»Wir haben nur unsere Hände zum Arbeiten«
Mexikanische Frauen am Ende der Lieferkette
Audiobeitrag von Dorothea Bornewasser
06.03.2026
Teil des Dossiers Feministische Kämpfe
In Ciudad Juárez, der mexikanischen Grenzmetropole zu den USA, laufen die Fließbänder rund um die Uhr. In knapp 300 Montagefabriken – den sogenannten Maquilas – fertigen Arbeiterinnen Autoinnenelektronik, Glasfaserkabel und Roboter für Weltmarktkonzerne wie Bosch, Lear Corporation und Elektrolux. Ein Viertel der Stadtbevölkerung arbeitet hier, zu niedrigen Löhnen, in strengen Schichtsystemen, ohne echte gewerkschaftliche Vertretung. Das Kollektiv Rosa Luxemburgo wurde von Fabrikarbeiterinnen gegründet, die das ändern wollen. Betty Ávalos und Norma Garduño begleiten Frauen bei der Durchsetzung ihrer Arbeitsrechte, kämpfen für kürzere Arbeitszeiten, bessere Gesundheitsversorgung und die Anerkennung von Berufskrankheiten. Dabei stoßen sie auf eine Realität, in der Gewalt am Arbeitsplatz normalisiert ist, Kinderbetreuung fehlt und Jugendliche zwischen Drogenabhängigkeit und organisierter Kriminalität aufgerieben werden. Dorothea Bornewasser hat die Frauen des Kollektivs besucht und erzählt von struktureller Ausbeutung – aber auch von Widerstand, Solidarität und der Überzeugung, dass Arbeit kein Schicksal, sondern ein Politikum ist.
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 3. März 2026 im südnordfunk #142 bei Radio Dreyeckland
Sprecherin: Frauen unterstützen Frauen bei der Durchsetzung ihrer Arbeitsrechte in der mexikanischen Grenzmetropole Ciudad Juarez. Das Kollektiv Rosa Luxemburgo haben Fabrikarbeiterinnen gegründet, die an der Grenze zu den USA Autoinnenelektronik, Glasfaserkabel und Roboter für den Weltmarkt fertigen. Eine hochtechnologisierte Industrie, die von den billigen Löhnen in Mexiko und der schnellen Anbindung an die US-Infrastruktur profitiert. Norma Garduño und Betty Ávalos erzählen, dass Arbeitsrechte und Gewerkschaften in den Montagefabriken, den sogenannten »maquilas«, oft fehlen.
Norma Garduño: Die Organisation entstand als Reaktion auf die Probleme, mit denen die Arbeiterinnen in den Maquilas auf sich allein gestellt sind. Wir fragten uns, wer sie beraten und unterstützen könnte. Da es keine Organisation gab, beschloss Betty, eine zu gründen.
Betty Ávalos: Wir arbeiteten alle in der Maquila und organisierten uns in unserer Freizeit. Aber das war ganz schön anstrengend und wir merkten, dass es manchmal Möglichkeiten von Organisierungs- und Lobbyarbeit gab, die wir nicht wahrnehmen konnten. Und da sahen wir den Moment gekommen, eine eigene Organisation zu schaffen und uns komplett dieser Arbeit zu widmen. Denn hier gibt es keine Möglichkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Sprecherin: In der Industriemetropole Ciudad Juarez herrschen strikte Bedingungen in den Fabriken, Arbeiterinnen werden die Minuten vorgegeben, die sie während ihrer Schicht essen oder auf die Toilette gehen können. Vorarbeiter haben ein strenges Auge auf sie und Personalmanager sollen Organisierungsansätzen und Streiks entgegenwirken. Die städtischen Behörden haben sich den Wirtschaftsinteressen verpflichtet und die Infrastruktur der unwirtlichen Stadt orientiert sich an diesen. Die wenigen Gewerkschaften, die es gibt, stammen noch aus der Zeit vor den Maquilas, eine wirkliche Vertretung der Arbeiterschaft bieten sie nicht.
