Vom Willkommenssommer zur Festung Deutschland? Migration wird zum Feindbild. Frau vor Grenzmauer mit Nato-Draht
Grenzzäune haben sich weltweit verfünffacht | Foto: Annika Gordon Unsplash

Festung Deutschland

10 Jahre nach dem Willkommenssommer

Vom »Willkommenssommer« über den »Langen Sommer der Migration«  bis hin zur »Flüchtlingskrise«  … Wie auch immer die Migrationsbewegungen um 2015 betitelt werden, sie fanden nicht im luftleeren Raum statt: Die Solidarität war auch ein Ergebnis jahrzehntelanger antirassistischer Kämpfe.

Der Blick auf die letzten zehn Jahre zeigt, wie sich die Grenzen des Sag- und Machbaren immer weiter nach rechts verschieben. Das Narrativ der »illegalen Migration« , die Bezahlkarte als zusätzliche staatliche Schikane und die zunehmende Unterminierung des Rechts auf Asyl – die Bedrohungen für Migrant*innen in Deutschland (oder auf dem Weg dahin) scheinen allgegenwärtig. Wie konnte es dazu kommen? Und: wie kann Widerstand geleistet werden?

Mit unserem Dossier wollen wir nicht nur zu einem Verständnis beitragen, wie die regressive Spirale in der Migrationspolitik in Gang gesetzt wurde. Wir wollen uns gegen die schnell einsetzende Gewöhnung stemmen, die auch die antirassistische Linke lähmt und durch die in Vergessenheit gerät, dass eine gerechte Migrationspolitik als konsequente Sozialpolitik möglich ist!

Umkämpfte Festung

Die Situation Geflüchteter im Sommer der Migration 2015 und zehn Jahre später. Flüchtende Menschen schlafen auf Kartons auf dem Boden eines Bahnhofs.

Was übrig bleibt

Der lange Sommer der Migration jährt sich zum zehnten Mal

Das, was einst ‚Willkommens­kultur‘ genannt wurde, scheint verblasst. Angesichts der Normali­sierung massiver Gewalt an den Grenzen und rassist­ischer Hetze, fragt sich: Wo stehen wir zehn Jahre später?

von Valeria Hänsel

Rassistische Gewalt nimmt zu. Refugees Welcome scheint vergessen. Graffiti mit Boot mit Menschen vor einem Haus an der Spree

Zwei Angriffe pro Tag

Es gleicht einer Parallel­realität: Pro Tag kommt es zu durch­schnittlich zwei Angriffen auf geflüchtete und rassifizierte Menschen. Diese verharm­loste und unsicht­bare Gewalt wollen wir hier sichtbar machen.

Der Willkommenssommer 2015 als Ergebnis migrantischer Arbeit. Wandmalerei einer Frau mit Kopftuch, die ein Boot mit flüchtenden Menschen auf dem Kopf trägt.

Utopisches Erinnern für eine bessere Zukunft

Der Moment der Soli­dari­tät im Sommer 2015 war das Ergebnis jahre­langer Ver­schie­bungen im gesell­schaft­lichen Diskurs, an­ge­trieben von migran­tischen Kämp­fen um soziale und poli­tische Rechte. Die Er­innerung daran ist ge­rade heute ent­scheidend.

Kritik deutscher Abschreckungspolitik durch Geflüchtenlager zur Verwaltung von "Unerwünschter Migration". Geflüchtete Menschen in einem Auffanglager strecken ihre Hände durch einen Bauzaun.

Die Verwaltung der Unerwünschten

Die Unterbringung Geflüchteter in Sammel­lagern ist keine Zwangs­läufigkeit. Sie dient dem Zweck der besseren Verwaltung und Abschreckung un­gewünschter Migration.

Deutsche Migrationspolitik wie Grenzschließungen untergräbt Rechtsstaatlichkeit. Stacheldrahtzaun mit einem Schild "EU fence".

Die Grenze soll es richten

Mit den verschärften Kontrollen und Zurück­weisungen an den deutschen Landes­grenzen bewegt sich die neue Bundes­regierung abseits von EU- und Völker­recht. Die Aus­höhlung von Rechts­staatlichkeit hat in der Migrations­politik jedoch seit Jahren System.

Refugees Welcome Demo gegen Rassismus. Eine Reihe geflüchteter Männer demonstriert mit überm Kopf gekreuzten Armen in einer Menschenmenge.

Aus Bewegungs­geschichte lernen

Angesichts einer immer restriktiveren Migrations­politik steht die anti­rassistische Bewegung mit dem Rücken zur Wand. Ein Rückblick auf die Rolle des Jahres 2015 und die Folgen für die Bewegung lohnt sich.

Geflüchtete Frau in Rettungsdecke als Symbol für Debatte um Migration und Geschlecht. Wandmalerei einer geflüchteten Frau mit Rettungsdecke in Athen.

Instrum­entalisiert

Zur Debatte um Migration und Geschlecht

Patriarchale Gewalt wird oft gesell­schaftlich und politisch aus­geblendet. Im Migrations­diskurs allerdings wird das Narrativ der gewalt­vollen Männer und schutz­suchenden Frauen instrumen­talisiert. Woher kommt diese Erzählung?

von Amina Aziz und Rahel Lang

Die Bezahlkarte stigmatisiert Geflüchtete in Deutschland. Aktivistischer Widerstand wächst. Gestaltung: Durchgestrichene Bezahlkarte vor Supermarktkasse.

»Die Bezahlkarte ist ein Stigma«

Was bedeutet die Bezahlkarte für Geflüchtete? Mit lediglich 50 Euro Bargeld und begrenzten Überweis­ungen dient sie haupt­sächlich der Abschreckung und sozialen Ausgrenzung. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen.

Der Begriff „irreguläre Migration“ verzerrt die Migrationspolitik: eine Kritik. Graffiti "Kein Mensch ist illegal".

Schluss mit dem Nachplappern!

Die Diskussion über »irreguläre Migration« verschleiert, dass Geflüchtete für den Asyl­antrag keine andere Möglich­keit haben, als unerlaubt einzureisen. Diese Illegal­isierung dient der Legitimation einer restriktiven Migrations­politik.

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