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Sie sind hier: Startseite Bücher, CDs, DVD Bücher Im Handgepäck Rassismus Das Erlebnis der Grenze

Das Erlebnis der Grenze

Bereits vor 15 Jahren erschien der Sammelband „Im Handgepäck Rassismus“ – und avancierte im Laufe der Jahre zum Klassiker der Tourismuskritik. Da viele der darin versammelten Texte nichts an Aktualität eingebüßt haben, gibt es das Standardwerk nun auch als pdf zum Download. Hier ist der Einleitungsartikel des Buches über die Verwandtschaft von Rassismus und Tourismus.

von Tina Goethe

»Mexiko gilt wegen seiner reichen kulturellen Geschichte, seiner einzigartigen landschaftlichen Vielfalt, seiner besonderen Musik- und Tanztraditionen und vor allem seiner Menschen zu Recht als eines der faszinierendsten Länder der Welt.« Ob Indien, Spanien, Ägypten oder eben Mexiko: Erste Sätze aus dem Vorwort von Reiseführern sind meist austauschbar. Dabei verlangt der Tourismus nach Einzigartigkeiten, die er vor allem in den ‘unterschiedlichen Kulturen’ der zu bereisenden Länder sucht. Egal ob Volkskultur oder hochkulturelle Zeugnisse der Vergangenheit – Kultur, die zu besuchen es sich lohnt, muss vor allem anders sein. Bezugspunkt für die Feststellung von Differenz ist dabei immer die eigene Kultur, die der Touristen und der Tourismusindustrie. Die touristische Suche ist jedoch mehr als nur die Suche nach Unterschiedlichkeit: Über den Akt des Reisens wird diese Differenz oft erst hergestellt. Denn der auf Unterschiede zum Eigenen und Bekannten gerichtete touristische Blick ist selektiv und formt das Vorgefundene gemäß der eigenen Erwartungen und Wünsche. Die auf diese Weise konstruierten Differenzen markieren dann selbst die Grenzen, deren Überschreitung Motivation und Ziel des Reisens ausmacht.

Im Tourismus werden tagtäglich millionenfach Grenzen überschritten. Das Ritual der Passkontrolle am Flughafen oder auf der Autobahn ist für westliche TouristInnen in der Regel problemlos und scheint zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Dennoch ist das Passieren der Grenzen konstitutiv für eine Reise, deren Beginn durch den Moment des Überschreitens markiert wird. So bedeutet Reisen neben dem tatsächlichen vor allem auch ein Überschreiten von Grenzen auf symbolischer Ebene. Das gilt sowohl für kulturelle Grenzen, vor allem aber für solch reale Grenzen wie die zwischen Nationalstaaten. »Es gibt nichts Natürliches an der Grenze, sie ist ein höchst konstruierter Ort, der durch überschreitende Leute reproduziert wird, denn ohne das Überschreiten haben wir keine Grenze. Dann ist sie nur eine imaginäre Linie, ein Fluss oder einfach eine Wand,« sagt die mexikanische Künstlerin Bertha Jottar in Ursula Biemanns Videoessay ‘Performing the Border’. Trägt der Tourismus also zur Aufrechterhaltung von Grenzen bei?

Auch der Rassismus beruht auf der Herstellung von Differenz und Grenzen. Dennoch werden Reisen und Rassismus ganz unterschiedlich bewertet. Während im Tourismus die Differenz positiv erlebt wird – durch Suchen und Entdecken von Neuem –, wird im Rassismus Differenz negativ wahrgenommen. Sie dient der Abwertung und Ausgrenzung. Im Rassismus werden die über konstruierte und tatsächliche Unterschiede voneinander getrennten Gruppen in eine Hierarchie gestellt, die in bestehende Herrschaftsverhältnisse eingebettet ist und diese stützt und reproduziert. Die rassistische Ideologie ist damit auf explizites Grenzziehen angelegt. Die Überschreitung dieser Grenzen, seien sie kulturell, politisch oder als beides – also in der Regel nationalstaatlich – konstruiert, ist nur erwünscht, wenn sie mit kapitalistischen Interessen konform geht. Denn der Verlauf der Grenzen wie auch die Modalitäten ihrer Überschreitung wurden und werden gemäß der Interessen kolonialer und kapitalistischer Expansion festgelegt. An diesen realen wie imaginären Grenzen treffen sich Rassismus und Tourismus.

Nun ist die im Tourismus zum alltäglichen Geschäft gehörende exotistische Wertschätzung des Fremden in den letzten Jahren mehrfach als Teil rassistischen Denkens und Handelns analysiert worden. Auch auf die sehr konkreten rassistischen Verhaltensweisen vieler TouristInnen sowie auf Ausbeutung und Ausschluss der einheimischen Bevölkerung durch die touristischen Entwicklungen wird immer wieder aufmerksam gemacht. Die Verbindung zwischen Rassismus und Tourismus ist jedoch noch grundsätzlicher. Deshalb wird die These vertreten, dass der auf der Annahme und Herstellung kultureller Differenzen basierende Tourismus zum Erhalt der symbolischen Ordnung der Welt beiträgt. Diese Welt-Ordnung beruht auf rassistischen Kategorien, die kulturell definiert sind. Reisen und Rassismus basieren beide auf der Konstruktion von Grenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen. Damit steht die Kultur im Zentrum von touristischen und rassistischen Betrachtungsweisen der Welt. Entlang des Begriffsfeldes der Kultur, das nicht zufällig auch in der Diskussion um Tourismus Hochkonjunktur hat, soll die strukturelle Verwandtschaft zwischen Tourismus und Rassismus nachgezeichnet werden.

