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Höherer Anspruch - besseres (Ge-)Wissen?

von Christina Kamp

Forschungs- und Projektreisen von Nord nach Süd

Mehr als 20 Jahre kritische Aufklärungsarbeit über den Ferntourismus haben durchaus Bewußtsein geschaffen über soziale Ungleichgewichte, Konflikte und Umweltschäden in den touristischen Zielgebieten. Andererseits sonnt sich auch heute noch so mancher Tourist - am Swimmingpool in Kenia oder auch (und gerade!) im thailändischen ‘Massagesalon’ - in dem Gefühl, ein ‘kleiner Entwicklungshelfer’ zu sein. Da verwundert es nicht, daß ein ähnliches Selbstverständnis auch bei aufgeklärteren ‘anders’ Reisenden anzutreffen ist. ‘Höhere Ziele’, wie etwa wissenschaftliche Feldforschung, das Motiv des Irgenwie-helfen-wollens und entwicklungspolitisches Lernen, genießen hohe gesellschaftliche Akzeptanz - selbst dann, wenn hinter dem Besuch von Entwicklungsprojekten einfach nur die Suche nach dem ‘etwas anderen Urlaub’ steht. Die edlen Motive scheinen eine Legitimation zu bieten, um sich vom negativ besetzten Otto-Normal-Image abzugrenzen. Die Erfahrungen mit den verschiedenen Varianten des Projekttourismus zeigen aber, daß er keineswegs so unumstritten oder frei von Problemen ist, wie er manch einen glauben macht.

Was ist Projekttourismus? Natürlich eine Form von Tourismus, denn Dienstleistungen wie Transport, Unterkunft und Verpflegung werden in einem anderen als dem Heimatort in Anspruch genommen wie bei allen anderen Tourismusformen auch. Die Frage nach Umweltverträglichkeit und Sozialverantwortlichkeit stellt sich daher auch im Projekttourismus. Schwieriger zu definieren ist, was ein ‘Projekt’ ist. In der Regel stellt es sich als ein geplantes Vorhaben dar, das im Idealfall auch ausgewertet wird. Ein Projekt kann von den Reisenden selbst durchgeführt werden, etwa wenn eine Ethnologin mit einem selbst ausgedachten wissenschaftlichen Forschungsprojekt die Veränderung der gesellschaftlichen Rolle der Frau durch den Zugang zu Kleinkrediten in einem afrikanischen Dorf untersuchen will. Planende und Durchführende eines Projektes können aber auch die ‘Bereisten’ sein, deren Selbsthilfeprojekt von interessierten Reisenden (z.B. GeldgeberInnen) besucht wird.

Aus diesen beiden Grundkonstellationen des Projekttourismus können sich Spannungsfelder ergeben, die sich noch verschärfen, wenn ein Entwicklungs- oder Selbsthilfeprojekt selbst zum Untersuchungsgegenstand eines Forschungsprojektes gemacht wird. Die Frage nach der Sozialverantwortlichkeit von Projekttourismus hat hier eine besondere Dimension. Denn im Unterschied zu anderen Tourismusformen bedeutet Projekttourismus in der Regel einen besonders engen Kontakt zu Leuten vor Ort, und zwar zu solchen, deren eigentliches Arbeitsfeld gerade nicht der Tourismus ist.

Viele projekttouristische Reisen werden im Rahmen eines entwicklungsbezogenen Bildungs- oder Erfahrungsprogramms, einer wissenschaftlichen Exkursion oder einer (Studien-/Projekt-) Pauschalreise durchgeführt. In den Institutionen, die Projekttourismus organisieren und begleiten, hat sich im Laufe der Jahre ein wertvoller Erfahrungsschatz angesammelt. Dieser Schatz ist jedoch - im Sinne einer umfassenden Auswertung - bis heute nicht gehoben worden. Auch die nicht immer positiven Erfahrungen der Bereisten und Beforschten in den Ländern des Südens werden bei der Auswertung der Projektbesuche normalerweise wenig berücksichtigt. Entweder besteht an ihrer Einbeziehung einfach kein Interesse, oder sie ist sogar unerwünscht, da dadurch das Selbstverständnis der Reisenden empfindlich angekratzt würde. Nicht zuletzt stößt die Thematisierung negativer Erfahrungen im interkulturellen Dialog oft an unüberwindliche Hemmschwellen. Man traut sich nicht zu sagen, was ‘nicht so gut gelaufen ist’ und woran es gelegen haben könnte.

