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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 240 | Kulturalisierung Am Ende von Dialog- und Multikultur

Am Ende von Dialog- und Multikultur

Gespräch mit Imran Ayata, Manuela Bojadzijev und Serhat Karakayali von der Gruppe Kanak Attak

Die Gruppe Kanak Attak sieht sich als »Zusammenschluß verschiedener Leute über die Grenzen zugeschriebener, quasi mit in die Wiege gelegter 'Identitäten' hinweg. Kanak Attak fragt nicht nach dem Paß oder nach der Herkunft, sondern wendet sich gegen die Frage nach dem Paß und der Herkunft« (aus dem Manifest »Kanak Attak und basta«). Kanak-Attak-Gruppen treffen sich in Frankfurt, Berlin, München, Hamburg, Köln, Bremen, Bielefeld und Mannheim. Sie schreiben Texte, nehmen CDs auf, organisieren Veranstaltungen, Parties und Konzerte.

iz3w: In Eurem Manifest beruft Ihr Euch auf Differenzen, ohne Euch aber auf irgendwelche Identitäten zu beziehen und wehrt Euch gegen feste Zuschreibungen. Betreibt ihr bei Kanak Attak also so eine Art Ethno-Queer - analog zum Queering, das die Dekonstruktion von Geschlechterverhältnissen zum Ziel hat?

Imran: Unser Anspruch ist es, uns von den ethnischen, nationalen und kulturellen Zuschreibungen zu lösen. Obwohl oder gerade weil Leute, die bei uns mitwirken, nicht primär der sogenannten hegemonialen »deutschen Kultur« zugerechnet werden.

Manuela: Wir wollen rassistische Zuschreibungen angehen. Identität ist zu allererst ein Konzept, dem man unterworfen wird und nicht eins, auf das man sich freiwillig bezieht. Wir üben Kritik an Identitätspolitiken. Natürlich nehmen wir dabei keine nicht-identitäre Position ein - es wäre albern, das anzunehmen. Unsere Kritik richtet sich zum einen gegen jede Form nationalistischer Unterwerfung, zum anderen gegen den konsumistischen Multikulturalismus. Auf der anderen Seite kritisieren wir auch die beiden Schattierungen der Politik von MigrantInnen, die es bisher hauptsächlich gibt, nämlich einerseits die herkömmliche Form, die konformistisch und anbiedernd ist, und andererseits die Segregation, die zwar kritisch ist, sich aber selbst einer Identitätspolitik bedient. Wir versuchen, aus einer Kritik an diesen Politiken, eine andere Praxis zu entwickeln.

Serhat: Die Frage nach der Identität ist eigentlich selbst schon falsch, weil sie falsche Antworten produziert. Das kann man auch daran sehen, dass ein anti-identitärer Gestus manchmal als Zeichen für Modernisierung gegenüber allen sogenannten »vormodernen« oder »fundamentalistischen« Gesellschaften behauptet wird, sowohl nach Innen als auch nach Außen. Hybrid und nicht-identitär sind dann diejenigen, die heute in Paris und morgen in Tokyo sind und auf die bornierten, ihren lokalen Identitäten verhafteten Bewohner der Outer Rims herabschauen. Die mediale Repräsentation vielfältiger Identitäten steht, wenn man so will, in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu gleichen politischen Rechten für Migranten.

In der Stadtsoziologie geht es ebenfalls um diese Pole. Der Multikulturalismus propagiert das Zusammenleben von vermeintlich verschiedenen »Kulturen«, die Segregation sieht in der Ghettobildung einen Schutz vor der Mehrheitsgesellschaft und eine Möglichkeit, eigene Spielräume zu schaffen. Bewegt sich eure Position also zwischen diesen Positionen?

Imran: Das sind beides keine Optionen für uns. Sowohl in politischen als auch in kulturellen Bereichen gibt es genügend, die sich nicht unter diesen Optionen subsumieren lassen. Politische Relevanz oder eine öffentliche Sichtbarkeit haben sie aber kaum. Unser Anspruch ist unter anderem, für diese Subjekte eine Plattform zu bieten. Einfach ist das angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse heute nicht. Zumal es dafür auch wenige historische Anknüpfungspunkte gibt. Politische Artikulationen von Migranten sind zum großen Teil von identitären Politiken gekennzeichnet. Sie greifen zumeist vorgegebene Kategorien des Mainstreams auf, und glauben etwa die gesellschaftliche Existenz von Kanaken in Deutschland legitimieren zu müssen. Kanak Attak kämpft gegen diese Kategorien und Mechanismen an.