 

Kultur und Zivilisation

Der Begriff der Kultur hat sich in den vergangen Jahren zu einem schwer fassbaren, semantischen Monstrum ausgewachsen. Von Körper-, Wohn- und so genannter ‘Unternehmenskultur’, von der Kultur des christlichen Abendlandes bis hin zur ‘Ballermann-Kultur’ ist da die Rede. Die klassischen Gegensätze Hochkultur versus Volkskultur, Popkultur, Subkultur oder Kultur als Produktions- und Lebensformen scheinen mehr und mehr zu verschwimmen – hin zu einem alles umfassenden Kulturbegriff.

Auch innerhalb der Diskussion um Tourismus wird mit einem sehr breiten Kulturbegriff operiert: Alles ist Kultur und lohnt besucht zu werden – seien es die Fresken der Sixtinischen Kapelle oder die traditionellen Methoden der Olivenernte. Doch trotz dieser zunächst sehr offenen Auffassung von Kultur schleicht sich mit dem Blick auf das ‘Fremde’ meist ein statisches Kulturverständnis ein. Die TourismuswissenschaftlerInnen Hansruedi Müller und Marion Thiem beispielsweise definieren Kultur als das, »was für eine menschliche Gemeinschaft in einer bestimmten Region typisch ist.« Eine derartige Auffassung von Kultur kommt der touristischen Wahrnehmung und dem touristischen Geschäft sehr entgegen. Kulturen sind als abgrenzbare Entitäten mit ihren jeweiligen Besonderheiten vorstellbar, die an bestimmten Orten auffindbar, besuchbar und mehr oder weniger gut zu verstehen sind. Im Grunde sind Kulturen wie Pflanzen, unterschiedlich groß und bunt, die der Hege und Pflege bedürfen (so man sich denn weiterhin an ihnen erfreuen will). Zentral ist vor allem ihre Ortsgebundenheit – sie ‘wachsen’ eben nur in ‘bestimmten Regionen’, die für sie günstig sind.

Dieses für den Tourismus typische Kulturverständnis geht oft einher mit der Klage über die Kulturzerstörung durch den Tourismus, eine Klage, die so alt ist wie der Tourismus selbst. Nicht nur von tourismuskritischen Kreisen wird immer wieder bedauert, wie fremde, bisher ‘unberührte und intakte’ Kulturen durch den Kontakt mit westlichen TouristInnen ‘verdorben’ oder gar ‘infiziert’ würden. Der Kulturbegriff, der dabei für die bereisten Länder angewendet wird, weicht oft stark davon ab, wie die Skeptiker ihre eigene Kultur definieren. Hier zeichnet sich ein grundsätzlicher Widerspruch ab, der auf die Polarisierung der Begriffe ‘Kultur’ und ‘Zivilisation’ Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

Waren die Begriffe ‘Zivilisation’ und ‘Kultur’ im 18. Jahrhundert noch Synonyme für den allgemeinen geistigen und materiellen Fortschritt, entwickelte sich ihr Gebrauch im 19. Jahrhundert zunehmend antithetisch. Zivilisation – gemeint war und ist damit die westliche, aufgeklärte Zivilisation – erhielt ihre Bedeutung durch die Konstruktion des Gegensatzes zur ‘Barbarei’. Von den Barbaren und Wilden außerhalb der kapitalistischen Zentren grenzte man sich durch technischen Fortschritt und ‘zivilisiertes’ Verhalten ab. Mit diesem Zivilisationsbegriff einher ging eine Einteilung der Menschheit in verschiedene Kulturkreise und ‘Rassen’, die in eine Hierarchie gebracht wurden, in der das weiße, christliche und aufgeklärte Europa ganz oben stand – dazu berufen, den unzivilisierten Rest der Welt zu erobern und aufzuklären. Die Grenze verlief nicht nur geografisch, sondern auch historisch. Da Zivilisation für ein Modell des dauernden Fortschritts steht, impliziert jeder bestehende Entwicklungszustand ein Werturteil über das Frühere. Alles was ist, ist nicht nur richtig, sondern auch besser, als das was war. Entsprechend wurden die ‘Barbaren’ oder ‘Nicht-Zivilisierten’ auf der Zeitachse bereits überwunden geglaubten Entwicklungsstufen zugeordnet, was einerseits einer (Ab)Wertung entsprach, andererseits aber die theoretische Grundlage dafür bot, die (noch) Nicht-Zivilisierten in das eigene Entwicklungsmodell zu integrieren.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff der Zivilisation nicht nur im deutschen Idealismus zunehmend angegriffen. Mit dem Begriff der ‘Kultur’ sollten die als Kehrseiten empfundenen Aspekte der Zivilisation aufgezeigt werden. Der Kulturwissenschaftler Terry Eagleton beschreibt, wie ‘Kultur’ als Kritik am Bestehenden, als Kampfbegriff eingebracht wurde: »Ein Grund für den Aufstieg des Begriffs ‘Kultur’ war (...) der Umstand, daß ‘Zivilisation’ als Wertbegriff immer weniger überzeugend klang. (...) Zivilisation war etwas Abstraktes, Entfremdetes, Fragmentarisches, Mechanistisches, Utilitaristisches und stand im Banne des krassen materialistischen Fortschrittsglaubens; Kultur war ganzheitlich, organisch, sinnlich, eingedenkend und trug ihr Ziel in sich. Der Konflikt zwischen Kultur und Zivilisation war Bestandteil eines Kampfes zwischen Tradition und Moderne.« Kultur wurde als ortsgebunden und stammesmäßig verstanden und hatte nichts Kosmopolitisches mehr an sich. Es verkehrte sich damit zumindest in Deutschland in das Gegenteil von Zivilität. Robert C. Young bringt die Komplexität des Kulturbegriffs auf den Punkt: »Kultur ist auf diese Weise ein in sich widersprüchliches Wort – ein Synonym für die Hauptströmung der westlichen Zivilisation und gleichzeitig deren Antithese.«