»Wir gelten als billige Arbeitskräfte«
Betty Ávalos: Wir unterstützen Frauen, damit sie ihre Rechte selbst verteidigen können, vor der Schlichtungsstelle, der Krankenversicherung oder dem Sozialbauamt. Wir erklären ihnen, was sie dort erwartet und und was sie angeben müssen, damit sie das klar haben. Wir sind in diesem ganzen Prozess aber einfach nur ihre Begleiterinnen.
Sprecherin: Doch auch wenn Empowerment für das Kollektiv an oberster Stelle steht, besucht kaum jemand ihr Büro im Süden der Stadt, nahe der Industrieparks, um Beratung zu suchen. Der öffentliche Nahverkehr in der 1.5 Millionen-Stadt verlangt Zeit und Geduld. Keine Option für eine Fabrikarbeiterin nach der Schichtarbeit und langen Arbeitswegen im Personaltransport. Und manchmal haben Frauen von ihrem spärlichen Lohn noch nicht einmal Geld für ein Ticket übrig. Deshalb versuchen Betty und ihre Mitstreiterinnen mit Infotischen und Flyer ausgerüstet in die Schlafstädte zu gehen und die Frauen dort zu erreichen, wo sie leben.
Betty Ávalos: Wir gelten als billige Arbeitskräfte. Und so hatten wir jahrelang keinen Zugang zu staatlichen Institutionen, denn wir arbeiten ja immer. Wir können auch nie an irgendetwas teilnehmen, weil wir ja einfach ständig arbeiteten. Zu Organisationen, die Frauen in Situationen von Gewalt begleiten, sagten wir, macht wenigstens samstags auf, denn sonst können die Frauen eure Angebote gar nicht wahrnehmen.
Sprecherin: Das Kollektiv gibt Fabrikarbeiterinnen eine Stimme und politisches Gewicht. Es unterstützt Initiativen, die den Alltag von Frauen in Mexiko zum Positiven verändern sollen. So wie die Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden - eine Gesetzesinitiative, gegen die Politiker und Unternehmer aktuell großen Widerstand leisten. Auch das mexikanische Pflegesystem haben sie im Auge, denn reproduktive Arbeit wird nach wie vor unentgeltlich vor allem von Frauen erbracht. Eine weitere Forderung des Kollektivs ist die Umsetzung des »Abkommens 190« der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zur Beseitigung von Gewalt am Arbeitsplatz.
»Es herrscht eine Normalisierung der Gewalt«
Betty Ávalos: Meistens reichen Männer Beschwerden über Gewalt am Arbeitsplatz ein. Es ist nicht so, dass Frauen diese Probleme nicht hätten, aber eine Reihe von Umständen verhindert, dass wir Anzeige erstatten. Es herrscht eine Normalisierung der Gewalt. Wir erleben so viel Gewalt, dass Gewalt am Arbeitsplatz nur ein Thema unter vielen für uns ist.
Self-Care als Minimalstandard
Sprecherin: Deshalb stellt für Betty und Norma die Anleitung zum Self-Care ein zentraler Punkt ihrer Arbeit dar. Während die beiden zu den vier hauptamtlichen Mitarbeiterinnen zählen, umfasst das Kollektiv rund 60 Frauen. Diese Multiplikatorinnen arbeiten in einer der knapp 300 Montagefabriken an der Grenze arbeiten, sie sind im informellen Sektor unter meist prekären Umständen aktiv - oder schon in Rente, blicken aber auf ein ganzes Arbeitsleben voller Erfahrungswerte zurück.