Trotz dieser Einschränkungen lassen sich einige Kriterien für ‘Erfolg’ und ‘Mißerfolg’ im Projekttourismus ableiten. Sie können den jeweiligen Organisationen sowie auch der großen Gruppe von individualreisenden ProjekttouristInnen wertvolle Hinweise geben und die Betroffenen anregen, sich in die Diskussion einzumischen, ihre Erfahrungen zu thematisieren und Wünsche und Forderungen vorzubringen.

Belastungen für die Projekte

”Wir wissen aus Erfahrung, daß Reisen in Entwicklungshilfe-Projekte aus der Sicht der Besuchten eher eine Belastung sind. Projektleiter, Entwicklungshelfer, Missionare und Mitarbeiter im Projekt müssen meist ihre ganze Zeit und Energie in die Projektarbeit investieren. Sie können es sich nicht leisten, den Gästen viel zu viele und oft viel zu unüberlegte Fragen zu beantworten. Schon deshalb müssen wir abraten, solche Projekte in die Reiseplanung aufzunehmen” (Pfäfflin 1993: 40f.). Diese Sichtweise aus dem Kirchlichen Entwicklungsdienst und andere, ähnlich kritische Betrachtungen führten in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre zu einer lebhaften Diskussion um die Belastungen der ‘Besuchten’ in Hilfs- und Selbsthilfeprojekten des Südens durch den Projekttourismus. Wie vielfältig und teilweise widersprüchlich die Sichtweisen der Betroffenen hierzu sein können, haben die ASA-Stipendiaten Birgit Funke und Ulrich Schnabel 1991 in einem ‘Projekt’ in Indien untersucht (in Häusler u.a. 1993: S. 355-378). Positives findet sich darin nur andeutungsweise, etwa die Lobby-Arbeit, die ProjekttouristInnen - hypothetisch - in ihren Heimatländern für die besuchten Projekte leisten können, oder die Hilfe von AusländerInnen bei Arbeitseinsätzen wie z.B. in Workcamps.

Sehr deutlich kamen andererseits die Belastungen zum Ausdruck, die den oft unfreiwilligen GastgeberInnen in den Projekten entstehen. So müssen sie für ihre BesucherInnen Unterkunft, Verpflegung und Besuchsprogramme organisieren, obwohl ihre eigentlichen Aufgaben andere sind. Am Beispiel der südindischen Selbsthilfeorganisation SIRD, die im Bereich der ländlichen Entwicklung tätig ist, zeigen Funke/ Schnabel die Konflikte auf, die durch die finanziellen Ungleichgewichte zwischen Besuchern und Besuchten entstehen: ”Ganz allgemein werden Europäer immer mit starker Finanzkraft assoziiert (...) Oft genug wird dabei diese finanzielle Hilfe grandios überschätzt. Den SIRD-Vertretern wurde schon wiederholt der Vorwurf gemacht, die (angenommenen) Riesensummen nicht gerecht weiterzuverteilen. Abgesehen davon beeinträchtigt auch der Besuch der weißen ‘Weihnachtsmänner’ die Motivation, selbst etwas auf die Beine zu stellen.” Gerade Selbsthilfegruppen geraten auf diese Weise in schwierige Situationen. Sie sind in dörfliche Sozialstrukturen eingebunden, ihre Arbeit beeinflußt das herrschende Machtgefüge. Ausländische BesucherInnen können schon durch ihre bloße Anwesenheit politische Konflikte auslösen oder bestehende verstärken, ohne daß es ihnen bewußt wird.

Offensichtlicher sind dagegen die sozialen Spannungen, die entstehen, wenn BesucherInnen ein unangepaßtes Verhalten an den Tag legen. Funke/Schnabel berichten z.B. von einer Gruppe Europäer in Indien, die ”mittags im Dorfteich nackt baden ging”. Dies mag ein Extrembeispiel sein, aber die Schmerzgrenze der Einheimischen ist in der Regel sehr viel früher erreicht. Die Vorstellungen, welche Kleidung angemessen ist, wer und was fotografiert werden sollte oder nicht, gehen weit auseinander. Schwierig ist für die MitarbeiterInnen in Projekten auch die geringe Belastbarkeit der BesucherInnen. AusländerInnen leiden häufig, bewußt oder unbewußt, unter einem Kulturschock, der die Kommunikation mit den GastgeberInnen erschwert.

