Fragen künstlerisch im öffentlichen Raum. Einer Wirtschaftsweise, die Fortschritt nur in Marktlogik denken kann, setzen die Künstler*innen ihre Vorstellung von Zukünften entgegen.

von Miriam Bartelmann

31.07.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416
Teil des Dossiers Feministisch betrachtet

Die aktuelle argentinische Regierung, angeführt von Javier Milei und seinem ‚Anarcho-Kapitalismus‘, verschärft die Umweltzerstörung mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen. Während lokale und globale Eliten darauf setzen, dass technologische Entwicklung Lösungen für sozioökologische Konflikte liefert, widerspricht das Netzwerk Río Feminista (RF): »Wasser ist in allem. Wenn wir es nicht schützen, gibt es keine Zukunft. Welche künstliche Intelligenz willst du trinken, um deinen Durst zu stillen?«

Das Netzwerk besteht aus Frauen und Disidencias (Dissident*innen), also Menschen, die sich der binären Geschlechterordnung entziehen oder ihr nicht entsprechen. Was alle Mitglieder verbindet, ist der transfeministische Aktivismus zu sozioökologischen Problemen. So wird zum Beispiel Fürsorgearbeit meist von Frauen und Dissident*innen übernommen und erfordert sauberes Wasser. Wasserknappheit und -verschmutzung erschweren die Arbeit und werden vor allem für Kinder, Schwangere, alte und kranke Menschen schnell zu einem gesundheitlichen Problem.

Wo Kämpfe zusammen­fließen

Die transfeministische Herangehensweise bezieht sich außerdem darauf, die spezifischen Erfahrungen von Frauen und Dissident*innen im Paraná-Delta sichtbar zu machen. Bere, ein RF-Mitglied, ergänzt: »Der Feminismus hat uns kollektive und horizontale Formen des Zusammenarbeitens beigebracht, in denen wir gemeinsam erschaffen, denken und produzieren. Jede* trägt bei, was sie kann, wann sie kann.« Transfeminismus prägt auch die Perspektive von RF. Ausgehend von der Kritik an binären Denkmustern regt eine trans­feministische Perspektive dazu an, Geschlechter wie auch soziale und ökologische Probleme im Zusammenhang zu betrachten. Sie will binäre Weltanschauungen und thematische Grenzen überschreiten – transcender – die auch soziale Bewegungen voneinander trennen und fragt »nach der Beziehung zwischen dem, was in den vorherrschenden Diskursen scheinbar unverbunden erscheint«. Feministische Kämpfe sind ökosozial und lokale Kämpfe um Umweltzerstörung sind bedingt durch imperiale Kämpfe um Rohstoffe.

»Jede* trägt bei, was sie kann, wann sie kann.«

 

Für RF dient Wasser als Element, das territoriale Kämpfe gegen Imperialismus und Ressourcenausbeutung verbindet. Mensch, Tier und Natur sind alle abhängig von Wasser. Damit »symbolisiert und verkörpert [es] das Zusammenfließen unserer Kämpfe. Deshalb verteidigen wir das Wasser als Symbol des Widerstands gegen jene Kriegsordnung, die uns diese kapitalistischen Rohstoffkonzerne weltweit aufzwingen«, sagt Naju aus dem Netzwerk dazu.

»Deshalb verteidigen wir das Wasser als Symbol des Widerstands gegen jene Kriegsordnung, die uns diese kapitalistischen Rohstoffkonzerne weltweit aufzwingen«

Um Zusammenhänge zu verstehen und sichtbar zu machen, verwendet RF kreative Methoden. Viele künstlerische Werke stellen Fragen dar, die Betrachter*innen Denkanstöße geben sollen: Welches Wasser wirst du trinken? Wer stiehlt dir deinen Fluss? Was ist der Extraktivismus in deinem Leben?