Norma Garduño: Wir Frauen kommen nie zur Ruhe, Frauen gehen nie aus, und da zu Hause so wenig Geld ist, geben wir, wenn jemand krank ist – das Kind, der Mann –, das Geld immer für sie aus, nicht für uns. Wir glauben, dass keine soziale Bewegung, kein Widerstand, kein Kampf aufrechterhalten werden kann, wenn wir müde oder krank sind. Also machen wir Meditation, wir machen Sport, wir gehen ins Schwimmbad, wir spielen Spiele, Lotto, um es uns gutgehen zu lassen.
Sprecherin: Beim Kollektiv Rosa Luxemburg gibt es stets kleine Geschenke: ätherische Öle gegen Kopfschmerzen, Teemischungen gegen Bauchschmerzen, selbstgemachte Seifen, Sonnencremes und Kosmetika, die sich die Fabrikarbeiterinnen mit ihrem niedrigen Gehalt oft nicht leisten können. Viele Frauen sind alleinerziehende Mütter. Oder beide Ehepartner arbeiten in verschiedenen Schichten in der Fabrik und wechseln sich mit der Kinderbetreuung ab. Das Kollektiv mietet Busse, um die Frauen zu Workshops abzuholen, damit sie problemlos ihre Kinder mitbringen können. Es gibt gesundes Essen und eine Kinderbetreuung, damit sie beruhigt sein können, dass ihre Kinder versorgt sind, während sie selbst Zeit haben zum Lernen, Ausruhen oder gemeinsam Spaß haben.
Betty Ávalos: Manchmal sagen uns die Frauen: »Ich komme zu euch, um einfach mal vier Stunden Zeit ohne die Kinder verbringen zu können und einfach nur an mich denken zu können, ohne mir Sorgen zu machen«. Deshalb nehmen sie manchmal an den Workshops teil. Wir würden gerne mehr Menschen erreichen, aber die Wahrheit ist, dass wir gar nicht mehr Kapazitäten hätten. Also sagen wir uns, wir müssen uns unsere Arbeit gut einteilen.
Sprecherin: Auch wenn in Ciudad Juárez rund ein Viertel der Bevölkerung in den Montagefabriken von Lear Corporation, Bosch, Elektrolux und anderen Weltmarktunternehmen arbeitet, identifizieren sich viele Frauen nicht unbedingt als Fabrikarbeiterinnen. Da es kaum Aufstiegschancen und eine lineare Karriere gibt, nehmen viele die Arbeit an, wenn es gerade passt, und verlassen die Fabrik ein paar Monate später wieder. Doch letztendlich kehren sie immer wieder zurück. Nur die Arbeitsbedingungen verbessern sich währenddessen nicht.
Betty Ávalos: Ich gehe in die Maquila, aber dann ist mein Mann eifersüchtig und bringt mich dazu zu kündigen, nach ein paar Monaten holt mich die Armut ein und ich fange wieder in der Fabrik an, dann kriege ich ein Kind und gehe wieder raus, aber irgendwann reicht das Geld für die Windeln nicht, also gehe ich zurück in die Maquila. Trotzdem begreife ich mich selbst nicht als Fabrikarbeiterin, aber das ist nun mal unser Los, wir haben ja keinen Grund und Boden, kein Erbe, nur unsere Hände zum Arbeiten. Darüber müssen wir uns klar werden, denn sonst werden wir niemals beginnen, unsere Realität zu ändern.
Arbeit als Politikum
Sprecherin: Das Kollektiv, dass sich nach Rosa Luxemburg, der Ikone der europäischen Arbeiter*innenbewegung benannt hat, folgt nicht nur dem feministischen Ansatz, dass das Private politisch ist, sondern betrachtet auch Arbeit an sich als ein Politikum und keine Privatangelegenheit. Sie glauben, dass die Armut der hart arbeitenden Familien in Ciudad Juárez System hat und dass das Erlangen eines bescheidenen Wohlstands über Generationen verhindert wird. Erst mit der Neuauflage des Wirtschaftsabkommens zwischen Mexiko, Kanada und den USA im Jahr 2020, das die Regionalisierung von Produktionsprozessen auf dem nordamerikanischen Kontinent vorantreibt, wurde der Mindestlohn in Mexiko heraufgesetzt - und das nur auf Druck der US-Gewerkschaften.