Beim Versuch, Kategorien aufzuheben, stoßt ihr immer wieder an gesellschaftliche Realitäten, die genau diese Kategorien festschreiben - die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein Beispiel dafür. MigrantInnen werden dazu genötigt, sich zukünftig für oder gegen die deutsche und eine andere Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Anders als Deutsche, die ihren Pass mit ihrer Geburt bekommen, müssen sie sich dann aktiv für eine solche Kategorie entscheiden.

Serhat: Jenseits unserer Kritik an staatlicher Zugehörigkeit und Nationalstaat gibt es einen ganz pragmatischen Umgang. Für uns ist klar, dass jede Person, die in einem Staat lebt, dort auch politische Rechte haben muß. Und das gilt unabhängig von solchen Entscheidungen.

Manuela: Zunächst müssen politische Rechte von jeder Vorstellung einer »Angehörigkeit« zu einem Staat abgekoppelt werden. Die diesjährige Reform des Staatsbürgerschaftsrechts war fatal. Die Entscheidung, die Du angesprochen hast, gilt ohnehin nur für diejenigen, die ab dem Jahr 2000 in der Bundesrepublik geboren werden und sich dann ab dem 18. Lebensjahr entscheiden sollen. Das unterschreitet sogar alle bisherigen Forderungen nach doppelter Staatsbürgerschaft, die auf eine Verbesserung des Rechtsstatus insbesondere der Arbeitsmigranten und ihrer Kinder zielten. Und innerhalb dieser Gruppe privilegiert diese Reform wiederum bestimmte Teile der Migranten. Sie ergänzt damit die Änderung des Asylgesetzes von 1993, die eine Mauer nach Außen definierte - jetzt ging es zusätzlich um eine Klassifikation der hier lebenden.

Ihr sprecht vom »Ende der Dialogkultur«, wollt aber andererseits eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Wie geht das für Euch zusammen?

Imran: Das ist für uns kein Widerspruch. Das Ende der Dialogkultur bezieht sich auf bestimmte Formen und Inhalte, wie man nicht nur im Maistream den Dialog mit den Migranten führt. So `ne Mischung aus Paternalismus und einem Spiel, das so tut, als würden gleichberechtigte Gesprächspartner über alles mögliche verhandeln können. Wenn wir also vom Ende der Dialogkultur reden, sprechen wir uns gegen die diskursiven Rahmenbedingungen aus. Es geht uns um die Art und Weise, wie dieser Dialog strukturiert ist. Es gibt dort Gleichere unter den Gleichen. Ohne Gleichberechtigung auf politischer Ebene, unter den Bedingungen rassistischer Ausgrenzung oder der umarmenden Einverleibung kannst Du in diesem Spiel kaum gewinnen. Viele haben sich auf diesen Dialog eingelassen. Wir glauben, dass die Strategie, sich anzubiedern und über solche Dialoge Interessen zu artikulieren, nicht attraktiv ist. Da bleibt doch nur die Hoffnung, am äußersten Rand vom Kuchen noch ein paar Reste abzubekommen.

Manuela: Den Konformismus hat man den MigrantInnen aber auch immer wieder abgezwungen. Ausländerpolitik ist seit Gründung der BRD schon an Sicherheitspolitik gekoppelt. Das 1965 geänderte Ausländergesetz unterstellte »Ausländer« nicht einer Rechtsordnung, sondern einer Polizeiordnung, die ihre Anwesenheit von den Belangen der Bundesrepublik abhängig machte. So stellten etwa in den sechziger Jahren »Betrunken Auto fahren«, »wilde Ehe« oder »lesbische Liebe« Gründe zur Ausweisung dar. Sowas wirkt nach.

Serhat: Es ist einfach so, dass es nie einen Dialog gegeben hat. Es sei denn man nennt etwas Dialog, wenn jemand einen Monolog hält und sich dazu ein paar Zuhörer oder Stichwortgeber einlädt.

Ihr sucht »Öffentlichkeit« also unter anderen Vorzeichen?

Imran: Damit sind wir jetzt bei der zweiten Komponente. Ich hab ja anfangs gesagt, es geht darum, Alltagspraxen auf die Bühnen zu bringen. Es geht um Sichtbarmachung, die sich von den tradierten Artikulationsformen und Inhalten der Migranten abgrenzt. Dieser politische Anspruch beschränkt sich keineswegs auf subkulturelle und linke Szenen oder auf die Communities. Wir suchen bewußt die Auseinandersetzung mit der breiten Öffentlichkeit. Auch wenn uns die Gefahren sehr wohl bekannt sind, müssen wir es versuchen.