Fragen wirken anders als Aussagen. Sie zielen nicht auf Zustimmung oder Ablehnung, sondern sollen zum Austausch anregen. Fragen können, je nach Position und Perspektive, anders beantwortet werden – eine weitere transfeministische Lektion – und dennoch auf gemeinsame Betroffenheit aufmerksam machen. Außerdem erlauben es Fragen, über mögliche und verunmöglichte Zukünfte nachzudenken – gerade in einem Gebiet wie dem südlichen Lateinamerika, in dem sich zahlreiche Konflikte überschneiden.

Kosten des Extrakti­vismus

Die massive Abholzung von Waldbeständen beeinflusst Regenfälle auf dem ganzen Kontinent. Seit 2019 herrschte im südlichen Lateinamerika eine Dürre und der Wasserstand des Paranás war entsprechend niedrig. Aktuell schwingt der Pazifikstrom El Niño/La Niña um, und Chile ist bereits von extremen Regenfällen und Überschwemmungen betroffen.

Die Ernten von transgenetisch modifiziertem Soja, von dessen Monokulturen die Wirtschaft in der Region abhängt, sind in den Dürrejahren eingeknickt. Volkswirtschaften, die von einzelnen und umweltzerstörenden Produktionsformen abhängig sind, sind bei instabilem Klima besonders krisenanfällig. Der Anbau hat auch ökosoziale Folgen: Das Soja ist genetisch so modifiziert, dass es resistent gegen aggressive Herbizide ist. Diese sogenannten Agro-Gifte auf Glyphosat-Basis sind gesundheitsschädlich und kontaminieren Süßwasserreserven. Ärzt*innen berichten, dass Föten zunehmend Deformierungen aufweisen. Schwangere und Fürsorgende sind also besonders von den Folgen des Herbizid-Einsatzes betroffen.

Der Export von Soja benötigt zudem Infrastruktur. Das Paraná-Delta befindet sich im Fadenkreuz zweier südamerikanischer Infrastrukturprojekte, die zum Kern kontinentaler Entwicklungsprojekte gehören: die Victoria-Brücke, ein langer Damm über das Feuchtgebiet als Teil eines bi-ozeanischen Korridors zwischen Atlantik und Pazifik, sowie die Wasserstraße der Flüsse Paraná und Paraguay (Hidrovía Paraná Paraguay), die Brasilien, Bolivien, Uruguay, Paraguay und Argentinien verbindet.

Während der Dürre brannten große Teile der Feuchtgebiete. RF gestaltete dazu Kampagnen, die jene Zusammenhänge zwischen Infrastrukturen, vergiftenden Wirtschaftsformen und den spezifischen Effekten auf Frauen, Dissident*innen und Kinder hervorhoben. Konventionelle Umweltschutzgruppen und NGOs tendieren dazu, sich auf den Schutz von Pflanzen und Tieren zu konzentrieren. RF betont, dass nicht die Herstellung von puren Gegensätzen (Natur vis-à-vis Gesellschaft) die Lebensgrundlagen erhält, sondern die Präsenz von Menschen im Gebiet. Pali von RF sagt dazu: »Wenn das Gebiet nicht bewohnt ist, kann alles Mögliche damit geschehen.« Und Bere ergänzt: »Deswegen arbeiten wir mit Bewohner*innen des Gebiets zusammen, damit sie und ihre Produktionsformen bleiben können.«

Das Paraná-Delta ist nicht nur durch Infrastruktur und Sojaproduktion mit anderen Regionen verbunden. Das Süßwassersystem speist sich auch aus Wasserzuläufen aus den Anden. In dem langen Gebirge gibt es zahlreiche Rohstoffvorkommen. Insbesondere Kupfer und Lithium sind aufgrund der Energiewende von internationalem Interesse. Der Abbau dieser Ressourcen braucht viel Wasser, das nach industriellem Gebrauch untrinkbar ist.

