Strahlenopfer
Die Kernenergie fordert, schleichend und unerbittlich
Beim Gedenken an die eine historische Atomkatastrophe wird leicht vergessen: Nukleartests, Uranabbau und Endlagerdesaster fordern stetig heutige und künftige Strahlenopfer, Kernenergie und atomare Ambitionen befeuern den Langzeitgau.
Vierzig Jahre nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl wird im April 2026 an die Opfer erinnert. Mehrere tausend, wenn nicht zehntausende Folgeopfer bleiben zu beklagen. Zugleich wird in TV-Dokumentationen und Hörbeiträgen die damalige Kommunikationsstrategie der Sowjetunion und auch die des deutschen Innenministers als katastrophal und unverantwortlich nachgezeichnet: Tagelang ließ man die Bevölkerung im Ungewissen. Friedrich Zimmermann, damaliger Bundesinnenminister, beteuert, dass die deutsche Atomkraft die sicherste weltweit sei. Es drohe keine Gefahr aus der Ukraine – Tschernobyl sei zu weit weg. Auf den GAU mit dem havarierten Reaktor folgt der Kommunikationsgau. Die Behauptung bröckelt, als hohe Werte in Sandkästen und Schwimmbädern, in Pilzen und Beeren, auf Dächern und Marktplätzen gemessen werden. Nicht nur grüne Kernkraftgegner*innen melden sich zu Wort, auch die Bevölkerung begehrt auf. Der Widerstand der späten 1970er Jahre um das Brennelemente-Zwischenlager Gorleben (Niedersachsen) erlebte mit den Protesten mit rund 100.000 Teilnehmenden gegen den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf ein Revival.
Auf den GAU durch den havarierten Reaktor folgte der Kommunikationsgau
Trotz der heutigen Erinnerung an diese doppelte Katastrophe in Tschernobyl rücken andere Unfälle und schleichende Risiken der sogenannten friedlichen und militärischen Nutzung der Kernenergie mehr und mehr in Vergessenheit – und damit die vielen Opfer, die es weltweit infolge des internationalen Atomwettrüstens gegeben hat. Trotz neuerlicher Versprechen, dass die friedliche Nutzung von Kernenergie in kleinen Reaktoren sicher sei, werden weitere Strahlenopfer unvermeidbar sein.
Vergessene Test-Unfälle
In seiner »Atoms for Peace«-Rede vom 8. Dezember 1953 wirbt US-Präsident Dwight Eisenhower für die zivile Nutzung von Atomenergie. Im Tausch für den Verzicht auf Kernwaffen verspricht die USA, Ländern bei der friedlichen Nutzung zu helfen. Alsbald beteuern Politik und Wirtschaft, allen voran in Europa, eine machbare Trennung von energetischer und militärische Nutzung von Atomkraft.
Wenige Monate später, am 1. März 1954, führten die USA den ersten und stärksten Wasserstoffbombentest durch. Codename: Castle Bravo. Gezündet wurde auf dem Atoll Bikini der Marshallinseln im Pazifik. Mit einer Sprengkraft von etwa 15 Megatonnen TNT war dieser Test 2,5 mal stärker als berechnet. Er gilt als der schwerste nukleare Kontaminationsgau in der US-Geschichte. Die radioaktive Asche (Fallout) verteilte sich über mehr als 11.000 Quadratkilometer. Die Bewohner*innen litten an Strahlenkrankheit, Fehlgeburten und erhöhten Krebsraten; viele Gebiete blieben Jahrzehnte unbewohnbar und für die Bewohner*innen begann eine Odyssee der Umsiedlung (siehe Atomares Klimachaos 2025). Das Ereignis führte zu internationalen Protesten und war ein wichtiger Anstoß für das Partialteststopp-Abkommen von 1963*. Ebenfalls im Pazifik führte die Atommacht Frankreich zahlreiche atmosphärische Atomtest durch, 41 waren es allein zwischen 1966 und 1974.* Verstärkt durch die Klimakatastrophe, droht heute erneut die Kontamination der Umwelt durch radioaktive Strahlung, insbesondere in den pazifischen Testgebieten, in denen Atolle im Meer versinken.
Lange geheim gehalten: Der Kyschtym-Unfall
Der vermutlich drittschlimmste Reaktorunfall der Atomenergiegeschichte ereignete sich bereits 1957 im heutigen Russland. In der Wiederaufbereitungsanlage Mayak, in der die Sowjetunion Plutonium für sowjetische Atomwaffen produzierte, versagte ein Tank mit rund 80 Tonnen hochradioaktiver Abfälle, als das Kühlsystem ausfiel. Die als Kyschtym-Unfall bezeichnete Atomkatastrophe erzeugte eine radioaktive Wolke, die ein Gebiet von etwa 20.000 Quadratkilometern kontaminierte. Mindestens 10.000 Menschen wurden evakuiert, viele jedoch erst Wochen nach dem Ereignis. Genaue Opferzahlen sind unbekannt, da der Unfall bis 1970 geheim gehalten wurde. Laut Greenpeace leiden bis 2020 noch mindestens 272.000 Menschen unter den Folgen.