Eure Ausdrucksformen sind dabei ganz unterschiedlich, ihr schreibt Texte und Songs, organisiert Touren und Veranstaltungen...

Manuela: Ja, wir haben eine Tour mit Leuten von der Agence Im'Media und der MIB (Mouvement d'Immigration et Banlieu) aus der französischen antirassistischen Szene organisiert. Wir planen eine bundesweite KanakHistoryRevue und wollen im Herbst eine Maxi-CD herausbringen. Es wäre falsch anzunehmen, dass wir uns nur auf kulturellem Gebiet betätigen. Uns geht es nicht darum, Kultur zum Mittel zu machen, mit dem man politische Inhalte popularisieren könnte. Alle möglichen Seiten greifen inzwischen auf (pop)kulturelle Ausdrucksformen zurück, sei es die Regierung, seien es Unternehmen. Und auch in der Linken gibt es da eine lange Tradition. Für uns ist es eine prekärere Situation, weil Kultur etwas ist, worüber wir zum Teil definiert werden - über kulturalistische Zuschreibungen. Ein Beispiel ist da das sogenannte neue deutsche Migrantenkino. Es wurde früher kaum wahrgenommen. Die zur Zeit stattfindende Vereinnahmung führt inzwischen aber schon zu Distanzierungen - etwa durch den Schauspieler Birol Ünel oder den Filmemacher Thomas Arslan. Das ist ein neuer Schritt.

Serhat: In diesem Zusammenhang ist ganz interessant, dass auch Kanak Attak diesen Vereinnahmungsversuchen ausgesetzt ist. Bei Interviews und Veranstaltungen erwartet man, dass wir ein Club junger wütender Ghettokids sind. Gefragt wird regelmäßig nach den Biographien der Leute, nicht nach ihren politischen Inhalten und Forderungen. Kanak Attak wird als neue Multikulti-Migrantenkultur vorgeführt, die den Standortfaktor stützt - ein bißchen so, wie die sogenannten Girlies gegenüber dem Feminismus eingesetzt werden.

Manuela: Bei uns gibt es einige Leute, die im Bereich der Kultur tätig sind. Dass sie über ihre Arbeit versuchen, in die rassistischen Verhältnisse zu intervenieren, ist ganz banal. Gleichzeitig geht es uns um Alltagskultur von Migrantinnen. Die werden wir aber nicht konsumierbar und schön bunt für Deutschland präsentieren. Wir wollen deutlich machen, dass in diesem Alltag Praktiken organisiert werden, mit denen sich Leute gegen ihre Verhältnisse wehren. Es ist also nicht irgendein Alltag oder irgendeine Kultur, sondern es sind die antirassistischen Aspekte, die uns interessieren. An sie wollen wir anknüpfen und die Vorstellungen von dem, was Kultur ist, verändern.

Imran: Sich auf Pop und Kultur zu beziehen ist wirklich nichts Neues. Neu ist jedoch, wenn Kanaken dies aus ihrer gesellschaftlichen Situation heraus tun. Wenn sie sich im Bereich der Kulturindustrie artikulieren, sind sie ihren Mechanismen unterworfen. Unser Bezug auf Kultur ist auf eine spezifische Art politisch. Die Instrumente klassischer Antirassismuspolitik in Deutschland sind aus unserer Sicht gescheitert. Sie sind langweilig, bringen Leute nicht zusammen und wirken nicht gerade politisch motivierend. Ich glaube nicht, dass Ihr ein Interview mit uns gemacht hättet, wenn wir uns klassisch antirassistischer Argumentationsformen und Inhalte bedienen würden. Natürlich ist das strategisch. Wenn wir eine Maxi CD machen, machen wir das nicht, weil wir denken, es ist Pop und es ist hübsch, sondern wir wollen darüber Leute erreichen, die es nicht gewohnt sind oder es nicht besonders aufregend finden, in der taz unser Manifest zu lesen. Das heißt, es ist auch der politischen Situation geschuldet, dass man sich unterschiedlicher Instrumente bedient.


Am 29. September kommt Kanak Attak zu einer vom iz3w organisierten Veranstaltung nach Freiburg: Dieser Song gehört uns. pop. politik. rassismus in Deutschland.
Das Interview führten Tina Goethe und Stephan Günther

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