Insbesondere Herder verfolgte die Idee von Kultur als Zivilisationskritik. So habe jedes ‘Volk’ seine eigene, besondere Ausdrucksweise, seine eigene, besondere Kultur, womit der Begriff nur noch im Plural zu denken sei. Herders Kulturdefinition war bewusst gegen den Universalismus der Aufklärung gerichtet, gegen »den Ethnozentrismus einer Kultur-als-universaler-Zivilisation« (Eagleton). Kultur sei nicht »die großartige, unilineare Menschheitserzählung, sondern eine Vielfalt von spezifischen Lebensformen, deren jede ihr eigenes Entwicklungsgesetz in sich trägt.« Herder verband den Kampf zwischen den zwei Bedeutungen von ‘Kultur’ – den der Zivilisation und der Kultur – explizit mit dem Konflikt zwischen Europa und seinem kolonialen Gegenüber. Seine Kritik an Imperialismus und Kolonialismus basierte dabei hauptsächlich auf seiner These der Ortsgebundenheit von Kultur. Durch die territoriale Expansion gefährdete sich nach Herder die kolonisierende Nation selbst: die kulturell homogene Nation entfernte sich von ihrem Ursprung und setzte sich und die kolonisierten Völker über deren Einverleibung, die zwangsläufig Vermischungen bedeutete, existentieller Gefahr aus. Herder war der erste, der das Wort Kultur »im modernen Sinne einer Identitätskultur gebrauchte: einer soziablen, volkstümlichen und traditionellen Lebensweise, die alles durchdringt und den Menschen sich in ihr verwurzelt oder beheimatet fühlen läßt« (Geoffrey Hartmann zit. n. Eagleton).

Die Idee von der Kultur-als-bestimmte-Lebensform ist mit ihrer romantisch-antikolonialistischen Vorliebe für ‘exotische’ Gesellschaften bis heute prägend für die Definition von Kultur und Grundlage für die derzeit so gepriesene ‘kulturelle Identität’. Als ein zunächst kritisch gegen die Anmaßungen des Konzepts der Kultur-als-Zivilisation und deren scharf diskriminierenden Auswirkungen gedachter Begriff tendierte das Konzept der Kultur-als-Lebensweise jedoch von Anfang an zu einer Idealisierung der Volkskultur. »Sie ist eine Wirklichkeit, die auf einer ganz anderen, vitaleren Ebene als der des Geistes gelebt wird und damit der rationalen Kritik verschlossen ist« (Eagleton). Die Bedeutung von Kultur verschob sich damit paradoxerweise hin zu einer Beschreibung der Lebensformen von ‘Wilden’ und weg von der der Zivilisierten. Kultur – und damit gut – ist danach alles, was authentisch von den Menschen selber kommt.

Aus dieser romantischen Version von Kultur wurde mit der Zeit eine ‘wissenschaftliche’: Im 20. Jahrhundert fand sie insbesondere in der Ethnologie Verwendung. Doch obwohl sie vorgab, keine Wertungen einzelner Kulturen vorzunehmen und sich der Theorie einer auf ‘rassischen’ Unterschieden gründenden Hierarchie der Völker zu entziehen, ging es weiterhin darum, kulturelle Differenzen zu finden und zu beschreiben. Und indem sie sich der Kategorien bedienten, die innerhalb des großen Gegensatzes zwischen Westen und Nicht-Westen fungierten, arbeiteten diese Beschreibungen Schritt für Schritt an der kulturellen Ordnung der Welt. So lieferten auch die zunächst ‘neutralen’ Analysen ‘fremder Kulturen’ Zeichen und Versatzstücke, die als Träger über sie hinausgehender Bedeutungen gewählt wurden und zu Wertungen einluden. Damit trug nicht nur die Rassenlehre, sondern auch die Ethnologie als Lehre der kulturellen Differenzen zu einer Botanisierung der Menschheit bei.