Die Reaktionen der Besuchten auf diese Belastungen fallen unterschiedlich aus. Zum Teil führen sie zu Ablehnung gegenüber ProjekttouristInnen, die so weit gehen kann, daß BesucherInnen überhaupt nicht mehr willkommen sind. Einige Organisationen, wie z.B. SIRD, versuchen sich gegen den Ansturm zu wehren, indem sie die sich ankündigenden BesucherInnen ausdrücklich bitten, sie nicht zu besuchen. Kaum wehren können sie sich jedoch dagegen, daß diese sich über ihre Bitte hinwegsetzen und dann unerwartet auftauchen. Häufig fügen sich die unfreiwilligen GastgeberInnen dann dem Unvermeidlichen, wobei kleinere Organisationen leicht an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Größere können (und müssen) eigens MitarbeiterInnen zur Abfertigung des Besucheransturms abstellen, wie z.B. die indische Frauenorganisation SEWA in Ahmedabad.

K.T. Suresh, Koordinator der tourismuskritischen NGO EQUATIONS im indischen Bangalore sieht seine Organisation immer wieder als ‘alternatives Reisebüro’ mißbraucht: ”Leute, die wir gar nicht kennen, tauchen einfach bei uns auf und besichtigen unser Büro, als wäre es ein Zoo. Wir betrachten uns jedoch nicht als Dienstleister für solche Leute.” Einige Organisationen und Selbsthilfegruppen sind dazu übergegangen, sich ihre touristischen Dienstleistungen bezahlen zu lassen. Sie weichen zum Teil nur gezwungenermaßen auf diese Möglichkeit aus, denn sie wollen sich ihrer eigentlichen Arbeit widmen, sehen aber durch die BesucherInnen ihre Kapazitäten übermäßig stark in Anspruch genommen. Durch die finanzielle Entschädigung soll bei den BesucherInnen das Bewußtsein geschärft werden, daß sie Dienstleistungen in Anspruch nehmen, für die sie eine Gegenleistung zu erbringen haben.

Kommerzieller Projekttourismus

Von anderen Projekten und NGOs im Süden wird das Interesse der BesucherInnen allerdings zielgerichtet als Einnahmequelle genutzt (vgl. den Beitrag von M. Maurer in diesem Buch). Denn der Projekttourismus erfüllt zwei Bedürfnisse gleichzeitig: ”Ökologische, soziale und wissenschaftliche Projekte suchen nach neuen Geldquellen und helfenden Händen und Touristen suchen nach Abenteuern, gutes Gewissen inklusive.”1 Aus diesem Trend erschließt sich auch für kommerzielle Anbieter - im Norden wie im Süden - ein neues Betätigungsfeld. Reiseveranstalter beginnen, ‘Projekt-Hopping’ als eine Komponente von Besichtigungsprogrammen anzubieten. So läßt z.B. ein Freiburger Veranstalter seine KundInnen drei, vier oder fünf Heime für Straßenkinder in Brasilien hintereinander besuchen und zieht das Fazit: ”Die Leute bekommen natürlich nur einen oberflächlichen Eindruck, aber das Geld wird an mehrere verteilt”. Die monetär nicht meßbaren sozialen Folgen solcher Besichtigungsaktivitäten bleiben hierbei unberücksichtigt.

Andere Anbieter organisieren für Ihre Kunden ‘Urlaub auf der Kaffeeplantage’ und erschließen Projektreisen als touristisches Nischensegment. Als Ausgangspunkt dient vielen das Engagement im fairen oder ‘Öko’-Handel. So bemüht sich die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (gepa) unter dem Markenzeichen ‘gepa fair travel’ um den Aufbau eines Reiseangebots zu den Produzenten der gehandelten Waren. Diese Entwicklung stößt jedoch auf Kritik: ”Früher oder später machen die Leute dort nichts anderes mehr als Tourismus”, vermutet Martin Stäbler, Leiter der Fachstelle Tourism Watch des Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Denn in den Projekten wird es zu Schwerpunktverlagerungen kommen, Produzenten werden zu Dienstleistern. Der Anspruch eines intensiven Kontakts oder gar eines tiefergehenden Verständnisses zwischen TouristInnen und Einheimischen kann nicht erfüllt werden. Der Besuchszeitraum von etwa drei Wochen ist dafür zu kurz, zumal aus verkaufsstrategischen Gesichtspunkten der reine Urlaubsanteil an der Reise (Besichtigungen, Erholung am Strand) letztlich den größeren Raum einnimmt. Zwei- bis dreitägige ‘Begegnungsinseln’ reichen für eine tatsächliche Verständigung sicher nicht aus.

Zahlungskräftigen TouristInnen, denen mehr an der Sinnhaftigkeit ihres Aufenthaltes gelegen ist, bieten Umweltorganisationen wie z.B. Earthwatch die Möglichkeit, als Öko-Volontäre in Naturschutzprojekten mitzuarbeiten. Ähnlich wie bei Workcamps steht der Arbeitseinsatz im Vordergrund. Während Workcamps allerdings stärker die internationale Begegnung zum Ziel haben, geht es bei den Öko-VolontärInnen und Ferien-WissenschaftlerInnen eher um ihren finanziellen als um ihren inhaltlichen Beitrag zu dem jeweiligen Projekt. Die finanziellen Ungleichgewichte zwischen BesucherInnen und Besuchten werden so auf kommerzieller Basis bewußt instrumentalisiert.

