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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 285 | Entwicklungspolitik für den Markt Herbert Marcuse: Nachgelassene Schriften Band 4

Herbert Marcuse: Nachgelassene Schriften Band 4

Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Peter Erwin Jansen. Einleitung von Wolfgang Kraushaar. Zu Klampen Verlag, Springe 2004. 253 Seiten, 24 Euro.

Rezension: Marcuse, Israel und die deutsche Linke

Der Spiegel nannte ihn "das Idol der Berliner Studenten", Habermas den "Philosophen der Jugendrevolte". Für andere wiederum war er neben Marx und Mao einer der drei gefährlichen M: Herbert Marcuse. Er selber sah sich zwar nie als "Vaterfigur" der Bewegung, aber da er doch in der studentischen Neuen Linken "die einzige prekäre Hoffnung" sah und folgerichtig in ihr zu wirken versuchte, wurde er zu dem Kritischen Theoretiker, der die antiautoritäre Bewegung am stärksten prägte.

Zu Marcuses 25. Todestag ist im Zu Klampen Verlag der vierte Band der nachgelassenen Schriften unter dem Titel: Die Studentenbewegung und ihre Folgen erschienen. Darin finden sich Vortragstexte, Erklärungen, Interviews und Briefe, die in Zusammenhang mit der Studentenbewegung stehen: Kuba, Vietnam, 1968 und die Studentenbewegung, Israel und Angela Davis sind die Themen im Einzelnen. Außerdem ist noch der Briefwechsel mit Rudi Dutschke, mit dem Marcuse eine tiefe Freundschaft verband, abgedruckt.

Für heutige linke Debatten, in denen Marcuses Theorien in den Hintergrund gedrängt worden sind, sind neben seinen Aussagen zu Klasse und revolutionärem Subjekt vor allem die Texte zu Israel von Interesse. Denn diese sind immer noch so aktuell, als wären sie für die heutige Situation geschrieben worden. Die in dem Band abgedruckten Texte stammen alle aus dem Zeitraum nach der "antizionistischen Wende" der Studentenbewegung nach dem Sechs-Tage-Krieg vom Juni 1967 und zeigen die entstandene Kluft zwischen Marcuse und den antiimperialistischen Studenten auf. Mitglieder des SDS ließen sich inzwischen in palästinensischen Ausbildungslagern für den Kampf gegen Israel paramilitärisch schulen, obwohl der Studentenverband bis in die frühen 60er Jahren vorrangig mit der Bekämpfung des bundesdeutschen Antisemitismus und dem Eintreten für eine Anerkennung Israels hervorgetreten war. Gegen diesen Trend besteht Marcuse weiterhin auf das Existenzrecht des Staates Israel, "der die Wiederholung eines Holocaust verhindern kann."

Vorbedingung für mögliche Verhandlungen mit den Palästinensern ist für Marcuse dann auch deren Anerkennung Israels als souveräner Staat, denn solange die palästinensischen Gruppierungen Israel zerstören wollen, gebe es keine Grundlage für solche Gespräche. Allerdings übt Marcuse auch Kritik an einzelnen Maßnahmen der israelischen Regierung, doch hat er dabei, im Gegensatz zu den meisten linken "Israelkritikern", vor allem die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die Sicherheit des jüdischen Staates im Blick. Denn Marcuse erkennt die prekäre Sicherheitslage Israels, da er im Unterschied zum antizionistischen Vorurteil in Israel kein "Werkzeug der USA" erkennen kann. Im Gegenteil befürchtet er gar: "Israel kann nicht auf eine ausländische Macht zählen."

Doch die Warnungen ihres ehemaligen Idols erreichten die verschiedenen aus der zerfallenden Studentenbewegung hervorgehenden Strömungen der deutschen Linken nicht mehr. Stattdessen bildete sich, trotz der sonst so verbissen ausgetragenen Grabenkämpfe der verfeindeten linken Gruppierungen, eine einigende linke Volksfront gegen Israel. Schon allein aus dieser Erfahrung heraus lohnt es sich, heute wieder Marcuse zu lesen.

Jens Benicke

285 | Entwicklungspolitik für den Markt
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