Legende zu den ökosozialen Problemen im Paraná-Delta

Die transfeministische Herangehensweise bezieht sich außerdem darauf, die spezifischen Erfahrungen von Frauen und Dissident*innen* im Paraná-Delta sichtbar zu machen, wie zum Beispiel durch eine kollaborativ erstellte Karte inklusive entsprechender Erklärungen zu sozioökologischen Problemen.

 

Wem gehört das Wasser?

Im April 2026 wurde trotz massiven zivilen Widerstands das Gesetz zum Schutz der Gletscher modifiziert, das zuvor den Bergbau einschränkte. Mileis Vorgängerregierung hatte bereits die Vergabe von Rechten der Wasserverwaltung in den Provinzen entlang der Anden an die israelische Wasserfirma Mekorot übertragen, um die Wasserversorgung zu modernisieren und effizienter zu gestalten. Mekorot baut Wasserinfrastruktur, unter anderem in den völkerrechtswidrig besiedelten palästinensischen Gebieten. Menschenrechtsorganisationen werfen dem Unternehmen vor, durch seine Wasserpolitik zur Einschränkung des Zugangs der palästinensischen Bevölkerung zu ihren Wasserressourcen beizutragen. Die argentinische Bevölkerung fürchtet einen entsprechenden Prozess der Vertreibung durch Entwicklungsprojekte im Sinne des Bergbaus, der lokalen Widerstand unmöglich macht.

Die Ausbeutung und Vertreibung zu Gunsten externer Wirtschaftsinteressen ist auch durch das Haushaltsdefizit und die staatliche Verschuldung Argentiniens bedingt. Der Internationale Währungsfonds drängt Argentinien zur Austeritätspolitik, zum Ausverkauf staatlicher Unternehmen sowie zur Schuldentilgung durch den Abbau und Export von Ressourcen. Mileis Regierung befördert die Rohstoffausbeutung, indem sie zusätzlich Naturschutzgesetze aufhebt und direkte ausländische Investitionen begünstigt.

Wer stiehlt dir deinen Fluss?

Auch wenn die nächsten Gletscher mindestens eintausend Kilometer vom Paraná entfernt liegen, konzentrierte sich RFs Kampagne zum feministischen Kampftag 2026 auf diese Gesetzesreform. Das Schmelzwasser der Gletscher fließt schlussendlich in den Paraná und wird durch die gleichen wirtschaftlichen Strukturen gefährdet. Naju fasst die Problematik zusammen: »Es läuft darauf hinaus, zu einer Monroe-Doktrin zurückzukehren, in der wir uns hinter die kriegerischen und imperialen Absichten der USA eingliedern. Dafür verfügen sie über unsere Ressourcen, unser Süßwasser, unsere Arbeitskraft, während wir uns immer weiter verschulden. Wir wissen, dass das Gebiet, in dem wir uns befinden, geopolitisch begehrt ist, und deshalb verteidigen wir das Wasser des Flusses auch als Symbol.«

Die momentane und zukünftige Arbeit von RF besteht auch darin, die Hoffnung nicht zu verlieren und Solidarität zu zeigen. In gewissen Kontexten ist es eine radikale Handlung, überhaupt an die Möglichkeit alternativer Zukünfte und an Frieden zu glauben. In genau solchen Kontexten ist es aber genauso relevant, verschiedene Kämpfe, Bewegungen und Regionen miteinander zu verbinden. Dafür wird RF weiterhin territorialen Kämpfen um Gerechtigkeit beistehen, schon vorhandene Formen des Widerstands unterstützen und kollektiv von alternativen Zukünften träumen.

Miriam Bartelmann ist Doktorandin am Institut für Soziologie der Universität Freiburg, und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg. Sie ist Redakteurin der "Virtual Encyclopaedia: Rewriting Peace and Conflict“ und forscht zu räumlichen Dimensionen von ökosozialen Konflikten in Argentinien.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 416 Heft bestellen
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