Diesen und ähnlichen ‘Reisen von Spendern zu Empfängern’ setzt der Ausschuß für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik (ABP) des Kirchlichen Entwicklungsdienstes das Konzept der entwicklungspolitischen Studienreise entgegen. Seit 20 Jahren begleitet und fördert er ‘ökumenische Lernreisen’. Entlang umfassender Kriterien werden interessierte Gruppen - vorwiegend aus dem kirchlichen Umfeld - im Rahmen eines langfristigen entwicklungspolitischen Engagements unterstützt. Die Reisen haben explizit entwicklungspolitische Ziele. Sie sollen sich ”in Prozesse eingliedern, die befreiende und gerechtere Strukturen stärken und die von den Beteiligten selbst bestimmt werden (Pfäfflin 1993). Wie sich in der Praxis zeigt, ist es aber in vielen Fällen durchaus üblich, daß im Rahmen umfassender Beziehungen (z.B. kirchlicher Partnerschaften) einzelne Projekte finanziell unterstützt werden. Der Wunsch, Projekte, die man durch Informationsarbeit und Sammlung von Spendengeldern unterstützt, auch einmal persönlich zu besuchen, erscheint zwar verständlich. Problematisch ist für den ABP aber die dadurch entstehende ”schiefe Ebene”. Sie schreibt ungerechte globale sozio-ökonomische und politische Strukturen fort und erschwert das entwicklungspolitische Lernen.

Wissenschaftstourismus: Mein Partner - mein Objekt?

Eine weitere Art von Projekttourismus ist der wissenschaftliche Tourismus, z.B. die Feldforschung für Diplom-, Magister- oder Doktorarbeiten. Auch diese Reisemotivation geriet vor einigen Jahren ins Kreuzfeuer der Tourismuskritik; das böse Wort vom ”Imperialismus im Forscherlook” machte die Runde. Die Arbeitsgemeinschaft Tourismus mit Einsicht veranstaltete 1991 auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema. Ein Ausgangspunkt der Veranstaltung war die These, daß Forschung meist ”von oben nach unten geschieht und in der Regel nicht den ‘Beforschten’ zugute kommt. Zur Sprache kamen negative Aspekte wie überhebliches bis rassistisches Verhalten von ‘ForscherInnen’ im Gastland und die Wissensausbeutung ohne Gegenleistung.

Eine wichtige Rolle in der Diskussion spielte das ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien und Lateinamerika). In dieser Organisation findet sich in Deutschland der wissenschaftliche Projekttourismus konzentriert institutionalisiert. Als entwicklungspolitisches Stipendienprogramm ist ASA von der Grundidee her als Erfahrungsprogramm angelegt. Es entwickelte sich im Laufe der Jahre aber immer stärker in Richtung einer wissenschaftlichen Forschungsplattform. Nach wie vor ist Sinn und Zweck der Arbeits- und Studienaufenthalte ”entwicklungsbezogenes Lernen und interkulturelle Sensibilität”: ”Über die direkte Mitarbeit in Betrieben, Institutionen, Initiativen und Projekten und über die Kooperation mit Partnern können ASA-Teilnehmer/innen einen Einblick in die Lebensverhältnisse der Menschen in ‘Entwicklungsländern’ erhalten und sich mit der Realität weltweiter Fehl-Entwicklung im ‘Süden’ wie im ‘Norden’ auseinandersetzen.” (ASA-Programmkatalog 1997: 12). Da aber in der Praxis mehr und mehr Projekte als Feldforschung definiert werden und die Ergebnisse oft direkt in Diplom- und Magisterarbeiten einfließen, entsteht für die Studenten ein Leistungs- und Erfolgsdruck. Dieser kann dazu führen, daß über das ‘Sammeln’ von Informationen die eigentlichen Ziele des Programms in den Hintergrund treten und der ‘Einblick’ zur Ausbeutung wird.

