Kontrolle ist schlechter
Die Geschichte von USAID bedarf einer Aufarbeitung
Derzeit bedeutet die Schließung von USAID im Jahr 2025 einen herben Rückschlag für reproduktive Rechte sowie Gesundheit und HIV-Prävention auf dem afrikanischen Kontinent. Zugleich hinterlässt die Organisation ein schwieriges Erbe.
Am 10. März 2025 strich die US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID) 83 Prozent ihrer Programme drastisch zusammen. Was übrig blieb, wurde vom Außenministerium übernommen. Laut kritischen Schätzungen wird der Wegfall bis 2030 zu 4,2 Millionen ungewollten Schwangerschaften und 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen. Gerade auf dem afrikanischen Kontinent waren bis dahin viele staatliche Gesundheitssysteme von USAID abhängig. Im Haushaltsjahr 2023 war sie die größte bilaterale Geldgeberin für Gesundheit und Familienplanung in Afrika und verwaltete rund 40 Milliarden US-Dollar. Damit wurden Programme unterstützt, die Familienplanung mit der Gesundheit von Müttern und Kindern, HIV-Prävention sowie Maßnahmen zur Beendigung von Kinderheirat und geschlechtsspezifischer Gewalt kombinierten.
Die Folgen des Wegfalls sind dramatisch. Doch gerade jetzt sollte das schwierige Erbe von USAID nicht ausgeblendet werden. Dabei geht es vor allem um die historischen Verstrickungen der Organisation in die Bevölkerungskontrolle. Hier gilt es, deren soziale Schädigungen aufzuarbeiten, Anerkennung und Verantwortung einzufordern, für Wiedergutmachung zu kämpfen und zugleich einer neuen Vereinnahmung der eugenischen und rassistischen Geschichte durch rechte Kräfte entgegenzuwirken (iz3w 410 und 414).
Politik der Bevölkerungskontrolle
Dass sich Organisationen diesem Kapitel ihrer Vergangenheit stellen, ist nicht neu: Die britische NGO MSI Reproductive Choices (bis 2020: Marie Stopes International) und ebenso die US-basierte Organisation Planned Parenthood erkennen ihre frühere Beteiligung an der Bevölkerungskontrolle an. USAID hat aber im Gegensatz dazu bisher weder eine formelle Entschuldigung noch ein institutionelles Eingeständnis zur Bevölkerungskontrolle abgegeben, noch gab es Wiedergutmachungsmaßnahmen oder Verantwortungsübernahme für die Schäden, die die Organisation durch ihre Politik in Ländern des Globalen Südens verursacht hat.
Familienplanung galt als Heilmittel für soziale Missstände
Doch worum geht es bei Bevölkerungskontrolle? In den 1960er und 1970er Jahren herrschte nicht nur unter US-amerikanischen Befürworter*innen der Bevölkerungskontrollbewegung die Überzeugung vor, dass die Länder des Globalen Südens ihre Geburtsraten senken müssten, um wirtschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Die Ideologie geht auf ältere eugenische, rassistische und sozialchauvinistische Ideen zurück, die vom Ende des 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein sehr verbreitet waren und sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Entwicklungspolitik niederschlugen (iz3w 297). Armut und »Unterentwicklung« seien hohen Bevölkerungszahlen anstatt strukturellen Ursachen geschuldet. Vor diesem Hintergrund wurden Frauen im gebärfähigen Alter zur Hauptzielgruppe von bevölkerungspolitischen Zwangsmaßnahmen und -politiken.
Afrikanische Frauen und Mädchen beispielsweise wurden von den Befürworter*innen dieser Ideologie als sexuell promiskuitiv und unwissend dargestellt. Durch solche Annahmen rechtfertigte man übergriffige und erzwungene reproduktive Maßnahmen. Familienplanung galt in dieser Ideologie als Heilmittel für soziale Missstände wie etwa das Elend in städtischen und ländlichen Ghettos oder für steigende Kriminalitätsraten und Obdachlosigkeit auf dem afrikanischen Kontinent.
Der USAID-Rechtsrahmen, wie der Foreign Assistance Act von 1961, bezog die Bevölkerungskontrolle in die Kriterien für die Mittelvergabe ein und betonte, dass die Stabilisierung der Bevölkerungszahlen für eine wirksame Entwicklungshilfe unerlässlich sei. Hilfszahlungen und -maßnahmen verknüpfte der Foreign Assistance Act dafür mit Maßnahmen der Familienplanung.
So startete USAID 1965 ihre Familienplanungsinitiative zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums, insbesondere im Globalen Süden. Während Bevölkerungswachstum offiziell als Entwicklungsproblem dargestellt wurde, bekannte sich USAID lange nicht zu Menschenrechten oder sexuellen und reproduktiven Rechten. Ihre Politik ging von der Prämisse aus, dass Bevölkerungswachstum die außenpolitische Sicherheit der USA gefährden und ihren Zugang zu Bodenschätzen und anderen natürlichen Ressourcen beeinträchtigen könnte.