 

Vom Sight-Seeing zum Life-seeing

Die Parallelen zur touristischen Betrachtung von Welt liegen auf der Hand. Die  ‘Kultur-als-Lebensform’ ist Zielpunkt der Begehrlichkeiten des modernen Tourismus. Besonders deutlich wird diese Parallele zwischen der Idealisierung von Volkskultur und touristischen Sehgewohnheiten im ‘Life-seeing’.

Standen im klassischen Sight-Seeing noch die (hoch-)kulturellen Leistungen aus Kunst und Architektur im Zentrum der Reise, wurden die Inhalte des »Kulturtourismus« inzwischen um das Life-Seeing, also um die Alltagskultur ergänzt. Suchte ein Bildungsreisender wie Goethe in Italien noch architektonische und künstlerische Zeugnisse vergangener Hochkulturen auf, die er voller Bewunderung beschrieb und die den Erzeugnissen der eigenen Kultur überlegen schienen, so werden heute vornehmlich Kulturen-als-Lebensformen besucht. Wegen ihrer angeblich naturverbundenen Einfachheit werden auch diese zwar wieder romantisch verklärt und mit einer Sehnsucht nach den heilen Wurzeln der Menschheit erlebt. Dennoch kann sich kaum jemand ambivalenten Gefühlen entziehen, da das eigene Leben so offensichtlich fortgeschrittener, freier und überlegen erscheint. Auch heute bewundern viele Bildungsreisende unumwunden die prachtvollen Überreste aus besseren Zeiten, wie den Taj Mahal in Indien oder die Pyramiden in Ägypten. Doch darum herum lebt das Volk – und das lebt heute wie damals mehrheitlich einfach und arm. Mit der Verschiebung hin zum ‘Life-seeing’, das die Kultur als Lebensweise und eben nicht mehr als Hochkultur im Blick hat, tritt unweigerlich alles nicht-westliche hinter den Errungenschaften der Zivilisation zurück.

Auch auf anderer Ebene wird die Hierarchie zwischen Zivilisation und Kultur-als-Lebensform im Tourismus erneut lebendig. Verstehen sich die meisten TouristInnen als Teil der westlichen Zivilisation, die sie als Segen oder als Fluch empfinden mögen, ist die Motivation vieler Fernreisen der Besuch und/oder das Kennenlernen fremder ‘Kulturen’. »Kultur – das sind die anderen!« schreibt Terry Eagleton über die anthropologische Bedeutung von Kultur. »Wer die eigene Lebenswelt als Kultur definiert, läuft Gefahr sie zu relativieren. Die eigene Lebensweise ist immer einfach menschlich; die anderer Menschen ist ethnisch, eigentümlich, kulturell besonders.« ‘Primitive’, die heute etwas vorsichtiger nicht-westliche Kulturen genannt werden, werden auch und besonders im Tourismus als kohärent und widerspruchsfrei imaginiert. Sie erscheinen als Lebensformen, die man plastisch erfassen kann, weil man außerhalb von ihnen steht, aber auch als Lebensformen von einer Geschlossenheit des Daseins, die der eigenen abgeht. Von dieser Projektion, die mit vielen bunten Details geschmückt die Grundlage exotistischer Denk- und Verhaltensmuster bildet, lebt die Tourismusindustrie. Gesucht und geboten werden vermeintlich ‘intakte Lebenswelten’, die in ihrer ‘Unberührtheit’ eine lebendige Kraft ausstrahlen, die sie aus ihrer ‘Verbundenheit’ mit ihrer natürlichen Umwelt und ihren Traditionen schöpfen. Diese Lebendigkeit, die sich für EuropäerInnen vornehmlich in Tanz, Musik und Ungezwungenheit ausdrückt, scheint der eigenen ‘Kultur’, besser: Zivilisation verloren gegangen. Die Zivilisationsmüden suchen Unterhaltung, Frische oder gar Heilung in der fremden ‘heilen’ Welt.

Die ist jedoch nur solange heile, wie sie von der eigenen Welt unberührt bleibt. Denn obwohl die fremde Kultur als energiestrotzend und ‘gesund’ imaginiert wird, erscheint sie merkwürdig anfällig für Verunreinigungen. Dem Kontakt mit der unheilbringenden Zivilisation, der anscheinend den Beginn des Untergangs markiert, und den viele kulturpessimistische TourismuskritikerInnen gerade dem Tourismus zuschreiben, sind diese Kulturen meist hilflos ausgeliefert. »Die kulturellen Schäden, wie der Verlust der kulturellen Identität der damit verbundenen Entwicklung zum individuellen Materialismus ohne gemeinsames Verantwortungsbewusstsein, Zerfall der Sitten und Zerstörung der bisher ordnungsgebenden lokalen Strukturen, angefangen bei der Familie, gehen ins Mark des Volkes« (Toni Hagen, zit. n. Stock).

