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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 285 | Entwicklungspolitik für den Markt Michael Zeuske: Schwarze Karibik

Michael Zeuske: Schwarze Karibik

Sklaven, Sklavereikultur und Emanzipation, Rotpunktverlag, Zürich 2004. 660 Seiten, 27,30 Euro, 45 SFr.

Rezension: Geschichte der Sklaverei

Die Schwarze Karibik ist die erste transnationale Geschichte der atlantischen Sklaverei aus der Perspektive der Betroffenen: der Afrikaner und Afrikanerinnen, die in einer frühen Etappe der Globalisierung zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert massenhaft in die Karibik verschleppt wurden. Als Sklaven erwirtschafteten sie dort auf den Zuckerrohrplantagen des Weltmarkts den Reichtum der europäischen, karibischen und amerikanischen (weißen) Eliten. Zentrum der auf Massensklaverei basierenden Plantagenwirtschaft waren Sainte Domingue (Haiti), Jamaika und Kuba. Die versklavten Menschen aus Afrika waren jedoch keineswegs nur passive Opfer ihres unmenschlichen Schicksals. Sie waren vielmehr aktiv an der Konstruktion dessen beteiligt, was wir heute als Karibik kennen - eine kulturelle Mischung afrikanischer, europäischer, asiatischer und amerikanischer Ursprünge.

Der Historiker Michael Zeuske stellt eindrücklich dar, wie die afrikanischen Sklaven und ihre Nachkommen Weltgeschichte machten, indem sie das in der produktivsten Plantagenzone herrschende System der atlantischen Sklaverei eigenhändig zerstörten und damit ein Paradigma schufen. Auf Sainte Domingue (Haiti) fand die erste und einzige erfolgreiche Sklavenrevolution statt. Die Sklaven schrieben sich die Postulate der Revolution des Mutterlandes Frankreich auf die Fahnen, befreiten sich selbst und schufen eine unabhängige Nation.

Die Schwierigkeit, eine konsequente Perspektive der Betroffenen einzunehmen, liegt auf der Hand: Die Millionen von versklavten Menschen haben so gut wie keine schriftlichen Quellen hinterlassen. Ihre Existenz und Identität lässt sich in vielen Fällen nur anhand von Dokumenten ihrer weißen Herren (Listen der Sklavenhändler, Inventarlisten der Plantagen und Zuckerfabriken) und der kolonialen Institutionen (Notariats- und Gerichtsprotokolle, Bestrafungen, Verträge, Gehaltslisten etc.) rekonstruieren, sowie durch Reiseberichte bekannter europäischer Wissenschaftler wie Alexander von Humboldt. Ihre Stimmen sind also nur in dieser Verzerrung wahrnehmbar. Ihre aktive historische Präsenz dennoch transparent und greifbar zu machen, darin liegt Zeuskes Verdienst, der über zehn Jahre lang in kubanischen Archiven forschte, auf der Suche nach den Spuren der afrikanischen Sklaven in Kuba und der Karibik.

Mit der "Schwarzen Karibik" präsentiert Zeuske den ersten Versuch, die Geschichte der atlantischen Sklaverei, der Emanzipation und des daraus entstandenen Rassismus darzustellen, sowohl aus globalhistorischem Blickwinkel als auch anhand konkreter Lebensgeschichten. Das über 600 Seiten umfassende Werk ist ein Handbuch für alle, die sich für die Geschichte von Migrationen und Diaspora interessieren oder sich mit dem Konzept des "schwarzen Atlantik" auseinandersetzen. Der umfangreiche Anmerkungsapparat und die Bibliographie sind eine Fundgrube für diejenigen, die weiterlesen und -forschen wollen.

Christine Hatzky

285 | Entwicklungspolitik für den Markt
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