Norma Garduño: Es ist wichtig, uns bewusst zu machen, dass unsere Arbeit die Hälfte des Bruttoinlandsprodukt dieser Stadt einbringt. Wenn wir uns kollektiv organisieren und unsere Identität anerkennen, erkennen wir auch die Macht, die wir gemeinsam besitzen. Dann werden uns sowohl die Wirtschaft als auch die Regierenden ernster nehmen.
Sprecherin: Die Maquila-Industrie ist seit über 40 Jahren in der Stadt ansässig. Die Körper von Frauen sind über Jahrzehnte kaputt gearbeitet. Doch die öffentliche Krankenversicherung erkennt Krankheiten, die von den Produktionsprozessen kommen, nicht an. Dabei können viele Fabrikarbeiterinnen weder stehen noch sitzen, weil ihre Wirbelsäule geschädigt ist. Oder sie können kaum noch ihre Händen bewegen, weil Sehnen und Nerven durch die immer wiederholten Bewegungen im Übermaß beansprucht wurden. Bei der einstellung werden Frauen aufgrund von Industriekrankheiten diskriminiert, die mit ihrem Arbeitsalltag einhergehen: Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes. Oder sie gelten schlichtweg als zu alt, um einen Job zu bekommen. Vielen werden Medikamente verschrieben, um das Arbeitspensum in der Fabrik und die Gedanken an den Schuldenberg zuhause auszuhalten. Aber auch die Schuldgefühle, aufgrund der langen Arbeitsschichten nicht für die Kinder da zu sein.
Betty Ávalos: Wir haben das grosse Problem, dass es ab vier Jahren keine Kinderbetreuung mehr gibt. Kinder und Jugendliche bleiben wahrend den Schichten allein zu Hause in den Schlafstädten. Hinzu kommt der Anstieg von Drogen wie Fentanyl in der Stadt, der besonders Jugendliche betrifft. Viele Kinder der Frauen, die wir kennen, sind entweder drogenabhängig oder werden von Drogenkartellen angeworben, um für sie zu arbeiten.
Sprecherin: Der Druck, in die Fabriken zu gehen, um das Einkommen der Familie zu sichern, ist groß. Doch die Fabrikarbeit ist auch mit Vorurteilen belastet. Frauen wird unterstellt, dass sie ihre Kinder vernachlässigen, dass sie sich gehen lassen, sich von ihrem Partner trennen. All das soll die Schichtarbeit hervorrufen. Demgegenüber steht kontrastreich ein Bild, das von der Industrie verkauft wird.
«Ich trage diesen Pferdeschwanz, weil ich muss«
Norma Garduño: Letztes Jahr ließ ein Wirtschaftsverband in der ganzen Stadt Plakate mit hübschen Frauen mit langen, lackierten Nägeln und geschwungenen Wimpern aufstellen. Auf den Plakaten stand: «Auch deine Nägel kosten Geld, bleib in deinem Job«. Wir fragten uns wütend: Wie ist es möglich, dass sie uns so sehen? Es bedeutet, dass Frauen, die etwas wert sind, so aussehen müssen.
Betty Ávalos: Und es ist auch ein Witz anzunehmen, dass wir so am Fliessband stehen könnten, denn uns ist nicht erlaubt, Ohrringe zu tragen und nur geschlossene Schuhe, wir müssen alle Sicherheitsvorschriften einhalten, kurze Nägel tragen, manchmal nicht einmal Make-up, stattdessen Pferdeschwänze und Turnschuhe. Ich trage diesen Pferdeschwanz, weil ich muss, ich muss immer Turnschuhe anhaben und da gewöhnt man sich halt dran und trägt das auch im Alltag so, der Körper passt sich dem an.