Diese Perspektive – die Idealisierung einer heilen Welt und die Kritik an ihrer Zerstörung durch den Einbruch der Zivilisation – gleicht dem romantischen Idealismus von Herders Zivilisationskritik auf´s Haar. Und auch hier entspringt die durchaus berechtigte Kritik an den Folgen des Tourismus letztendlich einem Gefühl der Macht und Überlegenheit. Wie schon zu Kolonialzeiten scheint den außereuropäischen Kulturen der Status von Kindern zugesprochen zu werden. So als würden die vom Ernst des Lebens gezeichneten Erwachsenen davor bangen, dass ihre Kinder, die ihnen Quell der Belebung sind – und auch bleiben sollen – ihre Unschuld verlieren. In alter paternalistischer Manier werden den Menschen dieser fremden Kulturen ernstzunehmende Reaktions- und Handlungsfähigkeiten abgesprochen. Als kulturell wahrgenommen und betont werden jene Aspekte des sozialen Lebens, in die die Menschen hinein geboren werden – Verwandtschaft, Sprache, Ritual und Brauchtum –, die also bereits vorgegeben und nicht frei wählbar sind. ‘Zivilisation’ klingt gegenüber dieser deterministischen Beschreibung sehr viel mehr nach Bewusstsein und gezielter Handlung und projiziert damit den weißen Teil der Menschheit zu vernünftig denkenden und handelnden Subjekten.

Die Kritik an der Zerstörung eines ‘heilen’ naturnahen Paradieses entspringt einem Unwohlsein der Zivilisation an sich selbst, einem diffusen Unwohlsein der TouristInnen an hiesigen Verhältnissen, die dem Individuum entfremdet scheinen und es ganz und gar einer kapitalistischen Verwertungslogik unterordnen. Erst seit Mitte der 90er Jahre setzt eine Reflexion über Motivationen und Hintergründe dieser Form der Kritik am Tourismus ein. Deutlich wurde dabei, dass hinter der Rede von der ‘Kulturzerstörung’ oftmals von Paradiessehnsüchten genährte, exotistische Projektionen wie die des ‘edlen Wilden’ liegen. Die Tourismusindustrie suggeriert demgegenüber, dass es außerhalb der kapitalistischen Welt und ihrer Verwertungslogik auch anderes gibt. Von dieser Suggestion lebt der Tourismus. Er bietet scheinbar ‘außerhalb’ liegende Refugien an, die jedoch nur innerhalb eines touristischen Marktes denkbar sind. Denn bereits über ihr Angebotenwerden sind diese imaginierten, ‘marginalen Paradiese’ in die kapitalistische Verwertungslogik einbezogen.

Dass Tourismus an vielen Orten tatsächlich großen und zum Teil auch sehr negativen Einfluss auf die kulturellen Wandlungsprozesse der bereisten Gesellschaft hat, soll hier nicht geleugnet werden. Nur kann der Einfluss des Tourismus weder von den vielfältigen Einflüssen anderer Austauschprozesse isoliert werden, noch kann die Bewertung der kulturellen Wandlungsprozesse von außen und vornehmlich entlang der Interessen zivilisationsmüder Reisender vorgenommen werden. Um die gesellschaftlichen Veränderungen in touristischen Regionen bewerten zu können, muss es zunächst einmal um die Möglichkeiten der Mitbestimmung und Entscheidung für die betroffene Bevölkerung innerhalb der touristischen Entwicklung gehen. Werden Chancen für eine selbstbestimmte Entwicklung sowie Handlungsoptionen für Einzelne erweitert oder eingeengt? Wie verändern sich bestehende Macht- und Herrschaftsstrukturen? Die Tatsache, dass der Tourismus bzw. die Tourismusindustrie nur allzu oft die materiell gestützte Definitionsmacht besitzt und darüber entscheidet, wie sich die besuchten ‘Kulturen’ darzustellen haben und verkaufen lassen, heißt zudem nicht, dass nicht auch die anderen Akteure – die am Tourismus Beteiligten und von ihm Betroffenen – eigenwillige Strategien im Umgang mit Tourismus entwickeln.

 

Genuss auf Distanz

Der Rückblick auf die philosophisch-historische Entwicklung des Kulturbegriffs verdeutlicht, welche Deutungsmuster der im Tourismus wirkungsmächtigen Auffassung von Kultur zugrunde liegen. Die Lebensformen der Menschen außerhalb Europas werden der ‘Zivilisation’ als ortsgebundene Kulturen entgegengesetzt – ob in idealisierender oder abwertender Absicht geht es dabei immer um die Herstellung von Differenz. Dieses Kulturbild des Tourismus gleicht dem des Rassismus: Die beschriebenen bzw. besuchten Kulturen sind anders als ‘wir’ und ‘wir’ sind ihnen überlegen. Manifest werden diese strukturellen Ähnlichkeiten von touristischen und rassistischen Denkformen vor allem dann, wenn es um die alltägliche, nicht-touristische Begegnung geht. Denn allzu oft werden die Menschen der Kulturen, die im Urlaub noch bestaunt und bewundert wurden, im eigenen Land als störend empfunden. Dieser widersprüchliche Umgang mit kultureller Differenz – zuhause und auf Reisen – erscheint zunächst frappant.

