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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 284 | Realitäten des Multikulturalismus Machuca, mein Freund

Machuca, mein Freund

Chile 2004. Ein Film von Andrés Wood. Mit Matías Quer, Ariel Mateluna, Manuela Martelli. Kinostart: 31. 3. 2005

Rezension: Kondensmilchmädchenküsse

Chile im Jahre 1973. Zwei elfjährige Jungs, Pedro und Gonzalo, lernen sich an einer Eliteschule kennen und freunden sich an. Gonzalo kommt aus reichem Hause, Pedro lebt in einem Elendsviertel in Santiago, er kann die Ausbildung an der elitären Privatschule St. Patrick nur machen, weil ihm der fortschrittliche Pater McEnroe diese Chance bietet.

Die beiden Kinder aus unterschiedlichen Schichten erhalten erstmals Einblick in das Leben jenseits der jeweils eigenen Welt. Gonzalo betritt zum ersten Mal in seinem Leben ein Plumpsklo. Pedro hält erstmals Adidas-Schuhe in Händen. Weil Pedro für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen muss, verkauft er Fahnen an die Demonstranten in Santiago - sowohl an die Gegner als auch an die Anhänger Allendes. Gonzales hilft ihm dabei.

Dann ist da noch Silvana. Silvana geht nicht mehr zur Schule, sie versorgt die Familie, seit ihre Mutter abgehauen ist. Pedro und Gonzalo verlieben sich beide in Silvana. Sie verbringen viel Zeit zu dritt: am Fluss und im Kino. Es ist die Zeit, da die Lebensmittel rationiert sind. Gonzalo hat gerade lange für zwei Dosen Kondensmilch angestanden. Jetzt trifft er sich mit seinen Freunden am Fluss und spendiert eine Dose Kondensmilch. Silvana verschenkt ihre Kondensmilchmädchenküsse: an Pedro und an Gonzalo.

Bis hierher erzählt Machuca, mein Freund eine (moderne) Geschichte des Erwachsenwerdens. Über den ersten Rausch, den ersten Kuss und die erste Liebe. Aber der wachsende Einfluss der Opposition Allendes macht die wirtschaftlichen, aber vor allem auch die politischen Unterschiede der Freunde deutlich. Bei einer Demonstration gerät Silvana eines Tages mit Gonzales Mutter, die die Rechten unterstützt, aneinander. Silvana ist bekennende Kommunistin und fühlt sich in ihrer anfänglichen Skepsis gegen Gonzalo bestätigt.

Der Film setzt voraus, dass die Zuschauenden die politischen Ereignisse im Chile des Jahres 1973 kennen. Er erklärt nicht die Geschichte der kurzen chilenischen Demokratie unter Salvador Allende und nicht den Putsch durch Augusto Pinochets. Die Streiks, die Sabotage und der Terror des Jahres 1973 bilden zwar den Hintergrund der Geschehnisse und tragen zur Entfremdung der Kinder bei, ihre Ursachen werden für heutige Jugendliche hierzulande jedoch ohne zusätzliche Erklärungen nur schwer verständlich sein. Das ist auch gewollt: "Der größte Fehler wäre gewesen, wenn ich versucht hätte, die ganze Geschichte zu erzählen. Daher beschränken wir uns auf das, was die Kinder uns zeigen wollen. Alles was passiert, sehen wir mit ihren Augen", so Regisseur Andrés Wood.

Die Putschisten brechen ein in das Leben von Pedro, Gonzalo und Silvana. Hat diese ungewöhnliche Freundschaft eine Chance? Der Film ist eine Geschichte über Freundschaft und über das (abrupte) Ende der Kindheit, es ist kein Film mit pädagogischem oder aufklärendem Anspruch. Ein berührender, dramatischer und trauriger Film.

Andrea Schwendemann

284 | Realitäten des Multikulturalismus
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