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Illustration: Anni Eble

Von Kakerlaken und Flamingos

Jugendproteste in Indien und Albanien

von Anika Picht

14.09.2026

Die Beleidigung wird umgedreht

»Und was, wenn alle Kakerlaken zusammenkommen?«, schrieb Abhijit Dipke am 16. Mai auf X. Dass er damit eine Bewegung lostritt, die zu wochenlangen Protesten und dem Rücktritt eines Ministers führt, hat sich damals allerdings niemand vorgestellt.

Auslöser war zuerst ein Skandal um den nationalen Aufnahmetest zum Medizinstudium in Indien. Dieser Test erzeugt alljährlich unfassbaren Druck auf Millionen von Jugendlichen. Dazu kam der Missstand, dass offenbar Daten vorab teilweise gegen Geld durchgesickert waren. So wurde der Test für ungültig erklärt und musste wiederholt werden.

Da lag das Problem: Medizin zu studieren ist in Indien, einem Land mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über zehn Prozent, eine seltene Aufstiegschance. Deshalb sind die Plätze hart umkämpft. In diesem Jahr konkurrierten 2,3 Millionen Prüfungsteilnehmer*innen um 130.000 Plätze. Als die Meldung kam, dass die Tests wiederholt werden sollten, gerieten sicher geglaubte Studienplätze ins Wanken. Hinzu kam eine erschütternde Zahl von Suiziden unter den Aspirant*innen; Medienberichte brachten zahlreiche Fälle mit dem Prüfungsdruck und der Annullierung der Prüfung in Zusammenhang. Verantwortlich sei der viel zu schwierige Zulassungstest und der dafür verantwortliche Bildungsminister Dharmendra Pradhan.

Protestierende Menge meist junger Menschen auf den Straßen in Delhi - mit erhobenen Armen
Jantar Mantar Protest, Delhi. | Foto: Alnitak-Alnilam-Mintaka CC 4.0

Eine politische Front von der Jugend für die Jugend

Jetzt kommt das ‚Ungeziefer‘: Kurz nachdem der Oberste Richter Surya Kant am 15. Mai arbeitslose junge Anwälte bzw. Aktivisten mit Kakerlaken und Parasiten verglichen hatte, griff Abhijeet Dipke die Beleidigung satirisch auf. Zur Verspottung nannte sich die Protestbewegung Cockroach Janata Party, angelehnt an Modis hindunationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party. Die Beitrittsvoraussetzungen der neuen ‚Partei‘: arbeitslos, faul, sich »professionell beschweren« können. Ab dem 6. Juni zogen tausende junge Menschen mit Kakerlaken-Masken durch Neu-Delhi und es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Auch Online wuchs die Bewegung rasant – Ende August folgten dem Instagram-Account rund 26 Millionen Menschen. Dort beschreibt sie sich als eine politische Front von der Jugend für die Jugend.

Die zentralen Forderungen waren der Rücktritt von Bildungsminister Pradhan und Bildungsreformen, welche den enormen Druck auf Jugendliche reduzieren sollen. Zudem forderten sie Entschädigungen für Familien von Studienanwärter*innen, die aufgrund der Belastung Suizid begangen hatten. Nach wochenlangen Protesten trat Pradhan am 25. Juli zurück. Der Rücktritt war ein ungewöhnlicher politischer Erfolg einer neu entstandenen, außerparlamentarischen Jugendbewegung.

Ende August kündigte die Bewegung für den 5. September einen weiteren Protestmarsch an, weil sie die Zusagen vom 25. Juli als nicht erfüllt ansah. Anfang September wurden die betreffenden Strafverfahren gegen die Demonstrierenden jedoch auf gerichtlichem Weg geklärt; daraufhin zog die CJP den geplanten Marsch zurück.

