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Alternative Techno-Trips in Goa

Interview mit einem Einwohner von Jürgen Hammelehle/ Christine Plüss

Eigentlich ist Anjuna, ein Strand im Norden Goas, ein ruhiger Ort - wenn da nicht des öfteren die ohrenbetäubenden Partys der Rucksacktouristen wären, die die ganze Nacht hindurch gefeiert werden. J. Hammelehle und C. Plüss haben mit einem Bewohner in Anjuna gesprochen.


Wie begann der Tourismus hier in der Gegend?

Zunächst kamen ein paar 'Blumenkinder' an den Nachbarstrand Calangute ins kleine Hotel Royal. Die Fremden gingen nackt an den Strand und führten sich für unsere Verhältnisse manchmal sehr merkwürdig auf. Viele von uns fragten sich, wie die es sich leisten können, bis um Mitternacht im Restaurant zu sitzen, ohne tagsüber Geld
zu verdienen. Sie lagen ja dann den ganzen Tag am Strand oder im Schatten ihrer Hütten herum, und abends saßen sie dann wieder im Restaurant und diskutierten laut bis in den frühen Morgen. Aber in Calangute gewöhnte man sich schnell an diese Leute mit den langen Haaren, den zerissenen Hosen, die meist barfuß gingen, obwohl sie genügend Geld für Schuhe gehabt hätten. 1970 kamen dann die ersten
drei Hippies nach Anjuna, vielleicht weil ihnen Calangute schon zu voll geworden war. Sie brachten auch Geld mit, aber zu den anfänglich wenigen Hütten am Strand kamen immer mehr dazu und die ersten wirklichen Probleme traten auf: Es gab keine Toiletten in Anjuna. Bald lagen überall menschliche Exkremente und Klopapier herum. Da wir Angst um unsere Gesundheit hatten, baten wir die jungen Leute mehr
ins Landesinnere zur Toilette zu gehen; an Stellen, die wir selbst auch benutzen. Das und die Drogen waren unsere Probleme mit den Hippies von Anfang an.

Aber Sie haben doch 1972 selbst eine Bar eröffnet?

Ja, ich hatte einige Freunde unter den Touristen, und die jungen Europäer und Amerikaner trinken gerne unseren Feny (Kokosnußschnaps), deshalb habe ich mich auch um eine Barlizenz bemüht. Bei mir sollte es keinen gepanschten Feny geben, mit dem man seine Gesundheit ruiniert, sondern reelle Getränke. Zu der Zeit wohnten so etwa 40 bis 50 Touristen in Anjuna. Dann, so etwa 1974, begann der Hippie-Flohmarkt vor unserer Haustür.

Was stört Sie an dem Flohmarkt?

Zum Flohmarkt kommen jeden Mittwoch tausende Touristen. Auch die von den großen Hotels - mittlerweile ist er eine richtige Touristenattraktion geworden. Jeden Mittwoch kommt unser Dorfleben deshalb total durcheinander. Die Straße zum Flohmarkt ist so eng, daß die Kinder auf ihrem Schulweg sehr gefährdet sind. Die Touristen fahren oft viel zu schnell mit ihren gemieteten Motorrädern und sie kennen unsere Straßenverhältnisse nicht, deshalb gab es schon viele Unfälle. Beim Flohmarkt gibt es keine richtigen sanitären Anlagen: Das müssen sie sich einmal vorstellen! Bei den vielen Menschen. Ungeziefer, vor allem Mosquitos, werden vom Dreck und vom schlechten Geruch angezogen und Krankheiten breiten sich dadurch
aus. Wir wehren uns auch gegen den Flohmarkt, weil dort viel zu viel Rauschgift gehandelt wird. Es kommen immer mehr Händler aus dem Norden Indiens. Auch die Drogen, die in Goa verkauft werden, kommen aus dem Norden Indiens, aus Afghanistan und Pakistan.

Wie hat sich das mit dem Rauschgiftproblem in Goa entwickelt?