Der Soziologe Zygmunt Baumann hat dafür jedoch eine einfache Erklärung: »Differenz kann genossen werden, solange sie in sicherer Entfernung liegt.« In seiner Arbeit »Flaneure, Spieler und Touristen« beschreibt er die Eigenheiten von Flaneuren und Touristen als exemplarisch für postmoderne Lebensformen. Dabei ist die Art und Weise des Umgangs mit dem Fremden zentral: Freiheit, das Ideal der Postmoderne, hängt nach Bauman davon ab, »wieviel von dieser (als fremd definierten und erlebten, TG) Vielfalt als nicht-existent betrachtet werden oder abwechselnd auf Armlänge entfernt gehalten und mal genossen werden kann, je nachdem ob lästig, oder genussvoll.« Diese Freiheit spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Sie bedeutet einerseits, sich überall hinbewegen zu können, andererseits selektiv zu ignorieren, was ins Blickfeld gerät. Nach Bauman lassen Flaneur und Tourist das Leben auf eine Weise an sich vorbeiziehen, die primär auf ihren Genuss ausgerichtet ist. Das Leben ist »lange genug im Blick, um von wandernder Aufmerksamkeit erfasst zu werden, aber nicht so lange, dass sich die Aufmerksamkeit eingeengt fühlt, gezwungen wird, innezuhalten, kompromittiert in ihrer Freiheit, dem Zufall zu folgen. Es ist lange genug im Blick, um Phantasien freizusetzen, aber nicht lange genug, um das, was phantasiert wurde, mit harter Gegenwart zu konfrontieren.«

Exotistische Projektionen auf die bereisten Menschen werden auf Reisen daher nur selten in Frage gestellt, denn ein Abhaken der von zuhause mitgebrachten Erwartungen und Bilder reicht vielen Reisenden als Erlebnis bereits aus. So wird letztendlich auch auf Reisen das ‘Andere’ auf sicherer Distanz gehalten, man versichert sich lediglich der Existenz dieses ‘Anderen’, um das ‘Eigene’ mit seinen positiven oder auch negativen Anteilen deutlicher zu spüren. Kommt jedoch das vermeintlich Fremde zu nah, wird es bedrohlich, da es die eigene Lebensweise, die Gültigkeit von Wertesystemen und Regeln in Frage stellen könnte. Die als kulturell anders Definierten nehmen im Alltag und in der nächsten Umgebung ‘Platz’, und erzwingen eine oft unerwünschte Auseinandersetzung, die die eigene Identität in Gefahr zu bringen scheint. Die Abgrenzung zum Anderen ist daher zuhause schwieriger, erscheint aber um so notwendiger. Denn das Fremde lässt sich nicht einfach als hübsches Souvenir mit nach Hause nehmen und als bereicherndes, willenloses Kleinod bruchlos in den eigenen Alltag, in das eigene Leben integrieren. Das ist einer der Momente, in denen Rassismus manifest wird und sich eines der typischen Argumente bedient, dem der oben beschriebene, klassische Kulturbegriff zu Grunde liegt: ‘Geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!’

Der aus der Karibik nach Großbritannien eingewanderte Rassismustheoretiker Stuart Hall fasst diesen grundlegenden Widerspruch innerhalb der postkolonialen Situation, d. h. der Migration der ehemals Kolonisierten in die Zentren, folgendermaßen zusammen: »Manchmal denke ich, die Engländer hätten uns lieben können, wenn wir bloß zuhause geblieben wären. (...) Dort wo wir hingehören, sind wir durchaus akzeptabel.« Hall beschreibt die Erfahrungen vieler MigrantInnen mit der ungebrochenen Wirkungsmacht eines Kulturkonzepts à la Herder. In Politik und Alltagspraxis wird Ausgrenzung auch heute noch damit begründet, dass Menschen über ihre Kultur an ihr Land gebunden seien und ihre Kultur, das heißt ihre Lebensformen und ihre kulturelle Identität, nur als Ganzes und nur an dem ihm ‘angestammten’ Ort funktioniere.

 

