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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 242 | Politik und Populismus Optimismus und militante Resignation Strömungen der afrikanisch-feministischen Literatur

Optimismus und militante Resignation Strömungen der afrikanisch-feministischen Literatur

von Susan Arndt

Charakteristisch für die afrikanische Frauenliteratur ist ihr gesellschaftskritisches Moment, wobei der thematische Schwerpunkt eindeutig auf der Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen in afrikanischen Gesellschaften liegt. Abhängig von der jeweiligen Interpretation der Geschlechterverhältnisse ergeben sich jedoch vollkommen unterschiedliche politische Perspektiven, die sich in den verschiedenen Strömungen der afrikanisch-feministischen Literatur widerspiegeln. Diese Strömungen werden im ersten Teil dieses Textes diskutiert, um dann das Werk von Calixthe Beyala vorzustellen, einer Vertreterin der radikalen afrikanisch feministischen Literatur.

Als afrikanisch-feministisch kann die Literatur von SchriftstellerInnen bezeichnet werden, die den bestehenden Geschlechterverhältnissen und den daraus resultierenden Problemen von Afrikanerinnen auf den Grund geht. Sie befasst sich mit deren Ursachen und kritisiert sie mit dem Ziel, die vorherrschenden Geschlechterkonstellationen zu erschüttern und die Situation von Afrikanerinnen zu verbessern. Diese wohl global anwendbare Definition feministischer Literatur bedarf einer Zuspitzung auf den afrikanischen Kontext. Zunächst einmal äußert sich die Afrikaspezifik der afrikanisch-feministischen Literatur in der Themenwahl. Exemplarisch sind hierbei die Beschneidung von Mädchen und jungen Frauen, die Polygynie, das Levirat und die institutionalisierte Zahlung des Brautpreises zu nennen. Mutterschaft wird niemals in Frage gestellt, sondern in der Regel verteidigt. Afrikanisch-feministische Autorinnen vertreten die Auffassung, dass Frauen die Möglichkeit haben sollten, sich auch jenseits von Mutterschaft und dem Dasein als Ehefrau zu definieren. Letztlich wird auch die Benachteiligung von Frauen in Politik, Bildung, Geldangelegenheiten und im Erbrecht angegriffen. Weitere afrikaspezifische Facetten ergeben sich aus der Tatsache, dass afrikanische Frauen - und in vielerlei Hinsicht auch Männer - nicht nur unter Sexismus und patriarchalischen Strukturen zu leiden haben, sondern auch Opfer des Rassismus, Neokolonialismus, Kulturimperialismus, religiösen Fundamentalismus, sozial-ökonomischer Unterdrückungsmechanismen sowie diktatorischer und/oder korrupter Systeme sind. Deshalb wird die Kritik an den Geschlechterverhältnissen häufig mit der Anfeindung einer oder mehrerer der anderen benannten Formen von Ausgrenzung und Unterdrückung kombiniert. Eine weitere Folge dieses politisch komplexen Ansatzes ist, dass viele Texte Männer als (potenziell) Verbündete im Kampf gegen die sexistische Unterdrückung und andere Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung darstellen. Darüberhinaus ist augenfällig, dass sich viele afrikanisch-feministische SchriftstellerInnen um eine differenzierte Kritik an den Geschlechterverhältnissen ihrer Gesellschaft bemühen. Das heißt vor allem, dass sie genau abwägen, welche traditionellen Institutionen für Frauen positiv sind oder zumindest sein könn(t)en und welche Frauen so sehr benachteiligen, dass ihre Abschaffung unerlässlich erscheint. Dieses sorgfältige Abwägen hängt eng mit der Befürchtung zusammen, dass eine Kritik an den afrikanischen Geschlechterverhältnissen die afrikanische Position gegenüber dem Westen und dem westlichen Kulturimperialismus schwächt. Letztlich belassen es viele afrikanisch-feministische SchriftstellerInnen nicht bei der Kritik an patriarchalischen Strukturen, sondern versuchen auch, traditionell bewährte sowie gänzlich neue Handlungsspielräume, Alternativen und Perspektiven zur Überwindung der Diskriminierung von Frauen zu benennen.

Will man die afrikanisch feministische Literatur hinsichtlich ihrer feministischen Positionen klassifizieren, scheint es angeraten zu sein, sich am Wesen der in dieser Literatur geäußerten Kritik zu orientieren. Dabei spielen folgende Aspekte eine Rolle: Werden die bestehenden Geschlechterverhältnisse parziell oder aber grundlegend kritisiert? Verlangt der Text nach Reformationen oder nach Transformationen? In welchem Tenor wird die Kritik vorgebracht - versöhnlerisch oder aggressiv, optimistisch oder resignierend etc.? Wird die Kritik an traditionellen und modernen Geschlechterverhältnissen afrikanischer Gesellschaften differenziert vorgebracht? Werden Alternativen zum Kritisierten geboten? Außerdem ist es aufschlussreich, die Darstellung von Männern und Frauen näher zu analysieren: Welche Verhaltensweisen von Frauen und Männern und welche Konzeptionen von Männlichkeit und Weiblichkeit werden kritisiert und nach welchen wird verlangt? Wie wird das Verhältnis von Männern und Frauen beschrieben? Kommen Männer als (potenzielle) Verbündete im Kampf gegen sexistische Unterdrückung in Frage oder wird die Solidarität von Frauen als einziger Hoffnungsanker beschrieben? Zudem ist von Interesse, ob die Geschlechterfrage im Kontext anderer Unterdrückungsmechanismen thematisiert wird.