Im gleichen Jahr, nur wenige Tage nach dem Kyschtym-Unfall, kam es zu einem Unfall der Stufe 5 in der Plutonium-produzierenden Anlage Windscale (heute Sellafield) in Cumbria im Vereinigten Königreich. Heute heißt es, die Katastrophe markiere einen Wendepunkt in der britischen Atompolitik und habe zur Entwicklung strengerer Sicherheits- und Kommunikationsstandards in der Nuklearindustrie beigetragen. Allerdings waren diese nicht ausreichend, um weitere Test-Unfälle zu verhindern: Mehrere große und viele sogenannte kleine Tests wurden von den Briten in Australien auch in den Folgejahren durchgeführt – auf dem Land der Aborigines. Die sogenannten »Minor Trials« (1957 bis 1963) hinterließen teils langfristige radioaktive Kontamination durch Plutonium. Die Indigene Bevölkerung vor Ort wurde nicht rechtzeitig gewarnt oder evakuiert, beteiligte australische und britische Soldaten fehlte es an Schutzkleidung. Auch die USA testeten fleißig weiter: 1951 und 1992 wurden auf dem rund 100 Kilometer nördlich von Las Vegas gelegenen Testgelände über 1.000 Kernwaffen gezündet. Der Wind trug den radioaktiven Fallout Richtung Ost, wo weite Teile des Navajo-Siedlungsgebiets kontaminiert wurden.
Testgelände und Antiatombewegung
Die Region um Semipalatinsk zählt zu den am stärksten radioaktiv kontaminierten Gebieten der Erde. Zwischen 1949 und 1989 wurden hier, im Norden Kasachstans, bei mehr als 450 nuklearen Explosionen eine Gesamtenergie von etwa 20.000 Hiroshima-Äquivalenten freigesetzt. Die Tests trugen maßgeblich zur Entwicklung des sowjetischen Atomwaffenprogramms bei. Das Semipalatinsk-Testgelände wurde am 29. August 1991 offiziell geschlossen.
Olzhas sah in der Atomkraft eine ethisch nicht vertretbare Zerstörung von Menschen und Natur im Namen geopolitischer Macht
Nach diesem Testgelände ist die Nevada–Semipalatinsk-Bewegung benannt, die sich im Protest gegen Krieg und Kernkraft formierte. Gegründet wurde sie 1989 unter der Führung des Dichters Olzhas Suleimenov. Sie gilt als Meilenstein der Umwelt- und Friedensbewegung in Zentralasien. Olzhas sah in der Atomkraft eine ethisch nicht vertretbare Zerstörung von Menschen und Natur im Namen geopolitischer Macht. Die Bewegung forderte ein sofortiges Moratorium und die endgültige Stilllegung des Testgeländes, und sie inspirierte globale Initiativen zur atomaren Abrüstung. Nicht zuletzt trug sie zur internationalen Anerkennung Kasachstans als führende Stimme gegen nukleare Bewaffnung bei. 2009 erklärten die Vereinte Nationen den 29. August zum Internationalen Tag gegen Nuklearversuche – in Erinnerung an Semipalatinsk.
Kernenergie for Future?
Und was sagt ein Blick in die Gegenwart? Der südafrikanische Journalist Tristen Taylor untersuchte 2025 die Atom-Ambitionen afrikanischer Länder. Ruanda, Kenia, Nigeria, Uganda, Tansania, Algerien und Marokko: Sie alle haben Abkommen über die Zusammenarbeit im Bereich der Nukleartechnologie mit verschiedenen Partnern unterzeichnet. Insbesondere mit den Regimewechseln in Mali und Niger träumen diese Sahelländer davon, Kernenergie irgendwann selbst zu nutzen, statt ihre Uranvorkommen ausschließlich zu exportieren. Zugleich sind russische Akteure am Zugriff auf die großen Uranvorkommen in Niger und Mali interessiert. So hat die nigrische Militärregierung nach dem Militärputsch 2023 und dem Bruch mit Frankreich die Kooperation mit Russland intensiviert. Im Juli 2025 kündigte der russische Energieminister Sergej Ziwilew an, Russland werde in den Uranabbau im Niger investieren. Der russische Staatskonzern Rosatom und nigerische Behörden unterzeichneten Vereinbarungen zur zivilen Nutzung von Atomkraft und zum Uranabbau.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum ShopIn Ägypten hängt die Rosatom seit 2022 mit im Bau des ersten Atomkraftwerks des Landes in El-Dabaa rund 300 Kilometer nordwestlich von Kairo. Kenia plant den Bau eines Reaktors in Siaya nahe der Grenze zu Uganda am Viktoriasee. Auch in dem ostafrikanischen Land wächst der Energiebedarf rasant. Der kenianische Präsident William Ruto stellte auf der Atomenergie-Konferenz in Nairobi Ende März 2026 den Plan zum Bau des 2000-Megawatt-Atomkraftwerks vor, der bald beginnen soll. Die kenianische Umweltaktivistin Phyllis Omido vom Centre for Justice, Governance and Environmental Action (CJGEA), Preisträgerin des Right-Livelihood Award, warnt seit Jahren vor Kernenergieplänen ihrer Regierung und bemängelt gegenüber der Deutschen Welle, dass die lokale Bevölkerung über die konkreten Ausmaße derartiger Bauvorhaben und die Gefahren der Kernenergie im Ungewissen gelassen wird.