Kein Rassismus ohne Kultur

Halls Einschätzung weist auf eine Verschiebung innerhalb der rassistischen Deutungsmuster hin. Waren lange Zeit genetisch-biologisch begründete Unterschiede Grundlage eines Rassismus, der Nicht-Europäer abwertete und ausgrenzte, verschiebt sich die rassistische Argumentation mehr und mehr hin zu kulturell begründeten Deutungsmustern. Dabei stellen sich jedoch die kulturell definierten ‘Unterschiede’ als ebenso unverrückbar heraus, wie die ehemals biologisch begründeten. Die zentralen Definitionsmerkmale von ‘Rassen’, die gegenwärtig eher als ‘Ethnien’ oder ‘Volksgruppen’ bezeichnet werden, sind zwar kultureller Natur, stehen den Einzelnen dabei aber eben so wenig für bewusste Veränderung offen wie ihre biologische Veranlagung. Dabei verlaufen die kulturellen Zuschreibungen im Rassismus nach binärem Muster ab: Die andere, ausgeschlossene Gruppe verkörpert das Gegenteil der Eigenschaften und Tugenden, die die eigene Identitätsgemeinschaft ausmacht. Nur über diese Abgrenzung vom außen, vom ‘Anderen’ ist es der eigenen Gruppe überhaupt möglich, sich über alle inneren sozialen Widersprüche hinweg als homogene Gruppe zu konstituieren. »Dieser Prozeß, die Welt in Begriffen ‘rassisch’ definierter Gegensätze zu konstruieren, hat die Funktion, Identität zu produzieren und Identifikationen abzusichern. Er ist Bestandteil der Gewinnung von Konsensus und der Konsolidierung einer sozialen Gruppe in Entgegensetzung zu einer anderen, ihr untergeordneten Gruppe. Allgemein ist dies als die Konstruktion des ‘Anderen’ bekannt. Sie teilt die Welt in jene, die dazugehören und jene, die nicht dazugehören« (Stuart Hall).

Dabei geht es selbst den kultur-rassistischen Deutungsmustern immer weniger um eine argumentierende Begründung der konstruierten oder tatsächlichen Unterschiede – etwa über die Konstruktion einer (Kultur-)Geschichte der jeweils voneinander unterschiedenen Gruppen. Es zählt nicht mehr der Inhalt dieser Geschichte (oder anderer kultureller Konstruktionen), sondern nur noch das Bewusstsein darüber, dass es sich um eine andere Geschichte handelt, als die der eigenen Gruppe. »Kultur ist also, wenn man daran glaubt,« schließt Angelika Magiros aus der Analyse neo-rassistischer Texte, wo nichts mehr behauptet wird außer der schieren Differenz. »Unterscheiden können zwischen ‘Wir’ und ‘Die’, das macht ‘kulturelle Identität’ aus« (Bauer, zit. n. Magiros). Hier wird deutlich, worauf es in den (kulturellen) Differenzierungen ankommt: Erst über die Abgrenzung nimmt das Eigene Gestalt an. Wir sind wir, weil wir nicht ‘ihr’ sind, und ihr seid ihr, weil ihr nicht ‘wir’ seid, lautet die simple Formel.

Innerhalb einer von Herrschaftsstrukturen bestimmten Welt kann diese Abgrenzung zwischen Gruppen nicht wertfrei sein. Egal, ob ‘Kultur’ als das unveränderliche Besondere einer Gruppe begriffen wird, wie in der essentialistischen Kulturaufassung, oder als ein sich fortlaufend verändernder Prozess, der Individuen in eine oder verschiedene Gruppen einbindet: Die Differenzierung zur anderen Gruppe verläuft immer kulturell konstruiert. Diese enge und grundsätzliche Verbindung zwischen ‘Kultur’ und Rassismus analysiert Robert C. Young in seinem Buch »Colonial Desire«. Ob Kultur nun im Sinne von Zivilisation als allgemeiner menschlicher Fortschritt verstanden wurde oder eben als jeweils spezifische Lebensform egal welcher Gruppen oder ‘Völker’: »Kultur hat schon immer kulturelle Differenz bezeichnet, indem das Andere erst produziert wurde. Kultur war stets vergleichend; und Rassismus war von jeher wesentlicher Bestandteil von Kultur. Sie sind untrennbar miteinander verwoben, bedingen sich gegenseitig. Rasse wurde schon immer kulturell konstruiert und Kultur wurde schon immer rassisch konstruiert.« Young liest das Wort ‘Kultur’ als historischen und philosophischen Text und analysiert seine Bedeutungen als Resultat ökonomischer und politischer Konflikte. »Kultur ist nie isoliert, sie ist Teil einer konfliktiven Ökonomie, die sich in der Spannung zwischen Gleichheit und Differenz, Vergleich und Differenzierung, Einheit und Vielfalt (...) abspielt. (...) Die kontinuierliche Konstruktion und Rekonstruktion von Kultur und kulturellen Differenzen nährt sich von den nicht endenden internen Differenzen innerhalb der durch kapitalistische Ökonomien produzierten Ungleichheit.«

 

Landkarten der Bedeutung

In Abgrenzung zu dem statischen und essentialistischen Verständnis von Kultur, wie es im Alltagsdenken verbreitet ist und über Tourismus bestärkt wird, operieren wissenschaftliche Disziplinen wie die Cultural Studies mit einem sehr breiten Kulturbegriff. Dort wird Kultur allgemein und jenseits von Nationen als Wechselbeziehung zwischen Werten und Alltagshandlungen, zwischen Struktur und Praxis verstanden: »Eine Kultur enthält die ‘Landkarten der Bedeutung’, welche die Dinge für ihre Mitglieder verstehbar machen. Diese ‘Landkarten der Bedeutung’ trägt man nicht einfach im Kopf mit herum: Sie sind in den Formen der gesellschaftlichen Organisationen und Beziehungen objektiviert, durch die das Individuum zu einem ‘gesellschaftlichen’ Individuum wird. Kultur ist die Art, wie die Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind; aber sie ist auch die Art, wie diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden (...) So bilden die bestehenden kulturellen Muster eine Art historisches Reservoir – ‘ein vorab konstituiertes Feld der Möglichkeiten’, das die Gruppen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln« (Clarke, zit.n. Kalpaka/ Räthzel). Damit gerät neben den Sitten und Traditionen, die einem meist als erstes zu ‘Kultur’ einfallen, auch ein implizites Wissen in den Kulturbegriff, ein Wissen darüber, wie Akteure, Objekte, Beziehungen und das Ich in einer Gesellschaft zu deuten sind. Das Wissen ist offen und verändert sich mit den Erfahrungen seiner Akteure und der historischen Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft.