Afrikanisch-feministische SchriftstellerInnen beziehen sehr unterschiedliche Positionen zu den hier aufgeworfenen Fragen, was auf sehr verschiedenartig gelagerte Sichtweisen auf die Geschlechterverhältnisse afrikanischer Gesellschaften schließen lässt. Insgesamt können drei Hauptströmungen der afrikanisch-feministischen Literatur unterschieden werden: eine reformerische, eine transformatorische und eine radikale, wobei diese Strömungen wiederum in sich sehr heterogen, die Grenzen zwischen ihnen fließend sind. In den Texten des reformerischen afrikanischen Feminismus werden einzelne, meist jahrhundertealte, patriarchalisch geprägte Haltungen, Normen und Konventionen moniert, die Frauen diskriminieren und an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Die Kritik wird also differenziert vorgebracht und ist eher parziell ausgerichtet. Über neue Spielräume für Frauen wird verhandelt, die patriarchalische Grundausrichtung der Gesellschaft jedoch als gegeben akzeptiert. In diesen Texten werden immer Gegenkonzepte zum Kritisierten diskutiert. Ausgangspunkt ist die Reformfähigkeit der Gesellschaft; in dieser Logik schließen die Texte meist mit einem »Happy End«. Außerdem ist ein liberaler Umgang mit Männern für diese Strömung der afrikanisch-feministischen Litera tur sehr typisch: Männer werden als Individuen und nicht als Repräsentanten der Männer schlechthin kritisiert. Dabei haben sie oft angenehme Seiten und sind in der Regel in der Lage, umzudenken und ihr kritikwürdiges Verhalten zu überwinden. Zumindest aber werden ihnen positive Pendants gegenübergestellt. Im Text agieren häufig Frauen, die für die kritisierten Aspekte mitverantwortlich sind. Nur selten wird die Kritik an der patriarchalischen Diskriminierung mit einer Kritik an anderen Unterdrückungsmechanismen kombiniert. In diesen Fällen wird in der Regel darauf hingewiesen, dass Männer und Frauen Verbündete sind, wenn es darum geht, sich gegen diese Umstände zu wehren. Als Vertreterinnen dieser Strömung sind hier exemplarisch Ifeoma Okoyes Romane und Kurzgeschichten, Sindiwe Magonnas To my Children's Children, Grace Ogots The Graduate und Flora Nwapas Romane Efuru und Idu zu nennen. Literarische Texte, die dem transformatorischen und dem radikalen afrikanischen Feminismus zuzuordnen sind, kritisieren im Gegensatz dazu die patriarchalischen Gesellschaftsverhältnisse prinzipiell und verlangen ihre grundlegende Umgestaltung. Diskriminierendes Verhalten von Männern wird nicht als individuelle, sondern als typische Verhaltensweise von Männern als sozialer Gruppe beschrieben und aufs Schärfste kritisiert. Auch wird in aller Regel thematisiert, dass Frauen infolge ihrer Sozialisation die Geschlechterverhältnisse reproduzieren, die sie diskriminieren. In Bezug auf die konkrete Darstellung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern sowie die potenzielle Überwindbarkeit der kritisierten gesellschaftlichen Strukturen unterscheiden sich die transformatorische und die radikale afrikanische Literatur jedoch grundlegend.

In der transformatorischen Ausrichtung wird mehr oder weniger explizit thematisiert, dass Männer nicht nur Handlanger, sondern auch Produkte patriarchalischer Denkweisen sind. Außerdem wird die Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass Männer in der Lage sind, ihre Fehler zu erkennen und ihr Verhalten gegenüber Frauen grundsätzlich zu ändern. Analog dazu wird auch das Verhalten von Frauen, das frauendiskriminierende Strukturen reproduziert, als prinzipiell überwindbar beschrieben. Die Mehrzahl der Texte stellt eine Lebenswelt mit einem positiven Gegenbild zum Kritisierten dar. Solche Alternativen realisieren sich auch unabhängig von dem »sich bessernden Mann«. Innerhalb der transformatorischen Strömung finden sich sowohl Texte, in denen nur die Gender-Frage thematisiert wird, als auch solche, die zusätzlich andere Unterdrückungsmechanismen beleuchten. In Texten des letztgenannten Typus wird suggeriert, dass Männer zumindest potenzielle Verbündete im Kampf gegen diese Unterdrückungsmechanismen sind. Die Romane von Buchi Emecheta und Mariama Ba sowie Wanjira Muthonis und Akachi Adimora-Ezeigbos Prosa gehören beispielsweise dieser Richtung an.