Der Rücktritt von Bildungs­minister Pradhan ist ein unge­wöhnlicher politischer Erfolg einer neu entstandenen, außer­parla­menta­rischen Jugend­bewegung

Ist die Bewegung ein politisches Momentum oder könnten sie sich als dritte Kraft in Indien etablieren? Chidambaram, der ehemalige Unionsminister für Finanzen, zeigte sich im Interview mit The Hindu überzeugt, dass CJP als Partei in ein oder zwei Bundesstaaten die Macht erlangen könnte. Und auf jeden Fall habe die Bewegung die politisch Verantwortlichen wachgerüttelt und auf die Probleme im Land aufmerksam gemacht. Der Gründer Abhijeet Dipke äußerte sich dagegen Anfang August im Interview mit der Nachrichtenagentur ANI (Asian News International) in Sachen Parteigründung gegenteilig: Der Rücktritt war ein ungewöhnlicher politischer Erfolg einer neu entstandenen, außerparlamentarischen Jugendbewegung. »Angesichts des schwindenden Vertrauens der Menschen in die Justiz, das Wahlsystem und sogar die Medien braucht dieses Land eine Bürgerbewegung.« *

Die oppositionellen Forderungen der CJP wurden erfüllt. Der subversive, kreative Protest in Indien  ist immer wieder für eine Überraschung gut (siehe iz3w 396: Humor im Hindunationalismus). Die Kakerlaken-Bewegung zeigt, wie eine dezentrale, von der Jugend geführte Bewegung etwas verändern kann.

Ein Luxusresort für Flamingos?

Im Sommer vor fünf Jahren waren die US-amerikanische Präsidententochter Ivanka Trump und Ehemann Jared Kushner auf einem Yacht-Ausflug vor Albanien. Sie entdeckten für sich die Insel Sazan. Das Paar war von der ersten Sekunde an fasziniert von der schönen Natur, barfuß erkundeten sie die Insel. Dann befanden sie: Hier muss ein Luxusresort hin.

So romantisch beschreibt Ivanka Trump im Podcast »Founders« von David Senra die Entstehung der Baupläne eines 1,4-Milliarden-Euro-Luxus-Öko-Resorts auf der Insel Sazan. Zusätzlich ist ein Tourismusresort auf der gegenüberliegenden Küste in Zvërnec für weitere 4,7 Milliarden Euro geplant: mit Hotels, Apartments und Luxusvillen.

Aber das Projekt fällt in ein Naturschutzgebiet – und wird den Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten zerstören. Die Arten- und Umweltaktivistin Joni Vorpsi spricht im südnordfunk über eine multiple Ignoranz: gegenüber der albanischen Öffentlichkeit, dem wissenschaftlichen Konsens und den EU-Behörden. Die projektfreundliche Regierung verstoße gegen eigene staatliche Auflagen. Und Albanien möchte 2030 für eine EU-Mitgliedschaft bereit sein. Sollte da nicht mehr Aufmerksamkeit auf deren Umweltauflagen gerichtet werden? Große Teile der albanischen Bevölkerung sind wütend auf die exklusiven Bauvorhaben. Seit Ende Mai laufen in der Hauptstadt Proteste unter dem Slogan »Albanien steht nicht zum Verkauf«. Der Flamingo dient der Bewegung als Symbol – denn er ist eine der vom Bauprojekt bedrohten Tierarten.

Enteignungen und Land­verkäufe an der Narta-Lagune

Die Insel Sazan und das geschützte Feuchtgebiet Vjosa-Narta bei Zvërnec sind zwei getrennte Teile des geplanten Großprojekts. Das Naturschutzgebiet Vjosa-Narta sowie die dortige Lagune mit Umgebung stellen ein bedeutsames Feuchtgebiet dar. Seit 2023 wird entgegen den Protesten der Flughafen Vlora International gebaut, um Albanien touristisch weiter zu erschließen. Das Gebiet ist der Lebensraum gefährdeter Tierarten wie Mönchsrobbe, Pelikane – und Flamingos.

In den Feuchtgebieten bei Narta/Zvërnec brütet der Rosaflamingo – offenbar der einzige Brutplatz der Art in Albanien. Bis zu 7.000 Flamingos werden dort jährlich auf dem Durchzug gezählt. Durch den Bau eines Luxusresorts und den erwartbaren Publikumsverkehr wären sie stark bedroht. Außerdem ist das Gebiet ein wichtiger Rastplatz an der adriatischen Vogelzugroute.