Zu leiden haben darunter in erster Linie die Beforschten. Aber auch sogenannte Kooperationspartner werden - meist unfreiwillig - in den Dienst dieser Sache gestellt, denn die ”Anbindung an lokale Organisationen und Gruppen” ist eine wesentliche Voraussetzung für die Annahme von studentischen Projektvorschlägen im ASA-Programm. Was unter Kooperationspartnern zu verstehen ist und welche Rolle ihnen zugewiesen oder zugestanden wird, ist nicht eindeutig festgelegt. Die TeilnehmerInnen sind laut ASA-Programmkatalog zur ”Beachtung von und Rücksicht auf Interessen des Kooperationspartners (...) verpflichtet”. Ein Formbrief, den ASA im Vorfeld an die Partnerorganisationen verschickt, weist darauf hin, daß die Partner durch die Kooperation ”keine finanziellen oder rechtlichen Verpflichtungen” eingehen. Unterstützung wird darin aber bei der Vermittlung von Kontakten erbeten sowie bei ”Reisearrangements, Einführung in Land und Kultur, Vermittlung von Unterkünften und anderen hilfreichen Aspekten”. Der Partner wird schon zu einem frühen Zeitpunkt quasi offiziell in die Rolle eines touristischen Dienstleisters verwiesen. Dadurch wird der Begriff der Kooperation problematisch. Leicht schleicht sich ein Ungleichgewicht in das ‘Geben und Nehmen’ ein. Oft wird dem ‘Kooperationspartner’ eine Alibifunktion zugewiesen, weil kein Interesse an einer tatsächlichen Zusammenarbeit besteht.

Schwierig wird es auch, wenn das mitgebrachte (Forschungs-)Projekt die Untersuchung einer Partnerorganisation vor Ort vorsieht und diese damit zum Objekt wird. Inhalte und Ziele der Forschung werden dabei in der Regel gerade nicht in Zusammenarbeit, sondern einzig und allein vom ‘Forscher’ festgelegt. So merkwürdig diese Konstellation als Kooperationsbasis scheinen mag, so häufig ist sie jedoch in der Praxis anzutreffen. Gerade Selbsthilfeorganisationen werden gerne ‘wissenschaftlich’ untersucht, zugleich aber als ‘offizielle Kooperationspartner’ in die Dienstleistungspflicht genommen. Manchmal wissen sie vorher selbst gar nicht, worauf sie sich dabei einlassen. K. T. Suresh von EQUATIONS stellt sich Kooperation (=Zusammenarbeit) so nicht vor: ”Diese Leute denken manchmal, die ethische Dimension wäre nicht wichtig, einfach weil sie es mit uns zu tun haben. Während die ‘Forscher’ sich selbst darüber im klaren sind, was der Sinn und Zweck ihres Besuchs und ihrer Arbeit ist, setzen sie die gleiche Klarheit auf Seiten der besuchten Organisationen voraus. Sie nehmen sich das Recht, sich umzusehen und eine Institution oder ein Projekt zu bewerten und zu beurteilen. Dieses Recht haben sie jedoch in der Regel nicht. Die asiatische Gastfreundschaft und Freundlichkeit wird oft mißverstanden und mißbraucht.”

Mundpropaganda und der Verzicht auf Rücksprachen mit den Gastgebern führen zu Überlastungen der immer gleichen Personen oder Organisationen. So wurde die indische Frauenorganisation SEWA im ASA-Programm wiederholt als Kooperationspartner auserkoren, obwohl in mehr als einem Fall vorher klar war, daß die Kooperation hier gescheitert ist. Häufig werden auch die immer gleichen Orte oder Regionen zu Forschungszwecken ausgewählt, weil die bereits vorhandene Fülle von Informationsmaterial den ‘ForscherInnen’ die Arbeit erleichtert. Das neu (?) erarbeitete Material bezieht sich meist wieder auf die gleichen Themenkomplexe und bringt so wenig Nutzen. Es kommt zu einer ‘Überforschung’. Ein Beispiel in der Tourismusforschung ist der indische Küstenstaat Goa, wo es nach dem spektakulären ‘Aufstand der Bereisten’ Mitte der 80er Jahre zu einer Welle von Untersuchungen kam. EQUATIONS riet daraufhin bereits 1988 von einer weiteren (Üb-)Erforschung Goas ab.

”Erst kommt das Vermeiden”

”Tourismus ist wie Müll zu behandeln. Erst kommt das Vermeiden, dann kann man überlegen, wie mit dem Rest sozial- und umweltverträglich umzugehen ist.” Diese Aussage des Tourismustheoretikers Dieter Kramer gilt gleichermaßen für den Projekttourismus. Am Anfang jedes projekttouristischen Unterfangens steht daher die Frage nach seinem Sinn, Ziel und Zweck einerseits und nach seinen negativen Auswirkungen andererseits. Gegenstand einer solchen Selbstbefragung sollte eine Art Kosten-Nutzen-Analyse sein: Was will ich mit meinem Reisen, meiner Forschung? Wer profitiert in welcher Form von dem, was ich tue? Mit wem erkläre ich mich solidarisch? Mache ich mich durch meine Reise, meine Arbeit tatsächlich zum Anwalt der Betroffenen und der Umwelt? Oder geht es nur um meinen persönlichen Erfahrungsgewinn und mein Vorankommen, um eine wissenschaftliche Fingerübung, bei der die tatsächlichen (Gesamt-)Nutzen in keinem Verhältnis zu den von mir verursachten (Gesamt-)Auswirkungen stehen?

