Unterm Radar blickt auf unterbelichtete und vernachlässigte Nachrichten aus dem Globalen Süden
Illustration: Anni Eble

Unterm Radar im Dezember

Kurz­nachrichten global

von Henrike Stier

22.12.2025
Teil des Dossiers Umkämpft - Reproduktive Gesundheit

Immer mehr Frauen im Gefängnis

Die Anzahl von inhaftierten Frauen und Mädchen wächst weltweit. Expert*innen sprechen von einer globalen Krise. Weibliche Gefangene sind in Haft oft sexueller Gewalt und Zwangsarbeit ausgesetzt.* Frauen und Mädchen machen insgesamt zwar nur 6,8 Prozent der weltweiten Gefängnisinsass*innen aus, die Zahl steigt jedoch laut der World Female Imprisonment List fast dreimal so schnell wie bei männlichen Gefangenen. Seit 2000 ist die Anzahl um 57 Prozent gewachsen. In den USA gibt es die meisten weiblichen Gefangenen (~175.000), gefolgt von China (145.000 plus eine unbekannte Anzahl in Untersuchungshaft und »Verwaltungshaft«), Brasilien und Russland. Bei der weiblichen Gefangenenrate gibt es große Unterschiede zwischen den Kontinenten, Afrika hat mit drei Insassinnen pro 100.000 der Gesamtbevölkerung die niedrigste Quote. In Asien liegt die Quote bei sieben, in Europa bei elf (bzw. acht ohne Russland), in Ozeanien bei zehn und in den Amerikas bei 27 (15 ohne die USA).*

Außerdem landen Frauen öfter als Männer wegen nicht gewalttätigen Straftaten im Gefängnis, wie dem Diebstahl von Lebensmitteln, wegen Bettelns, im Rahmen des »war on drugs« und wegen ihrer Arbeit in der informellen Wirtschaft.* Unter den harschen Bedingungen in den Gefängnissen leiden sie dann ganz besonders stark. Bis zu 80 Prozent der Frauen in Haftanstalten weltweit haben eine erkennbare psychische Erkrankung. In Europa ist die Selbstmordrate bei Frauen in Haft laut der Weltgesundheitsorganisation neunmal höher als in der Gesamtbevölkerung. »Die meisten dieser Frauen sind keine Gefahr für die Gesellschaft, also sollten wir nach anderen Möglichkeiten suchen«, fordert Sabrina Mahtani, eine sambisch-britische Anwältin und Mitglied von der NGO Women Beyond Walls. »Wir glauben immer noch irgendwie, dass das Gefängnis ein Ort der Rehabilitation ist, wo schlechte Menschen reingehen und als gute Menschen wieder entlassen werden. Wir sehen jedoch, dass schutzbedürftige und marginalisierte Menschen dort nur noch traumatisierter herauskommen.«*

 

 

USAID-Kürzungen - ein Zeichen sinkender Solidarität

Die Kürzungen von Entwicklungsgeldern wie USAID hat weltweit Auswirkungen auf reproduktive Gesundheit. Laut einer Umfrage der IPPF (International Planned Parenthood Assoziation), einem globalen Netzwerk für sexuelle und reproduktive Gesundheit, haben die Kürzungen von USAID zur Schließung von 1.394 Dienstleistungsstellen oder Kliniken geführt.*

»Diese Mittelkürzungen haben klare und unmittelbare Folgen […] Frauen, die ohne fachkundige Betreuung gebären, Menschen mit HIV, die keinen Zugang zu Tests und Behandlungen haben, um am Leben zu bleiben, und Überlebende von Gewalt, die von der einzigen Klinik in ihrer Region abgewiesen werden«, sagte Alvaro Bermejo, Generaldirektor der IPPF gegenüber The Guardian.*. Afrika und der Nahe Osten sind am stärksten von den Schließungen der Kliniken betroffen, so die IPPF. 1.175 der geschlossenen Kliniken befinden sich in Afrika, das sind vier Fünftel aller Schließungen.

Doch nicht nur die USA unter Präsident Trump ziehen sich aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zurück. Auch viele europäische Länder änderten 2025 ihre Prioritäten. Anfang des Jahres forderten humanitäre Organisationen europäische Länder noch auf, die Lücken durch die Abschaffung des USAID-Programms zu kompensieren. Inzwischen kürzen jedoch immer mehr Länder weltweit ihre Finanzierung humanitärer Entwicklungsgelder und lenken diese beispielsweise in höhere Militärausgaben um.*

Schweden kündigte am 5. Dezember 2025 eine Kürzung der Entwicklungsgelder für Mosambik, Simbabwe, Liberia, Tansania und Bolivien um zehn Milliarden Kronen an und plant, die schwedischen Botschaften in Bolivien, Liberia und Simbabwe zu schließen – hier lag bisher der Hauptfokus des Landes in Sachen Entwicklungshilfe. Auch Deutschlands Budget für Entwicklung von 1,05 Milliarden Euro für 2026 wird weniger als zuvor betragen,* ein Minus von 251 Millionen Euro im Vergleich zu 2025. Der Anteil des BMZ-Haushalts am Gesamthaushalt fällt damit auf unter zwei Prozent, den niedrigsten Wert seit 15 Jahren. Und die humanitäre Hilfe verbleibt wie bereits in 2025 mit rund einer Milliarde Euro auf einem Rekordtief.* Dabei ist der Bedarf enorm: Zwischen 2021 und 2024 hat sich die Zahl der Frauen und Kinder, die in bewaffneten Konflikten getötet wurden, vervierfacht. Mehr als jedes sechste Kind lebt heute in einem Konfliktgebiet. Statt das humanitäre System in seiner unabhängigen unparteilichen Arbeit zu stärken, konzentriert sich Deutschland auf sich selbst: »Die Pläne zur Reorganisation des Auswärtigen Amts deuten darauf hin, dass die Bundesregierung sich in ihrer Außenpolitik künftig noch stärker auf Deutschlands sicherheits- und wirtschaftspolitische Interessen fokussieren will,«, so der Verband entwicklungspolitischer und humanitärer Hilfe, VENRO.

 

 

Positive Zeichen für Reproduktive Rechte 2025

Das Europäische Parlament hat eine Bürgerinitiative (My Voice, My Choice) verabschiedet, die einen EU-finanzierten Mechanismus schaffen soll, damit Personen aus Ländern mit restriktiven Abtreibungs-Gesetzen kostenlos in anderen EU-Staaten Zugang zu sicheren Abtreibungen erhalten können. Das muss noch durch die Europäische Kommission bestätigt werden (bis März 2026), wäre aber ein wichtiger Fortschritt zur Verbesserung des Zugangs über Grenzen hinweg.*

Die neue halbjährliche HIV-Präventionsspritzung Lenacapavir gilt als potenzieller »Gamechanger« für die HIV-Epidemie. Sie kam wenige Monate nach der Zulassung in den USA in Subsahara-Afrika auf den Markt. Bisherige Medikamente zur HIV-Prävention haben durchschnittlich fünf Jahre gebraucht, um in Subsahara-Afrika verfügbar zu werden, nachdem ihre Wirksamkeit nachgewiesen wurde.*

Die Globale HPV-Impfkampagne gegen Gebärmutterhalskrebs erreichte 2025 ihr Ziel: 86 Mio. Mädchen wurden geimpft.*

 

Henrike Stier arbeitet im iz3w.

Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen