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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 284 | Realitäten des Multikulturalismus Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge

Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge

Die arabische Welt und die Zukunft des Westens, Piper, München/ Zürich 2004. 400 S., 22,90 Euro Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, Piper, München/ Zürich 2004 (2002). 532 S., 14,90 Euro

Rezension: Revolution und Status Quo

Das Anliegen des französischen Politikwissenschaftlers Gilles Kepel ist im Gegensatz zu vielen deutschen Kultur- und Islamverstehern weniger das emphatische Einfühlen in die "andere Kultur" oder das notorisch-neurotische Notengeben für Israel. Sein Blick ist abgeklärt, fast realpolitisch. Kepel ist Islamexperte mit einem enormen Wissens über den politischen Islam, seine Geschichte und seine gegenwärtigen politischen Eliten. Er ist weder in seinen Untersuchungsgegenstand verliebt noch möchte er die Perspektive der Erforschten einer verständnislosen Umgebung nahe legen.

Seine Blick auf die Turbulenzen in der Krisenregion Nahost ist ein anderer: Kepel interessiert sich in Die neuen Kreuzzüge und Das Schwarzbuch des Dschihad für nichts weniger als die Revolution, oder in seinen Worten "die neuen Kreuzzüge". Er sieht gleich zwei wirkungsmächtige revolutionäre Kräfte im Nahen Osten: zum einen die terroristischen Dschihad-Kämpfer, zum anderen militante Neokonservative in den USA. Beide streben einen Sturz der herrschenden autoritären und korrupten Regime an, beide sind bereit, die politischen Verhältnisse gewaltsam zu verändern.

Das Terrornetzwerk Al-Qaida von Ayman Al-Zawahiri und Osama bin Laden vereinigt in sich die ägyptische und saudische Richtung des radikalen Islamismus. Es befindet sich traditionell im Kampf gegen die etablierten Regime in der Region und seit Ende der 1990er Jahre zusätzlich in einem gnadenlosen Krieg gegen den "fernen Feind", die "Welt des Unglaubens". Im Februar 1998 riefen Al-Zawahiri und Bin Laden zu einer "internationalen islamischen Front gegen die Juden und Kreuzfahrer" auf. Das ideologische Ziel ist die Schaffung einer islamischen Basis als Kern eines neuen Kalifats, das letztlich zur Weltherrschaft berufen ist.

Nach dem gewonnenen Kampf gegen den Sowjetkommunismus fand die neokonservative Bewegung unter der Ideologie des "Kampfes der Kulturen" in den herrschenden Eliten des Nahen Ostens einen neuen Feind und propagiert die offensive Verbreitung des westlichen Demokratiemodells und der Marktwirtschaft. Nach dem 11. September schlug ihre Stunde: Der "präventive Ansatz" zur Zerschlagung von "Schurkenstaaten" wie den Irak Saddam Husseins sollte den Auftakt bilden für einen demokratischen Wandel, der die Zivilgesellschaft befreie, eine Ära des Wohlstandes einleite und den Kriegszustand für Israel mit einem Schlag beende.

Den Neocons diente der Schock des 11. September dazu, die Politik der Bush-Administration für einen "Krieg gegen den Terror" zu gewinnen. Die Strategie allerdings scheiterte, die Zerschlagung von Al-Qaida gelang nicht, die Dschihad-Kämpfer schwärmten aus, nicht zuletzt in den Irak. Der militärische Siegeszug der USA scheint nun im Irak in einem politischen Debakel zu enden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, die Logik des islamistischen Terrors setzt sich fort: Die terroristische Option wird die beherrschende Kriegsstrategie, die den unbesiegbaren "intelligenten Waffen" der Amerikaner ein "Gleichgewicht des Schreckens" abtrotzen soll.

Neben den globalen Dschihad, der nun auch von selbständigen Gruppen im Irak, in Saudi-Arabien, Marokko, Türkei oder Spanien fortgeführt wird, tritt aber gleichzeitig die Fitna, der Bürgerkrieg im Herzen des Islam, der der Glaubensgemeinschaft Anarchie und Chaos und damit Zerfall, Zusammenbruch und Untergang bringt. Sein Ziel, durch spektakuläre Aktionen die "Massen der Umma" zu mobilisieren und mit ihrer Hilfe in den muslimischen Ländern die Macht zu übernehmen, erreicht die salafistische Terroravantgarde somit nicht. Der weltanschauliche Konsens zwischen fanatischen Dschihad-Kämpfern, die bei der städtischen Jugend Anhänger finden, und gemäßigten Islamisten, die ihren Rückhalt bei den mittelständischen Schichten haben, zerbricht.

Beide revolutionären Strategien - Demokratisierung wie Islamisierung durch Gewalt - gehen, so Kepel, letztlich nicht auf. Das infernalische Räderwerk aus Dschihad und Fitna, aus Kreuzzug und Terror setzt nur todbringende Kräfte frei. Diese düsteren Aussichten kontrastiert Kepel mit einer überraschenden Perspektive: Er sieht quasi hegelianisch nach dem politischen und moralischen Scheitern des arabischen Nationalismus und des diesen beerbenden Islamismus nun eine muslimische Demokratie im Entstehen. Diese könne das Ergebnis eines "Dialogs" zwischen den Islamisten, die sich ihrer Sache nicht mehr so sicher sind, und den säkularen Demokraten in der muslimischen Welt sein.

Eine idealistische Hoffnung. Wahrscheinlicher ist, dass sowohl Dschihadismus und "Krieg gegen den Terror" als auch deren Scheitern die arabische Misere verlängern helfen. Auch die internationale Entwicklung fördert die Restauration des Status Quo vor den "neuen Kreuzzügen". Die US-Administration ist bereits wieder auf einen realpolitischen Kurs eingeschwenkt. Die Führer des Nahen Ostens sind nicht mehr Haupthindernis für Reformen, sondern Partner. Die Gewinner des im Chaos mündenden revolutionären Elans sind also die Eliten der alten Ordnung, die einst jenes Bedürfnis nach Umsturz erst erzeugt haben.

Gleichwohl hat Kepel - der unsentimentale Realist mit der idealistischen Ader - genau jenes Verhältnis zwischen einem unerträglichen Status Quo und einem der Logik des Terrors gehorchenden revolutionären Elan in beeindruckender Weise deutlich gemacht.

Jörg Später

284 | Realitäten des Multikulturalismus
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