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Rezension

ila 262/ Februar 2003

Multi-Kulti-Rassismus | Pflichtlektüre für alle reisenden Gutmenschen:"Im Handgepäck Rassismus" des iz3w

Ein materialreiches Buch mit Beiträgen zu Tourismus und Kultur, wie es im Untertitel heißt, hat eine AutorInnengruppe im Verlag des Freiburger Informationszentrums Dritte Welt (iz3w) vorgelegt. In 15 Artikeln werden zahlreiche Facetten des Themas bearbeitet. Erkenntnisleitend ist immer die Frage, wie TouristInnen ihre Sicht und Wahrnehmung, ihr Verständnis der Welt auch in die bereisten Welten tragen. Das ist nicht alles neu, aber oft schärft es den Blick für bis dahin nur Geahntes oder vage Wahrgenommenes. Die AutorInnen sind um Verständlichkeit bemüht, weitgehend ist ihnen das auch gelungen, aber wer bisher keinerlei Berührungspunkte zu postmodernen Argumenta-tionsweisen und Denkstrukturen oder der jün-geren antirassistischen Diskussion hatte, wird dennoch ein wenig Bereitschaft mitbringen müssen, sich auf neue Gedanken und Begründungen einzulassen.

Da geht es etwa um die Verwandtschaft von Rassismus und Tourismus in Bezug auf die Wahrnehmung, ja aktive Schaffung von Differenz und Grenze. Es "wird die These vertreten, dass der auf der Annahme und Herstellung kultureller Differenzen basierende Tourismus zum Erhalt der symbolischen Ordnung der Welt beiträgt" (Tina Goethe, S.15). Teil dieser symbolischen Ordnung ist der Rassismus, der heute nur noch selten offen als solcher in Erscheinung tritt; die Rede von der "Rasse" ist out, heute heißt das "Kultur" - und erfüllt denselben Zweck: "Kultur war stets vergleichend; und Rassismus war von jeher wesentlicher Bestandteil von Kultur. Sie sind untrennbar miteinander verwoben, bedingen sich gegenseitig. Rasse wurde schon immer kulturell konstruiert und Kultur wurde schon immer rassisch konstruiert." (T. Goethe, S. 26, R. C. Young zitierend).

Diesem Gedanken folgend geht Hito Steyerl in einem eigenen Beitrag der Frage nach, wie der Tourismus als Teil der globalen Klassenbildung funktioniert und während der letzten 200 Jahre kolonialistischer Geschichte funktioniert hat. Dabei arbeitet er besonders heraus, dass die vom Tourismus produzierte Arbeitsteilung nicht nur rassistische, sondern auch patriarchale, sexistische Muster erzeugt und bestärkt (S. 29-42). Beide Gedanken werden in mehreren Artikeln weiter ausgeführt. Alejandro de la Fuente etwa (S. 163-174) untersucht die Beschäftigungsverhältnisse in der cubanischen Tourismusindustrie in Bezug auf die Hautfarbe der Angestellten und ihre Rolle im Business. Er kann nachweisen, dass AfrocubanerInnen kaum noch eingestellt werden, weil sie als unattraktiv gelten. Waren sie in der Branche in Bezug auf ihren Bevölkerungsanteil vor Ausbau des Tourismus zum Devisenbeschaffer noch überrepräsentiert, so findet man sie heute nur noch gelegentlich in Bereichen, die keinen KundInnenkontakt haben. Dabei geht diese Beschäftigungspraxis nicht auf Wünsche der TouristInnen zurück, sondern ausdrücklich auf die Vorstellung, die die cubanischen Tourismusunternehmer von diesen Wünschen haben - und verweist damit auch auf die tief sitzenden rassistischen Klischees in der cubanischen Gesellschaft.

Sexuelle Phantasien und Versprechungen sind wesentlicher Teil des Tourismusgeschäfts. Das beginnt schon bei der Werbung und im Katalog (der, ganz nebenbei, die Aufgabe hat, etwas, das von so vielem abhängig ist - dem eigenen Verhalten, dem Zufall, fremden Menschen oder dem Wetter - nämlich einen angenehmen Urlaub, als Ware darzustellen, auf die ich Zugriff haben könnte wie auf ein Ei im Supermarkt: Ich zahle und krieg's - Jessica Olsen, S. 119 - 132) und findet seine konkreteste Form im Sextourismus. Generell wird im Tourismus "die Fremde sexualisiert und die Frau exotisiert": "Sexuelle Metaphern von der Entdeckung ’jungfräulichen Gebietes' oder der Penetration des ’dunklen Kontinents' beinhalten nicht nur sprachliche, sondern auch tatsächliche Vergewaltigungsphantasien." (Rosaly Magg, S. 71 und 76)

So sehr TouristInnen für gewöhnlich sich nicht scheuen schamlos in die Intimsphäre der Bereisten einzudringen - dazu ein hoch interessanter Artikel von Christiane Schurian-Bremecker (S. 175-190) über eine touristische Hauptbeschäftigung, das Fotografieren, und ein Interview mit der Fotografin Marily Stroux (S. 101-200) -, so sehr betonen verschiedene AutorInnen, dass sowohl die TouristInnen wie die Bereisten eine Wahl haben: Touristische Attraktionen wie die "Bomas of Kenya" (Artikel von Martina Backes, S. 107-118), wo imaginierte afrikanische Dorfwelten als Touristenattraktion dargestellt werden, sind für beide Seiten als Inszenierungen durchschaubar und werden auch als solche erkannt - und prägen dennoch subtil Anschauung und Verhalten.

Kein einfaches Buch also, aber eines, das den Blick auf uns selbst lenken kann und will: "Vielleicht sollten wir uns erst mal um die Zustände im eigenen Land kümmern, Voraussetzungen schaffen, die erholsame Lebensumstände vor der eigenen Tür ermöglichen und im Alltag den Blick über den Tellerrand wagen." (Christopher Vogel, S.95)

von Werner Rätz

Im Handgepäck Rassismus
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