Oft unterm Radar: Gefahren beim Abbau von Uran
Lange bevor die Urananreicherung im Reaktor zur Gefahr wird, ist der Abbau des Urans in offenen und geschlossenen Minen Ursache für inzwischen zehntausende bis über 100.000 Todesfälle weltweit. Die Strahlenbelastung für Arbeiter*innen in den Minen in etwa Kongo, Mali und Namibia ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Dazu gehören Radon*, Staub mit Strahlenpartikeln und kontaminiertes Wasser sowie schlechte Arbeits- und Sicherheitsbedingungen. Sie sorgten in den Uranminen für zahlreiche Krebsfälle und hohe Sterberaten unter den Minenarbeiter*innen.
Über 3.000 Diné (Navajo) arbeiteten in den 1950er Jahren in den Urangruben in Nevada ohne spezielle Arbeitskleidung und ohne jeglichen Strahlenschutz. Bedeckt mit radioaktivem Staub gingen sie – wie viele Minenarbeiter*innen weltweit – nach Hause zu ihren Familien und verseuchten das eigene Haus. Navajo-Männer, die in einer Uranmine tätig waren, leben laut Studien mit einer 28-mal höheren Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, als ihre Genossen, die nicht im Uranabbau gearbeitet haben. Aufgrund der massiven Kontamination und der gesundheitlichen Folgen hat die Regierung der Navajo Nation den Uranabbau im Jahr 2005 verboten. Nun führt der Uranbedarf für Kernkraftwerke in den USA zu erneuten Bemühungen, den Abbau im eigenen Land zu steigern.
Am Ende der Lieferkette staut sich der Dreck mit steigenden Langzeitrisiken zu einem großen Atommülldesaster
Die Uran-Lieferkette und damit die Risiken der Nutzung des radioaktiven Schwermetalls startet weit entfernt vor jedem Kernkraftwerk – in den Minen beim Abbau. Das Ausmaß der damit einhergehenden Risiken und politischen Kämpfen belegt der (gerade in dritter Auflage erschienene) Uranatlas von März 2026 mit Daten und Fakten über den Rohstoff des Atomzeitalters. Während in Europa die Gefahren oft in der Kernspaltung im Reaktor und in der weithin ungeklärten Endlagerung gesehen werden, tragen Gemeinden rund um die Abbaugebiete des schweren Metalls Uran-235 schon viele Jahre zuvor schwere Folgen, und nicht nur mögliche anzunehmende Unfallrisiken.
Explosives Interessengemisch
Aktuell gibt es rund 50 bis 70 tätige Uranminen weltweit. Die Uranförderung läuft auf Hochtouren, während konsensfähige Konzepte der Endlagerung der atomaren Abfälle nicht vorliegen. Am Ende der Lieferkette staut sich der Dreck, mit steigenden Langzeitrisiken zu einem großen Atommülldesaster. Noch 80 bis 120 Millionen Tonnen wirtschaftlich nutzbares Uran vermutet man unter der Erde – das entspricht ungefähr einem Jahrhundert des aktuellen globalen Verbrauchs. Das Werben um mehr Vertrauen in die Kernenergie in Europa, in eine heute – im Vergleich zu 1986 – vielleicht besser eingespielte Kommunikationsstrategie und Krisenprävention bei Störfällen und GAUen, in sicherere Technik in Kleinkraftwerken, beruhigt jedenfalls nicht, schaut man auf die weltpolitische Lage. Zum einen ist die Katastrophe schleichend, wie die akkumulierten Risiken rund um den Abbau und die noch nicht gezählten Langzeit-Strahlenopfer nahezu vergessener Katastrophen zeigen.
Die Uranförderung läuft auf Hochtouren
Zum anderen ist das gesellschaftliche Klima explosiv: Der Trend neuer aufstrebender Regime, sich weiter auch nuklear zu militarisieren, ist hier der eine Pushfaktor, während zugleich viele Volkswirtschaften planen, ihre Atomkraft auszubauen, weil ihr Energiebedarf steigt. Akteure wie Russland und die USA planen verstärkt atomar, angetrieben durch erratische Fantasien und schwer kontrollierbaren Großmachtambitionen. Indien und Pakistan bleiben als zwei benachbarte Atommächte im Grenzstreit. Fast überall herrscht ein Wettlauf um eine autonomere Energieversorgung unter Missachtung der Erneuerbaren. Militärdiktaturen und autokratische Regime ehemals kolonisierter Länder im Globalen Süden pflegen auch atomare Ambitionen. Ein erschreckendes Szenario – denn man weiß um die unvermeidbaren Verwicklungen von vermeintlich zivilen und militärischen Erwägungen der Kernspaltung. Am Ende bleibt nur eine verlässliche Strategie gegen Strahlenopfer: Atomkraftwiderstand beginnt überall dort, wo Menschen sich dafür einsetzen, das Schwermetall unter der Erde zu belassen.