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Tschetschenien-Komitee: Tschetschenien

Die Hintergründe des blutigen Konflikts. Diederichs (Heinrich Hugendubel Verlag), Kreuzlingen/ München, 2004, 176 Seiten, 18,95 Euro

Rezension: Gegen das Schweigen über Tschetschenien

Über den Konflikt in Tschetschenien sind in letzter Zeit nur wenige fundierte Bücher in deutscher Sprache erschienen; und wenn doch, dann wird er fast ausschließlich als Nebenschauplatz internationaler Auseinandersetzungen betrachtet. Die Bundesregierung, das bürgerliche Spektrum, aber auch die antideutsche Linke unterstützen das russische Vorgehen, weil sie den Tschetschenienkrieg als Teil des durch den 11. September legitimierten "Krieges gegen den Terror" begreift - und damit der Propagandamaschinerie der russischen Regierung auf den Leim geht. Kaum jemand macht sich im deutschsprachigen Raum mehr die Mühe, die nationalen und lokalen politischen Entwicklungen in Russland unter der Regierung Putin und in Tschetschenien seit der Regierung Dudajew unter die Lupe zu nehmen.

Genau dies nimmt sich jedoch das aus dem Französischen übersetzte Buch Tschetschenien - Die Hintergründe des blutigen Konflikts des "Tschetschenien-Komitees" vor. Dieses organisierte sich im Oktober 1999 in Paris, um Informationen über den Krieg zu verbreiten und RussInnen und TschetschenInnen zu unterstützen, die sich gegen diesen Krieg wenden. Dabei arbeiten es mit russischen und tschetschenischen NGOs ebenso zusammen wie mit KünstlerInnen, AkademikerInnen und MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen. Aus dieser intensiven Beschäftigung mit Tschetschenien ist das nun vorliegende, von ÄrztInnen, MenschenrechtsaktivistInnen, JournalistInnen und WissenschafterInnen gemeinsam verfasste Buch entstanden. Es ist ein parteiisches und solidarisches Buch. Allerdings gilt die Solidarität der AutorInnen nicht den tschetschenischen Warlords, sondern der Zivilbevölkerung und jenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich sowohl gegen die islamistischen und nationalistischen Warlords zur Wehr setzen, als auch gegen den Krieg des immer autoritärer werdenden Regimes von Putin.

Dabei wird auch nicht vergessen, die Verbindungen zwischen den lokalen russischen Truppen und dem russischen Inlandsgeheimdienst mit tschetschenischen Warlords herauszuarbeiten. Längst ist der Krieg zu einem Geschäft geworden, in dem sowohl russische Militärs als auch tschetschenische Warlords von den andauernden Kämpfen profitieren. Beide Seiten sind dabei eng mit mafiösen Strukturen verbunden. Der zunehmende Einfluss wahabitischer islamischer Strömungen innerhalb des tschetschenischen Widerstands wird ebenso geschildert wie die geschickte internationale Vermarktung dieser Tatsache durch die russische Regierung. Diese hat es mit dem Hinweis auf al-Qaida geschafft, die internationale Staatengemeinschaft fast völlig zum Schweigen zu bringen. Die AutorInnen des Buches leisten einen Beitrag dazu, dieses Schweigen zu durchbrechen.

Thomas Schmidinger

285 | Entwicklungspolitik für den Markt
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