Radikale afrikanisch-feministische Texte hingegen unterstellen, dass Männer als soziale Gruppe prinzipiell und unabwendbar Frauen diskriminieren, unterdrücken und misshandeln. Die Männerfiguren sind »von Natur aus« oder aber infolge ihrer Sozialisation hoffnungslos sexistisch und zumeist zutiefst unmoralisch. Nur selten fallen Männerfiguren aus diesem Raster heraus, und wenn, dann meist in der Rolle als Ohnmächtige. Oft werden die Frauenfiguren auch auf Grund ihrer sozial-ökonomischen, ethnischen und/ oder rassischen Zugehörigkeit unterdrückt. Die Gender-Frage wird also häufig mit einer Auseinandersetzung mit anderen Unterdrückungsmechanismen kombiniert. Männer werden nicht einmal als Verbündete im Kampf gegen diese Formen der Unterdrückung dargestellt. In diesen Texten klingt ein niederschmetternder Pessimismus an, der jede Hoffnung auf eine Transformation der Geschlechterverhältnisse grundsätzlich verneint. Die Texte verweisen nicht einmal auf die Möglichkeit, die Reproduktion patriarchalischer Strukturen durch das Verhalten von Frauen zu überwinden. Insgesamt wird eine Verbesserung der Situation nicht für möglich gehalten. Mit sisterhood bzw. Solidarität unter Frauen als möglichem Trostspender oder vagem Hoffnungsanker scheint das Maximum erreicht zu sein. Charakteristisch für die radikale afrikanisch-feministische Literatur ist, dass sie ihre Kritik an traditionellen und modernen Formen der fehlenden Gleichberechtigung der Geschlechter nicht differenziert vorbringt. Obgleich diese Differenzierung, wie oben ausgeführt, in der Regel auf das Bestreben afrikanisch-feministischer AutorInnen zurückzuführen ist, eine Balance zwischen einer proafrikanischen und einer antisexistischen Position zu halten, darf diese fehlende Differenzierung nicht dahingehend fehlgedeutet werden, dass radikale afrikanisch-feministische SchriftstellerInnen ihre afrikanischen Kulturen verleugnen würden. Sie ist einfach als Ausdruck der grundlegendsten und kompromisslosesten Zurückweisung jeder Form der Unterdrückung afrikanischer Frauen zu verstehen. Repräsentantinnen dieser Gruppe sind die Erzählungen kenianischer Autorinnen, die in Nziokis, Kabiras und Karegas Anthologie They've Destroyed the Temple veröffentlicht wurden, Calixthe Beyalas Romane C'est le soleil qui m'a brulée und Tu t'appelleras Tanga wie auch Nawal El Saadawis Roman Eine Frau am Punkt Null.



Reformerische afrikanisch-feministische Literatur
Nwapa, Flora. Efuru. Göttingen: Lamuv, 1997 (Nigeria)
Ogot, Grace. The Graduate. Nairobi: Uzima Press, 1980 (Kenia)
Okoye, Ifeoma. Behind the Clouds. London: Longman, 1982 (Nigeria)

Transformatorische-feministische Literatur
Adimora-Ezeigbo, Akachi. Rhythms of Life: Stories of Modern Nigeria. London: Karnak, 1992 (Nigeria)
Aidoo, Ama Ata. Changes. London: Women's Press, 1991 (Ghana)
Bâ, Mariama. Der scharlachrote Gesang. Frankfurt a.M.: Fischer, 1984
Dangarembga, Tsitsi. Der Preis der Freiheit. Reinbek/Hamburg: Rowohlt, 1991 (Simbabwe)
Emecheta, Buchi. 20 Säcke Muschelgeld. Zürich: Unions Verlag, 1991 (Nigeria)
Head, Bessie. Die Schatzsammlerin. Erzählungen, München: dtv, 1993 (Botswana/Südafrika)

Radikale afrikanisch-feministische Literatur
Beyala, Calixthe. Tu t'appelleras Tanga. Paris: Editions Stock, 1988 (Kamerun)
dies.: Wen die Sonne liebt, den tötet sie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1989
Kabira, Elizabeth Akinyi; Wanjiku Mukabi Kabira; Muthoni Karega. They've Destroyed the Temple. Nairobi: Longman Kenya Limited, 1992 (Kenia)
Saadawi, Nawal El. Eine Frau am Punkt Null. München: dtv, 1993 (Ägypten)
Vera, Yvonne. Eine Frau ohne Namen. München: Marino, 1997 (Simbabwe)

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