Innerhalb dieses Wissens nimmt der Tourismus eine zunehmend prominente Stellung ein. Tourismus ist nicht nur über das selbstverständliche und millionenfache Reisen in den westlichen Gesellschaften präsent. Auch die von ihm produzierten Bilder sind aus den Alltagswahrnehmungen nicht mehr weg zu denken. Tourismus schreibt mit an den ‘Landkarten der Bedeutung’, über die sich die Individuen die gesellschaftlichen Zusammenhänge erklären. Denn Kultur und Tourismus sind sowohl in den reisenden wie auch in den bereisten Gesellschaften eng miteinander verwoben. »Während sich der Tourismus der Kultur bemächtigt, ist er gleichzeitig Teil der Kultur. (... ) In, mit und durch Tourismus entfalten die Menschen ihre Kultur«, konstatiert der Kulturanthropologe Dieter Kramer im Handbuch zur Tourismuswissenschaft (Hahn/ Kagelmann).

Analog zum Verhältnis zwischen Tourismus und Kultur kann auch die Wechselwirkung zwischen Tourismus und Rassismus beschrieben werden: In, mit und durch Tourismus entfaltet sich das rassistische Wissen. Über die Herstellung und Verfestigung kultureller Differenzen auf der individuellen Ebene des Reisens, auf medialer Ebene in Reisekatalogen und Reiseführern sowie auf der Ebene des internationalen Marktes der Tourismusindustrie, die Nachfrage und Angebot aufeinander abstimmt, spielt der Tourismus eine zentrale Rolle für die Produktion und Reproduktion rassistischer Bilder und Strukturen. Indem Tourismus nationale und kulturelle Grenzen in nie dagewesenem Ausmaß zu überschreiten vorgibt, gerät leicht aus dem Blickfeld, dass er von der Existenz eben dieser Grenzen direkt abhängt und an ihrer Herstellung massiv beteiligt ist. Das persönliche Erlebnis dieser Überschreitungen macht die Grenzen erst real. Jede Überschreitung bestätigt die Erwartung, ‘das Eigene’ zu verlassen und das ‘Andere’ in seiner eigentlichen Form an seinem eigentlichen Ort zu Gesicht zu bekommen. So baut der Tourismus mit an der symbolischen Ordnung der Welt, in der dem aktiven und freien, da mobilen Teil der Welt viele authentische und sich im historischen Stillstand befindliche Teile gegenüber stehen. Eine Welt, die aus einer, überlegenen Zivilisation und vielen, zu bereisenden Kulturen besteht.

 

 

Literatur

Bauman, Zygmunt: Flaneure, Spieler und Touristen.
Essays zu postmodernen Lebensformen. Hamburg 1997.

Biemann, Ursula: been there and back to nowhere. Geschlecht in transnationalen Orten. Postproduction Documents 1988–2000. Berlin 2000.

Eagleton, Terry: Was ist Kultur? München 2001.

Flitner, Michael/Langlo, Peter/Liebsch, Katharina: Kultur kaputt. Variationen einer Denkfigur der Tourismuskritik. In: Voyage – Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung. Köln 1997.

Hahn, Heinz/Kagelmann, Jürgen: Tourismuspsychologie und Tourismussoziologie. Ein Handbuch zur Tourismuswissenschaft. München 1993.

Hall, Stuart: Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Räthzel, Nora (Hg.): Theorien über Rassismus. Hamburg 2000.

Kalpaka, Annita/Räthzel, Nora (Hg.): Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Leer 1990.

Magiros, Angelika: Demontage des Neo-Rassismus. Moderne und postmoderne Konzepte in der Rassismustheorie. In: iz3w 250 und 251, Freiburg 2001.

Rojek, Chris/Urry, John: Touring Cultures. Transformations of Travel and Theory. London, New York 1997.

Stock, Christian: Reise in die Vergnügungsperipherie. Die Tourismuskritik und die Dritte Welt. iz3w 241, Freiburg 1999.

Vogel, Christopher: Multikulturelle Gesellschaft auf Reisen. Der kulturalistische Blick auf ‘die Fremden’ in Deutschland und im Ferntourismus. Diplomarbeit, unveröffentlichtes Manuskript. Kassel 2002.

Young, Robert C.: Colonial Desire.  London, New York 1995.

Im Handgepäck Rassismus
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