Wasser verbindet
Staaten finden selbst in Konfliktlagen Wege zur Wasserkooperation
Die geopolitische Instrumentalisierung von Wasser ist wieder en vogue. Für lokale Akteur*innen jedoch sind geteilte Wasserressourcen auch Basis gemeinschaftlichen Handelns – über politische Grenzen hinweg.
Im Oktober 2025 kamen mehr als 300 Umweltaktivist*innen, Wissenschaftler*innen und auch einige Vertreter*innen lokaler Verwaltungen in Diyarbakir (Amed) im Südosten der Türkei zum zweiten Mesopotamian Water Forum (MWF)* zusammen. Ziel des MWF war es, Wasser als Instrument für Frieden in der Region zu fördern und Wege zu ökologischer Gerechtigkeit im Gebiet der großen Ströme Euphrat und Tigris zu diskutieren. Veranstaltet wurde das Forum vom Mesopotamia Ecology Movement und dem NGO-Netzwerk Save the Tigris, das seit 2012 Umweltgruppen aus Irak, Türkei, Syrien und Iran zusammenbringt. Das MWF bot Raum, um über die verschiedenen und doch gemeinsamen wasserpolitischen Probleme in den Ländern zu diskutieren: Von der Situation in den von Austrocknung bedrohten Sumpfgebieten im Süden des Irak, über die dramatische Wasserknappheit in der Provinz Hasakeh in Syrien aufgrund türkischer Angriffe auf die Wasserinfrastruktur, bis zu den Auswirkungen neoliberaler Kommodifizierung von Wasser. Die Organisator*innen schafften es, trotz aller Interessensgegensätze ihrer Regierungen, gewaltsamen Konflikten in der Region und politischer Drangsalierung von kritischen NGOs, einen sicheren Ort für Austausch zu schaffen.
Dieses Beispiel scheint anderen Meldungen entgegenzustehen, die nahelegen, dass die Anzahl gewaltsamer Wasserkonflikte neue Rekordwerte erreicht. Gerade mit zunehmender Wasserknappheit durch die Klimakrise hat die Rede von zukünftigen Verteilungskonflikten um Wasser wieder Konjunktur. Denn Wasser ist nicht nur wichtig für menschliche Grundbedürfnisse, sondern auch für Landwirtschaft, Industrie und Energieerzeugung. Vor allem in wasserarmen Regionen wird es somit als relevant für die nationale Sicherheit gesehen. Bei grenzüberschreitenden Gewässern hat die Wassernutzung eines Landes durch Entnahme, Aufstauung oder Verschmutzung Auswirkungen auf die Verfügbarkeit in anderen Ländern. Doch woher kommt eigentlich die Annahme, geteilte Wasserressourcen würden prinzipiell eher zu Konflikten als zu Kooperation führen? Aus historischer Erfahrung sicher nicht.
Wasser und Konflikt – eine Rückschau
Anfang der 1990er Jahre wurde von Medien, Politiker*innen und Thinktanks erstmals die Gefahr zukünftiger Wasserkriege diskutiert. Nach dem Ende des Kalten Krieges wandten sich einige sicherheitspolitische Forscher*innen sogenannten nicht-traditionellen Sicherheitsrisiken zu. Oft vertraten sie die Annahme, dass Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum zu einer steigenden Nachfrage nach Wasser führe und dass die daraus resultierende Knappheit bewaffnete Konflikte begünstigen könne. In diesem Zusammenhang wurden grenzüberschreitende Wasserressourcen als Konfliktursache gesehen, vor allem in wasserarmen Regionen. Aufmerksamkeit erreichten Aussagen wie »Wenn die Kriege dieses Jahrhunderts um Öl geführt wurden, werden die Kriege des nächsten Jahrhunderts um Wasser geführt werden« des damaligen Weltbank-Vizepräsidenten Ismail Serageldin.
Wasserkooperation kann ein Instrument der Friedensförderung sein
In der Wissenschaft fanden diese Thesen jedoch kaum Anhänger*innen – im Gegenteil. Studien zeigten schnell, dass es historisch betrachtet insgesamt weniger gewaltsame Konflikte als friedliche Kooperationen zu Wasser gibt. Der erste und letzte dokumentierte ‚Wasserkrieg‘ fand zwischen den beiden mesopotamischen Stadtstaaten Lagash und Umma statt – rund 2500 v. Chr. Zwar spielten Wasserfragen immer wieder eine Rolle in gewaltsamen Auseinandersetzungen, doch sind sie meist nicht Hauptursache, sondern mit anderen Faktoren in einem komplexen Ursachengeflecht verbunden. Auch wenn es genug Fälle von diplomatischen Spannungen um Wasser gibt, gibt es deutlich öfter Zusammenarbeit zwischen Staaten. Diese kann von recht vagen Absichtserklärungen bis zu umfangreichen Verträgen und gemeinsamen Flusskommissionen reichen.
Staaten haben selbst in schwierigen politischen Umständen Wege zu einer Wasserkooperation gefunden. Bekannte Beispiele sind der Indus-Vertrag zwischen Indien und Pakistan von 1960, die Regelungen zur Wasserverteilung im Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel von 1994 oder der Sava-Vertrag zwischen den Nachfolgestaaten Jugoslawiens von 2002. Solche Kooperationen sind weit davon entfernt, immer gerecht, fair oder nachhaltig zu sein. Nicht wenige Abkommen bevorteilen den mächtigeren Anrainerstaat oder führen Arrangements aus Kolonialzeiten fort. Aber sie widerlegen die vorschnelle Annahme eines generellen Konfliktpotenzials von Wasser, indem sie zeigen, dass Wasserkooperation ein Instrument der Friedensförderung sein kann.