Am Anfang waren es meistens weiche Drogen, die konsumiert worden sind. Die Freaks rauchten offen und voller Begeisterung aus ihren Shilums (Haschischpfeifen) - schließlich war genau das in ihrer Heimat verboten und hier erlaubt. Wir amüsierten uns anfänglich über die bekifften Jugendlichen. Ohne es zu wissen, wurde ich sogar der Helfershelfer einiger amerikanischer Kleindealer. Sie reisten immer von Goa nach Afghanistan und zurück. Dort kauften sie zehn bis zwölf Kilogramm Haschisch und brachten es nach Goa. Bei mir lagerten sie das Zeug dann ein - ich wußte nicht einmal, welchen Wert es hatte. Wir hatten den Ernst der Lage gründlich verkannt, aber das lag auch daran, daß wir keine Erfahrungen mit Drogen hatten, die gab es bei uns früher einfach nicht. Dann gab es die ersten Todesfälle: Manche starben an
einer Überdosis härterer Drogen, manche 'flippten' vollkommen aus, gingen nachts im Meer schwimmen und wurden nie mehr gesehen.

Gibt es so etwas wie eine Drogenmafia in Goa?

Ja. Einige Landsleute haben da ihre Finger drin, aber hauptsächlich wird das Drogengeschäft von Ausländern kontrolliert. Mit den harten Drogen stiegen die Preise ins Phantastische: Ein Gramm aus Südamerika importiertes Kokain kostet beispielsweise 2.500 Rupien (etwa 100 DM), davon gehen 2.000 an den großen Händler und 500 bekommt der Zwischenhändler - kein Wunder also, daß sich viele
Jugendlichen sagen: "Warum soll ich arbeiten, wenn ich auch so an Geld kommen kann." Mit der Zeit bekamen wir Angst. Das Drogenproblem wuchs uns über den Kopf, und, wir hatten vor allem auch Angst, daß unsere eigenen Kinder mit reingezogen werden würden. Deshalb machten wir eine Eingabe bei unserer Regierung und baten darum, daß der Flohmarkt und diese Partys verboten werden
sollten. Was hat es denn mit den Partys auf sich?
In den 70er Jahren waren sie noch schön. Jemand spielte Gitarre am Strand. Die jungen Leute rauchten Haschisch oder Marihuana dazu. Dann ging es mit den regelmäßigen Vollmondparties los. Auch das ging noch; einmal im Monat kann man eine schlaflose Nacht schon wegstecken. Aber jetzt sind laufend Partys, die die ganze Nacht über gehen. Sie fangen um Mitternacht an und enden morgens so gegen acht Uhr. Wie sollen unsere Kinder in die Schule gehen, wenn sie nachts nicht mehr schlafen können? Besonders die alten Menschen im Dorf sind betroffen. Sie werden richtig krank vom Lärm in der Nacht. Die Musik macht uns verrückt. Aus riesigen Lautsprecherboxen hämmert etwas wie Trommeln - kaum andere Instrumente und kein Gesang ist zu hören. Sie nennen es 'Techno-Sound' oder 'Acid-Musik' und so hört es sich auch an: Musik, wie aus einem Computer. Die Party heute Nacht war kaum hundert Meter von meinem Haus entfernt. Aber es gibt noch andere Partyplätze in Anjuna: Mehr als achttausend Bewohner sind durch den Lärm der Partys beeinträchtigt.

Wer organisiert die Partys?

Es müssen Leute sein, die ordentlich Geld haben. Wer sonst kann bis zu 25.000 Rupien für die Organisation, für den Aufbau der Musikanlage und den Einsatz der Getränke aufbringen. Allein das 'Palmöl' (wie Schmiergeld genannt wird, d. Red.) für die örtliche Polizei kostet eine stolze Summe. Aber verdient wird dann auch ordentlich. Bis zu 100.000 Rupien werden pro Nacht umgesetzt. Ich dagegen setze im Jahr nur 25.000 Rupien um. Die Verkaufsstände für Bier und Schnaps sind richtig gut geführte kleine Unternehmen mit Aufpassern im Hintergrund. Typisch ist, daß die legalen Bars, wie ich eine betreibe, nur zwischen 9.00 Uhr und 23.00 Uhr Konzession zum Ausschank von harten Getränken haben, auf den Partys dagegen wird Schnaps die ganze Nacht durch verkauft. Die vielen kleinen Teestände bei den Partys mit Süßigkeiten, Kuchen, Zigaretten usw. betreiben die Einheimischen. Da ist nicht so viel Kapital notwendig, aber sie werfen auch nicht so viel Gewinn ab.