Wie hoch sind andererseits die ‘externen Kosten’ meines Reisens und Forschens - Kosten, die nicht ich selbst trage, sondern die ich anderen (z.B. den Mitarbeitern in den besuchten Projekten) aufbürde? Bin ich überhaupt erwünscht? Werde ich verkraftet? Welche Probleme bringe ich meinen Partnern im Verhältnis zu den eventuellen Vorteilen, die sie aus meiner Anwesenheit und meiner Arbeit ziehen könnten? Welche Umweltauswirkungen haben meine projekttouristischen Aktivitäten? Sind sie mit meinem Umweltengagement überhaupt vereinbar, muß ich wirklich Tausende von Kilometern fliegen, um für ein paar Tage oder Wochen Bäume zu pflanzen oder Kaffee zu pflücken? Sind meine Ziele nicht vielleicht auch anders erreichbar?

Die Arbeit an Themen, die die Zukunft der ‘Einen Welt’ betreffen, und die Solidarität mit Menschen anderer Kulturen sind Herausforderungen, die keines Trips in den Süden bedürfen. Die Methoden der wissenschaftlichen Feldforschung lassen sich auch im unmittelbaren Lebensumfeld anwenden, und das oft mit überraschenden Ergebnissen. Ihre Problematik und sogar ‘Kulturschocks’ sind direkt vor unserer Haustür erfahrbar. In vielen Fällen würde das Resultat einer ehrlichen und selbstkritischen Kosten-Nutzen-Analyse daher der bewußte Verzicht auf die Reise sein müssen. Aber ob es dem einzelnen gelingt, diese Konsequenz auch zu ziehen, hängt vom inneren und äußeren Druck ab, dem er sich aussetzt oder ausgesetzt wird. Das Reisen wird uns heutzutage von der Gesellschaft oft einfacher gemacht als das Nicht-Reisen. Es wird als notwendig und wünschenswert angesehen - im Dienste der Forschung, im Sinne von Erfahrung und Selbsterfahrung oder um sich selbst und anderen zu imponieren.

Wer diesem Druck nachgibt und sich dennoch für eine Projektreise entscheidet, sollte versuchen, ihren (Gesamt-)Nutzen für alle Beteiligten zu maximieren und die negativen Auswirkungen auf ein Minimum zu begrenzen. Ausgangspunkt dafür ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Vorhaben auf allen Ebenen. Das Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Universität Bern (FIF) fordert in diesem Zusammenhang für alle seine Forschungsvorhaben ”einen vernetzten (also interdisziplinären), problembewußten (also kritischen), zukunftsbezogenen (also weitsichtigen) und praxisorientierten (also veränderungsrelevanten) Forschungsansatz”.

Desweiteren ist eine entwicklungspolitische Sensibilisierung unverzichtbar. Sie nimmt bei Organisationen wie dem ASA-Programm oder dem ABP den größten Raum ein. Der Nord-Süd-Konflikt wird in Vorbereitungsseminaren oder in Gruppengesprächen sowohl auf der globalen Ebene thematisiert (z.B. was bedeutet die Abhängigkeit von Rohstoffexporten für Entwicklungsländer?) als auch auf der ganz persönlichen Ebene, etwa in Rollenspielen (Wie verhalte ich mich als Fremder in konkreten Situationen im Gastland?). Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Sprachkenntnisse. Ihre Bedeutung wird meist unterschätzt, sie sind jedoch quasi das A und O. Projekttouristen sollten die Verkehrssprache des Gastlandes beherrschen, mindestens ”zu einem Grad, der Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation und gute Verständigung im Alltagsleben erlaubt”, bei Studienprojekten sogar ”zu einem Grad, der die Durchführung auch anspruchsvoller Studienvorhaben sicherstellt” (ASA-Programmkatalog 1997: 14). In einem ernsthaften Bemühen um Sprachkenntnisse spiegelt sich nicht zuletzt auch ein ernsthaftes Interesse an einer tatsächlichen Verständigung mit den Menschen wider, mit denen man es zu tun haben wird. Von großer Bedeutung ist auch die emotionale Einstimmung. Sich mit Lebensweisen der Menschen eines Landes schon im Vorfeld vertraut zu machen, ist sicher nicht immer ganz einfach. Doch wer sucht, wird auch finden, denn die Zugänge hierzu sind vielfältig - zum Beispiel durch Kontakte zu in Deutschland lebenden Menschen aus dem Gastland, über Literatur, Filme und Veranstaltungen. Schon hier gilt es, wie auch später auf Reisen, sich Zeit zu nehmen, ”um zu beobachten, zu erspüren, zu erfahren, zu begreifen, zu ergründen, zu verstehen, zu verarbeiten, zu synthetisieren” (FIF-Forschungcredo).