Eine Gesetzesänderung von 2024 lockerte den Schutz von Gebieten und ermöglichte unter bestimmten Voraussetzungen auch strategische touristische Investitionen in Schutzgebieten. Das Gesetz verbreitet nun Unmut. Umstritten sind zudem Enteignungen und Landverkäufe an der Narta-Lagune. Anwohner*innen bestreiten teilweise die Rechtmäßigkeit der Transaktionen und werfen einflussreichen Geschäftsleuten vor, von ihnen zu profitieren. Den Käufer*innen wird vorgeworfen, den Naturschutz und EU-Standards zu missachten.

Das vermischt sich mit einem tiefsitzenden Zorn über das politische System, also über die Nähe der Regierung zur organisierten Kriminalität und zur Korruption. Und der Mangel an demokratischer Teilhabe stößt an diesem Fall auf. Die Demonstrierenden fordern deshalb den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama und seiner Regierung. Kritiker verweisen zudem auf Ermittlungen zu mutmaßlicher Geldwäsche, gefälschten Grundstücksdokumenten und Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Gleichzeitig geht der wirtschaftliche Aufschwung Albaniens am Großteil der Bevölkerung vorbei.

Die Proteste dauern seit Ende Mai an. Bei der letzten Sitzung des albanischen Parlaments am 23. Juli bewarfen Protestierende die Abgeordneten, ihre Fahrzeuge und die Polizei mit Eiern. Aber das Bauprojekt geht voran. Im April begannen die ersten Straßenbauarbeiten, obwohl eine Umweltprüfung noch ausstand.

Was sagt die EU?

Immerhin möchte Albanien dort Mitglied werden, und dort gibt es strengere Umweltauflagen. Im Juni 2026 verabschiedete das Europäische Parlament den Jahresbericht über Albaniens Fortschritte auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft und äußerte tiefe Besorgnis über die Entwicklung in den Naturschutzgebieten. Neue Bauarbeiten müssten bis zur Gewährleistung von EU-Naturschutzstandards gestoppt werden. Gabriel Schwaderer, der Geschäftsführer von EuroNatur, sagt: »Das Europäische Parlament hat deutlich gemacht, dass Naturschutz, Bürgerbeteiligung und Rechtsstaatlichkeit keine optionalen Elemente des EU-Beitritts sind.«

Am 26. August erfolgte bereits der 94. Protest vor dem Regierungs­gebäude des Minister­präsidenten

Albanien muss seine Gesetze an die EU-Umweltvorgaben anpassen. Entsprechend kritisch steht die EU dem Bauprojekt gegenüber. Bei einem Besuch Ramas Mitte Juli in Brüssel bestritt er Verstöße gegen Umweltauflagen und warf den Demonstrant*innen Falschbehauptungen vor. Zugleich stimmt er der EU zu, den Naturschutz in Zukunft ernster zu nehmen und insbesondere die Gesetze zur strategischen Investition in Naturschutzgebieten aufzuheben. Aber Rama hält daran fest: Das Trump-Kushner-Projekt werde mit EU-Recht vereinbar sein.

Im August kam es zu weiteren Protesten. Am 26. August erfolgte bereits der 94. Protest vor dem Regierungsgebäude des Ministerpräsidenten. Als dabei 14 Demonstrierende inhaftiert werden, marschieren Protestierende vor die Polizeistation, um Solidarität zu zeigen. Ob die Proteste oder die EU doch noch genug Druck für einen Umschwung aufbauen können, bleibt abzuwarten.

Eines haben die Proteste bereits gebracht, wie die Albanien Daily News schreiben: »Es ist das erste Mal, dass die Albaner*innen das Gefühl haben, die nationale Debatte mitgestalten zu können, ohne darauf warten zu müssen, dass die politischen Parteien die Führung übernehmen.« Der Flamingo ist längst mehr als ein Naturschutzsymbol: Er steht inzwischen für den Widerstand gegen eine Regierung, die viele Demonstrierende mit Korruption, Klientelismus und mangelnder demokratischer Teilhabe verbinden.

Weiterführende Links

Anika Picht studiert Politikwissenschaft und Geschichte in Freiburg.

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