Woher wissen die Fremden eigentlich, daß eine Party stattfindet?

Ja, das ist so eine komische Sache. Manchmal wissen nicht einmal wir, daß es eine Party gibt. Wir schrecken aus den Betten hoch, wenn kurz vor Mitternacht die Musik losdonnert. Manchmal sehen wir es zufällig vorher, wenn sie wieder die großen Lautsprecherboxen aufstellen und Bäume und Sträucher mit grellen Farben anstreichen. Dann wissen wir, daß es wieder eine schlaflose Nacht geben wird. Die Touristen dagegen hören es von den Taxifahrern, die die Mund-zu-Mund- Propaganda weitertragen. Für sie ist es ja ein gutes Geschäft, wenn sie nachts die Freaks von ihren Stränden zum Partyplatz bringen und im Morgengrauen wieder zurück. Natürlich wird es auch am Strand und in den Kneipen herumerzählt.

Gehen die einheimischen Mädchen und Jungen zu den Partys?

Ja, die Partys werden immer öfters von unseren Jugendlichen besucht. Unsere Kultur, egal ob die der Hindus oder der Christen, ist ganz anders als die der Ausländer. Unsere Jugend verändert sich durch den Einfluß zusehends. Sie wollen genauso leben wie die Freaks - aber sie können es nicht mit unserem geringen Einkommen hier in Goa. Die Partys sind schon wegen dem Alkohol attraktiv. Manche unserer Jugendlichen verdienen inzwischen ihr Geld mit kleineren Drogengeschäften
und immer mehr spielen um Geld - Glücksspiele, bei denen es zum Teil um horrende Einsätze geht. Kein Wunder, daß die Kriminalität steigt, seit immer mehr Menschen nach Anjuna kommen. Während den Partys gibt es immer wieder Einbrüche. Man hört es ja kaum, wenn bei der lauten Musik ein Fenster eingeschlagen wird. Es geht sogar so weit, daß unsere Kokosnüsse, von denen unsere Bauern leben, nachts von
den Bäumen gestohlen werden. Tagsüber werden sie dann am Strand an die Touristen verkauft.

Haben Sie schon etwas gegen die Partys und den Flohmarkt unternommen?

Schon 1976 haben wir Bewohner von Anjuna ein Memorandum an die Regierung weitergeleitet. Daraufhin wurden sowohl der Flohmarkt als auch die Partys verboten. Nach einem Regierungswechsel fing alles wieder von vorne an. Die Partys wurden wieder erlaubt, dann nach erneuten Protesten wieder verboten. Aber von Weihnachten bis Anfang Februar 1993 haben wir allein 14 Partys in unmittelbarer Nähe von unserem Haus gehabt.1 Das hält kein Mensch auf Dauer aus! Ich glaube, wir sind zu wenig Menschen hier in Anjuna. Deshalb konnten überhaupt die illegalen Partys und der illegale Flohmarkt entstehen. In Panjim, unserer Hauptstadt, wo sich viel mehr Menschen wehren könnten, ginge das nicht so einfach. Aber wir müssen uns zusammentun und gegen diese Auswüchse des Tourismus gemeinsam
demonstrieren. Eine andere Sache ist, daß am Strand immer mehr Abfall herumliegt. Wenn der Flohmarkt vorüber ist, sieht unser Dorf aus wie eine Müllkippe. Sogar Wegwerfwindeln bringen die Touristen aus Europa für ihre Kinder mit - so etwas kann man in Goa überhaupt nicht kaufen. Es wird immer dringender, etwas gegen die zunehmende Verschmutzung in unserem Dorf zu tun.

Das Interview erschien zuerst in: WoZ Juli 1993
Anmerkung:
1. Seit 1994 greift die Polizei gegen die illegalen Partys in Goa hart durch. Das Problem ist dadurch
nicht gelöst, denn die Techno-Freaks weichen in andere Regionen Indiens aus (die Red.).

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