Ein Projekt, eine Reise fängt viel früher an als mit dem Abheben des Flugzeugs. Wie ihre Chancen, so beginnen auch die Gefahren, beginnt die Ausbeutung oft schon vor der Haustür. So werden z.B. in der Vorbereitung eines Projektes NGOs, Institute und Verbände mit Anfragen zugeschüttet. Die informationshungrigen ProjektplanerInnen sollten jedoch bedenken, daß diese Stellen oft nicht genug Zeit und Geld haben, diesen Informationsbedarf zu decken. Bei Vorrecherchen sollte man sich daher mit präzisen und abgegrenzten Fragen an wenige, dafür aber an die richtigen Stellen wenden. Briefmarken für Kopien und Rückporto könnten beigelegt werden, oder die Anfrage sollte das Angebot zur Kostenerstattung enthalten (das dann auch einzulösen ist!). Auch eine Gegenleistung in Form eines Belegexemplars der erstellten Arbeit ist angezeigt. So läßt sich schon zu Hause praktizieren, daß Gegenseitigkeit die Formel der Gerechtigkeit ist. Wer schon hier respektvoll mit anderen umgeht, wird sich auch in der internationalen Kooperation leichter tun.

Ein wichtiges Prinzip eines rücksichtsvollen Projekttourismus ist weiterhin, die Ziele der Reise gegenüber den Kooperationspartnern transparent zu machen. Denn diese verstehen sich selbst als ”gleichberechtigtes Gegenüber”, und Partnerschaft als eine ”Beziehung gegenseitiger Achtung und Wertschätzung”, die durch ”Verbindlichkeit, Gleichheit, Ehrlichkeit, Gegenseitigkeit und Offenheit”2 geprägt sein sollte. K.T. Suresh von EQUATIONS weiß demgegenüber von allerhand negativen Erfahrungen indischer ‘Kooperationspartner’ zu berichten: ”Viele StudentInnen, die ‘ihr’ Projekt bei einem Sponsor einreichen, haben zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Partnerorganisation noch gar keinen Kontakt aufgenommen. Wenn sie dann die Mittel für ihr Vorhaben bewilligt bekommen, teilen sie mit ‘Wir kommen dann und dann’.” Für die Partner ist jedoch bereits im Vorfeld wichtig, mehr zu wissen: Wer kommt denn da überhaupt? Was ist ihre Motivation, was ihr Hintergrund und ihre Ziele? Neben ehrlicher und offener Information ist auch gegen- und wechselseitige Absprache die Grundlage einer Partnerschaft. Kooperation ernst nehmen heißt auch flexible Anpassung an die Vorstellungen und Wünsche der Partner. Inhalte, die beide Seiten betreffen, müssen gemeinsam erarbeitet werden. ”Erfolgreich ist die Kooperation, in der ein eindeutiges gemeinsames politisches Interesse besteht, das auch vorher abgesprochen ist”, faßt Peter Müller-Rockstroh, Leiter des ASA-Programms, seine Erfahrungen zusammen. Frühzeitige Abstimmungen mit den Partnern legen das Fundament für eine erfolgreiche Kooperation und helfen Kurskorrekturen schon in der Planungsphase vorzunehmen.

Genauso wichtig ist im Anschluß an das Projekt die gemeinsame Auswertung. Im Normalfall finden die Auswertungen allerdings allein durch die BesucherInnen in schriftlicher Form (z.B. als Bericht) oder in Seminaren statt, ohne daß die GastgeberInnen einbezogen werden. Nur vereinzelt können die Beforschten oder die ‘Partner vor Ort’ am Ende nachlesen, was über sie selbst oder über das betreute Projekt geschrieben wurde. Peter Müller-Rockstroh sieht es aus Sicht des ASA-Programms daher als eine - wünschenswerte - Selbstverständlichkeit an, daß Projektergebnisse auch den ausländischen Partnerorganisationen zur Verfügung gestellt werden. Die Einseitigkeit des Wissensgewinns und Wissenstransfers müsse zugunsten einer strikten Gegenseitigkeit überwunden werden (in Häusler u.a. 1993: 395f.). Die Umsetzung des Transfers liegt aber vor allem in der Verantwortung der TeilnehmerInnen. Organisationen wie ASA können dabei nur Hilfestellung leisten.