Verschleierung von Interessen
Auch andere westliche Mächte verfolgten systematisch eine Politik, um Afrikas Bevölkerung zu kontrollieren, zu reduzieren oder sogar zu eliminieren. Diese Logik zeigte sich besonders deutlich im weiß regierten Südafrika während der Apartheid-Ära, wo ein ‚ungebremstes Wachstum‘ der Schwarzen Bevölkerung vor Ort als Bedrohung für die Weißen dargestellt wurde. Bis 1983 führte dies zur Einrichtung von etwa 21.000 Familienplanungskliniken, die sich an afrikanische Frauen richteten und ausschließlich Verhütungsmittel anboten.
Heute braucht es eigene afrikanische Ansätze und Narrative im Bereich der reproduktiven Gerechtigkeit
Ab den 1960er Jahren wurden die Mittel für internationale bevölkerungspolitische Aktivitäten erheblich aufgestockt. Die Vereinigten Staaten unternahmen dabei beträchtliche Anstrengungen, das Ausmaß dieser Programme zu verschleiern. USAID hielt sich daher oft im Hintergrund, weshalb Mittel häufig über Zwischenstellen weitergeleitet wurden. Eine davon war der Pathfinder Fund, eine gemeinnützige philanthropische Stiftung, gegründet vom Eugeniker Clarence Gamble, Erbe der Seifenfirma Procter & Gamble. Über diese Zwischenstellen wurde USAID zu einer zentralen Playerin bei der Umsetzung der Familienplanungsinitiativen der US-Regierung und arbeitete mit Regierungen und NGOs im gesamten Globalen Süden zusammen.
Das konnte in verschiedenen Ländern unterschiedlich aussehen. In Senegal knüpfte USAID die Gewährung von Hilfe an die Einführung von Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle. In Ägypten forderte USAID die Institutionalisierung der Bevölkerungskontrolle als Entwicklungspriorität, die in geopolitische und Demokratisierungsprojekte eingebettet war. In Nigeria förderte USAID eine Bevölkerungspolitik, die Familienplanung in ihr umfassenderes Gesundheitsprogramm integrierte. Dieses unterstützte die Nigerianer*innen jedoch nicht dabei, ihre gewünschte Familiengröße zu erreichen, sondern zielte darauf, mit dem Bezug auf das Narrativ der »Entscheidungsfreiheit« so viele Menschen wie möglich daran zu hindern, Kinder zu bekommen.
Reproduktive Gerechtigkeit
Das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit steht der in der Bevölkerungspolitik vorherrschenden Rede von einer vermeintlichen Entscheidungsfreiheit kritisch gegenüber. Reproduktive Gerechtigkeit umfasst vielmehr das gesamte körperliche, psychische, spirituelle, politische, soziale und wirtschaftliche Wohlbefinden von Frauen und Mädchen. Sie stellt die Annahme in Frage, dass alle Menschen trotz struktureller Ungleichheiten gleichen Zugang zu reproduktiven Optionen haben. Vielmehr bekräftigt die reproduktive Gerechtigkeit drei miteinander verbundene Rechte: Das Recht, ein Kind zu bekommen, das Recht, kein Kind zu bekommen und das Recht, Kinder in einer sicheren und gesunden Umgebung großzuziehen.
Heute braucht es vor allem eigene afrikanische Ansätze und Narrative im Bereich der reproduktiven Gerechtigkeit. Zu lange wurde das Feld der sexuellen und reproduktiven Rechte von internationalen Geldgebenden, Organisationen und Institutionen geprägt. Dagegen muss die Vergangenheit der Bevölkerungskontrolle international aufgearbeitet und das verursachte Unrecht anerkannt werden. Drei Formen von Maßnahmen werden hierfür empfohlen: Erstens soll USAID sich wie MSI Reproductive Choices und Planned Parenthood ihrer Geschichte stellen und das durch ihre Politik verursachte Unrecht anerkennen. Es braucht eine offizielle Entschuldigung und eine offene Auseinandersetzung – auch um Desinformationskampagnen rechter Akteur*innen etwas entgegenzusetzen. Zweitens bedarf es Wiedergutmachungsmaßnahmen, etwa durch die finanzielle Unterstützung von Organisationen, die sich für reproduktive Gerechtigkeit auf dem afrikanischen Kontinent einsetzen. Diese Unterstützung sollte Organisationen priorisieren, die rechtebasierte Ansätze vorantreiben. Drittens gilt es, lokale Organisationen und inländische Finanzierung zu stärken, um die Abhängigkeit vom Globalen Norden zu verringern.
Anerkennung schafft Vertrauen und entzieht Desinformationskampagnen den Boden. Entscheidend ist aber der Perspektivwechsel selbst: Nur wenn afrikanische Akteur*innen die Prioritäten reproduktiver Gerechtigkeit selbst bestimmen, spiegeln diese auch ihre eigenen Realitäten wider – verankert in Wahrheit, Geschichte und Selbstbestimmung anstatt fremdbestimmter Hilfe.
Dieser Artikel erschien 2025 in dem Journal Sexual and Reproductive Health Matters und wurde aus dem Englischen übersetzt und überarbeitet von Kathi King.
Weiterführende Links
Nimrod Muhumuza & Nana Koomson: A complex legacy: USAID, population control, and reproductive justice in Africa