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Freundeskreistreffen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Freiburg

Alexander Smoltczyk berichtet über seine Zeit mit ASF in Frankreich (1979 bis 1981) und über seinen Roadmovie »Endstation Bataclan«.
Wann 24.11.2017
von 19:00 bis 22:00
Wo iz3w, Konenstraße 16a, Freiburg
Termin übernehmen vCal
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Freitag, 24. November 2017, Eintritt frei, Gäste sind willkommen.

19 Uhr: Beginn der Veranstaltung mit Butterbrezeln und Craft Beer.

20 Uhr: Alexander Smoltczyk berichtet über seine Zeit mit ASF in Frankreich (1979 bis 1981) und über seinen Roadmovie »Endstation Bataclan«. Ansprechpartner für das Freundeskreistreffen ist Wolfgang Wick (info@buero-magenta.de). Anmeldungen über Magdalena Scharf (scharf@asf-ev.de).

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Zum Referenten:

 

Alexander Smoltczyk wurde 1958 in Berlin geboren. 1979 bis 1981 hat er durch seinen Zivildienst mit ASF in Nordfrankreich mit Junkies auf einem Bauernhof gearbeitet.

Er hat unter anderem für taz, GEO, die Wochenpost und mare geschrieben.

Smoltczyk lebte fünf Jahre lang als SPIEGEL-Korrespondent in Rom, später in Abu Dhabi und ist seither Reporter beim Spiegel. Auf Spiegel Online erschien seine Kolumne Uups! Et orbi, im Juni 2010 gefolgt von Golf für Anfänger.

Alexander Smoltczyk lebt und arbeitet in Freiburg.

 

Endstation Bataclan

Wenn ein Busfahrer vom Weg abkommt. Alexander Smoltczyk beschreibt für ARTE-Magazin, wie sein Banlieue-Film entstand.

Die Bus-Linie 148 führt von Bobigny nach Le Blanc-Mesnil, einmal quer durch die nördlichen Vorstädte von Paris. Es ist eine sehr gewöhnliche Buslinie. Menschen steigen aus, Menschen steigen ein, beladen mit Einkaufstüten, Schultaschen, Kinderwagen. Auch Samy Amimour war ein sehr gewöhnlicher Busfahrer. Bis zu dem Tag jedenfalls, als er im Konzerthaus „Bataclan“ 89 Menschen hinrichtete. Es war der 13. November 2015. Als Journalist möchte man erklären und Ordnung in die Dinge bringen, und sei es nur durch ordentlich gebaute Sätze. Aber es gibt auch die Versuchung, sich in die Täter hineinzuspüren auf der Suche nach dem Warum. Ich denke allerdings, dass manche Taten es in ihrem Nihilismus, ihrer Barbarei gar nicht verdient haben, erklärt zu werden, und der Terroranschlag im „Bataclan“ und den Cafés der Umgebung gehört gewiss dazu.  Unser Film sollte sich nicht in mutmaßlichen Seelenabgründen des Attentäters  Samy Amimour verlieren. Viel Tiefe wird man da nicht finden. Amimour kam aus einer liberalen Familie, hatte eine Stelle bei den Verkehrsbetrieben und interessierte sich für Fußball.

Sehr viel vielversprechender schien es, einen Busfahrschein zu lösen und mit dem Bus 148 die Banlieue zu durchqueren. Ein Roadmovie im Nahverkehrsbereich, eine Entdeckungsfahrt durch die Welt, aus der dieser Samy Amimour kam, Busfahrer und Massenmörder.

Entstanden ist eine Reise durch die Trümmerlandschaften der französischen Republik. Die Namen der Haltestellen des 148ers erzählen vom Selbstverständnis und vom Stolz der Banlieue, von „Danton“, „Division Leclerc“, „Libération“, „Lénine“. Doch wer aussteigt, der erfährt schnell, wie brüchig diese Mythen geworden sind. In der Lenin-Straße treffen sich die Salafisten zum Gebet. Im Rathaus von Le Blanc-Mesnil, ein Jahrhundert lang die Bastion der Linken, bemüht sich ein konservativer Bürgermeister, die Ghettos aufzuhübschen. In der Moschee von Drancy, am Halt „Geschwader Normandie“, kann ein Imam sein Gebetshaus nur unter Polizeischutz betreten und in Panzerweste, weil er einen Islam in den Farben Frankreichs predigt. Ein Rapper erzählt, weshalb er sich als Gallier fühlt und was sich seit dem 13. November verändert hat. Die Busfahrerin Ghislaine sagt, sie sei nicht überrascht gewesen, dass ein Kollege sich als Monstrum erwiesen habe, und spricht vom Bürgerkrieg. Eine ehemaliger Kommissar hat sein Haus an der Linie 148 verlassen und ist nach Israel emigriert, weil er sich nicht mehr sicher fühlte. Die alte Lehrerin Madame Sauvage hält als letzte Eingeborene in ihrem Neubauturm aus und bringt den Neuankömmlingen Lesen und Schreiben bei. All diese Menschen leben direkt an der Buslinie. Der 148er ist ihre Verbindung zur Welt. Samy Amimour hätte sie treffen können, so wie er sie, Tag für Tag, gefahren ist.

Selten habe ich auf einer Recherche so viele unterschiedliche, beeindruckende Menschen getroffen, sehr gewöhnliche Bewohner einer sehr gewöhnlichen Vorstadt, und jeder einzelne ein Unikat. So wie jeder einzelne auch ein Opfer hätte sein können. „Was mich am meisten schockiert“, sagt Thierry Meignen im Film, der Bürgermeister von Le Blanc Mesnil, „ist der Gedanke, dass Henker und Opfer zur gleichen Zeit am gleichen Ort gelebt haben. Vielleicht sind sie sich im Bus begegnet.“

 

Link zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=zJ5lCr27niw