Wasser als Waffe?
Trotzdem hat in jüngster Zeit die These von drohenden Wasserkriegen wieder an Popularität gewonnen. Einerseits hängt dies mit den Auswirkungen der Klimakrise auf Wasserverfügbarkeit und Sicherheitsrisiken zusammen. Andererseits wurde einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass Wasserinfrastruktur zur Zielscheibe in Konflikten werden kann, wie bei der Eroberung des größten irakischen Staudamms durch den Islamischen Staat, der russischen Bombardierung des Kachowka-Staudamms in der Ukraine oder der Zerstörung von Wasserinfrastruktur in Gaza und der Westbank durch die israelische Armee und Siedler*innen. Quantitative Erhebungen wie die Water Conflict Chronology des Pacific Institute verzeichnen in der Tat eine Zunahme von sogenannten water-related conflicts. Diese Zunahme ist jedoch nicht per se vermehrter Konflikte um Wasser geschuldet, sondern vielmehr der bereits erwähnten kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen Wasserinfrastruktur beschädigt wird. Die Unterscheidung zwischen (fehlendem) Zugang zu Wasser als Auslöser von Konflikten und der gezielten oder kollateralen Zerstörung von Infrastruktur wird in der medialen Berichterstattung oft verwischt. So wird oft vorschnell »Wasser als Waffe« gerufen, wenn ein Oberlieger einen neuen Damm oder Kanal baut, anstatt sich mit der komplexen Frage verschiedener, durchaus legitimer Nutzungsinteressen innerhalb ungleicher Machtbeziehungen auseinanderzusetzen.
Oft wird vorschnell »Wasser als Waffe« gerufen
Dass Wasser auch ein geo- und sicherheitspolitisches Thema ist, ist nicht aus der Luft gegriffen. Ungleiche Machtverhältnisse zwischen Staaten in einem Flussgebiet sind oft bestimmender für die Möglichkeiten der Wassernutzung als die geographische Lage. Für viele Länder, gerade in ariden Gebieten, ist Wasser von strategischer Bedeutung und große Wasserinfrastrukturprojekte werden nationalistisch instrumentalisiert. Aber Wasser ist mehr als das. Wasser hat in eigentlich allen Kulturen, Religionen und Gesellschaften einen besonderen Status: sozial, spirituell, kulturell, emotional. Diese besondere Beziehung der Menschen zum Wasser verbindet sie auch untereinander, über (politische) Grenzen hinweg. Ähnliche Initiativen wie das MWF gibt es auch entlang des Ganges, Brahmaputra und Meghna in Südasien, wo es erhebliche politische Spannungen zwischen China, Indien, Bangladesch und Nepal gibt. Für Südamerikas Guarani Grundwassersystem haben engagierte Hydrogeolog*innen aus Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay eines der ersten internationalen Grundwasserabkommen auf den Weg gebracht. Am Jordan bringt die jordanisch-israelisch-palästinensische NGO EcoPeace MiddleEast seit Jahrzehnten Wassernutzer*innen aus allen drei Gebieten zusammen – und kann diese Verbindungen selbst heute noch erhalten.
Diese Initiativen zeigen, dass die Interessengegensätze oft nicht zwischen Staaten bestehen, sondern zwischen denen, die Gewässer schützen, und solchen, die sie bestmöglich wirtschaftlich nutzen wollen; zwischen einem Wert von Wasser, der monetär gemessen wird, und einem Wert, der sozial und spirituell erfahrbar ist; und zwischen einem Verständnis von Wassersicherheit als national und exklusiv oder als regional und solidarisch.
Jenseits staatlicher Wasserpolitik
Für viele Regierungen mag Wasser (auch) ein politisches Macht- und Kontrollmittel sein und seine Versicherheitlichung verlockend. Doch Staaten sind nicht die einzigen Akteur*innen in diesem Feld. Nichtregierungsorganisationen, Umweltgruppen, Jugendverbände, lokale und indigene Gemeinschaften verschaffen sich zunehmend Gehör und werden teils auch formal einbezogen (z.B. mit Beobachtungsstatus in internationalen Flusskommissionen). So ist es zum Beispiel zivilgesellschaftlichen Kampagnen zu verdanken, dass 2016 die mesopotamischen Sümpfe im Irak zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurden, was neue politische Möglichkeiten schafft, ihren Schutz zu fordern. Initiativen wie Save the Tigris zeigen mit ihrer jahrelangen Zusammenarbeit, dass Wasser nicht nur eine Angelegenheit zwischenstaatlicher Vereinbarungen ist. Vielmehr setzt zivilgesellschaftliche Kooperation herrschenden Diskursen über Versicherheitlichung und Kommerzialisierung von Wasser eine Vision ökologischer Gerechtigkeit entgegen. So heißt es treffend in der Abschlusserklärung des MWF: »Die Freiheit der Flüsse ist die Freiheit der Menschen in Mesopotamien.«