Kritiker des Wissenschaftstourismus wie Buchwald/Dilger (in: Euler 1989) und K.T. Suresh von EQUATIONS gehen noch einen Schritt weiter. Sie fordern, daß Ergebnisse bereits vor Verlassen des Landes fertiggestellt sein müssen und nicht einfach ‘mitgenommen’ werden dürfen. Die Partner müssen eine Vorstellung davon haben, wie sie umgesetzt und verbreitet werden, und wer alles davon Kenntnis erlangen kann. Da diese Forderung im Detail in der Praxis oft schwer zu realisieren ist, erwartet K.T. Suresh - und das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit -, die Endfassung von wissenschaftlichen Arbeiten, Artikeln usw. vor (!) ihrer Abgabe oder Veröffentlichung zu sehen. Hierbei muß sichergestellt sein, daß Anmerkungen und Korrekturen der Partnerorganisation oder der Betroffenen noch Eingang in das Endprodukt finden. Außer Frage steht auch, daß die Leistungen und Beiträge anderer kenntlich gemacht und honoriert werden, andererseits aber die Privatsphäre von Informanten gewahrt bleibt. Informationen werden oft im Rahmen eines Vertrauensverhältnisses und meist unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Dieses Vertrauen nicht zu mißbrauchen, ist oberstes Gebot.

Die Einbahnstraße aufheben

Die meisten Forschungs- und Projektreisen führen von Nord nach Süd und folgen damit der üblichen touristischen Einbahnstraße. Ein Projekttourismus von Süd nach Nord hingegen wäre ein erster Schritt zu ihrer Aufhebung und zu mehr Gerechtigkeit im Tourismus. Im ASA-Programm findet die Umsetzung dieses Austauschgedankens seit 1995 in Form von Süd-Nord-Projekten statt. Damit soll ”erstmals auch Menschen aus dem Süden die Durchführung von eigenständigen Projekten in Deutschland ermöglicht” werden. Die bisherigen Erfahrungen mit den Süd-Nord-Projekten werden jedoch von ASA bislang als ”nicht immer so positiv” eingestuft. In der Tat weisen die ersten Erfahrungen genau auf die Konfliktfelder im Projekttourismus hin, die bei Projekten im Süden gleichermaßen auftreten, durch die eurozentristische Brille aber oft nicht wahrgenommen werden. Als problematisch werden z.B. die unzureichenden deutschen Sprachkenntnisse der TeilnehmerInnen aus dem Süden gesehen. Unterschiedliche Einschätzungen beider Seiten über ”Relevanz und Erfolg des Aufenthaltes” kommen zum Vorschein. ”Trotz großer Einsatzbereitschaft auf allen Seiten” hat sich laut ASA der ”Betreuungsaufwand als aufwendig erwiesen.” Diese und weitere negative Erfahrungen führen die Problematik des Projekttourismus einmal hier bei uns deutlich vor Augen. So wird ein tatsächliches Hineinversetzen in die Rolle der GastgeberInnen möglich - ein Schritt, der wohl längst überfällig war.

Auf langjährige Erfahrungen mit Austauschprogrammen blickt der ABP zurück. Um die Vorstellungen der Kirche von kooperativer Partnerschaft umzusetzen, wurde bereits bei der Konzeption der ‘entwicklungspolitischen Lernreisen’ die Komponente ‘Reverseprogramm’ integriert. Dazu heißt es: ”Unsere Reise ist nur ein Teil eines gemeinsamen Lernprozesses, und erst wenn die, die wir besucht haben, uns auch kennenlernen konnten und bei uns zu Gast waren, ist das ein Ganzes” (Pfäfflin 1993:37). Zu jeder entwicklungspolitischen Studienreise gehört deshalb zwingend ein Gegenbesuch mit identischen Lernzielen und Kriterien. Oft hat sich gezeigt, daß es die Umkehrung der Blickrichtung ist, die größere Lernschancen bietet und die dem eigenen Denken und Handeln den Spiegel vorhält. Wer es sich leisten kann zu reisen, kann es sich auch leisten, nicht zu reisen - und kann einladen und sich selbst bereisen, besuchen oder beforschen lassen.

Anmerkungen:

Literaturangaben in Klammern (): Siehe Literaturverzeichnis am Buchende.

1. Ott, U., ”Ferien machen und die Welt retten”, in: Die Woche, 10.5.1996

2. Rajaratnam, K. 1995, Mogelpackung Partnerschaft, in: Blick in die Welt, 1/1995

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