Militarisierung von außen
Die ukrainische Gesellschaft im Krieg
Die Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg ist eine konzertierte Anstrengung. Zuerst hatte sich das Land nach Ende des Kalten Krieges stark entmilitarisiert. Wie stellt sich die Remilitarisierung des Landes unter Kriegsbedingungen dar?
Als am 24. Februar 2022 russische Marschflugkörper und Raketen auf ukrainische Städte herunterregneten und Militärkolonnen einrückten, boten sich den Beobachtern widersprüchliche Bilder: Einerseits kilometerlange Autoschlangen an den Ausfahrten aus Kyjiw in Richtung Westen, andererseits riesige Menschenschlangen vor den Kreiswehrersatzämtern in vielen (auch russischsprachigen) Städten.
An diesem Tag änderte sich in der Ukraine alles, so viel lässt sich ohne Übertreibung sagen. Nicht zuletzt betraf dies das Verhältnis der ukrainischen Gesellschaft zur Armee, das seitdem fast uneingeschränkt positiv und hochemotional ist. Die Bindung der Ukrainer*innen an die Männer und Frauen in Uniform lässt sich aus deutscher Perspektive schwer nachvollziehen, denn es fehlt an vergleichbaren historischen Referenzbeispielen. Die radikale Ungerechtigkeit des russischen Überfalls und die Brutalität, mit der er seit dem ersten Tag geführt wurde, trieb viele als Freiwillige in die Armee, noch bevor Mobilmachungsbefehle ausgestellt wurden. Die ukrainischen Streitkräfte wuchsen innerhalb kurzer Zeit von etwa einer viertel auf eine knappe Million Menschen an.
Da Russland vom ersten Tag an die Zivilbevölkerung gezielt beschoss, gab es keine Diskussionen um diese Menschen in Tarnkleidung. Sie werden bis heute einhellig als Beschützer*innen und Verteidiger*innen wahrgenommen, mit denen man sich identifiziert. Dies steht im deutlichen Kontrast dazu, wie die ukrainische Gesellschaft ihr Militär vor der russischen Großinvasion betrachtete.