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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 285 | Entwicklungspolitik für den Markt Fiederike Habermann: Aus der Not eine andere Welt

Fiederike Habermann: Aus der Not eine andere Welt

Gelebter Widerstand in Argentinien. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2004, 192 S., 18,95 Euro.

Rezension: Gelebter Widerstand in Argentinien

Friederike Habermann hat während zweier Aufenthalte zwei Hausfrauengewerkschaften in verschiedenen Stadtteilen der argentinischen Stadt Santa Fe und mehrere Bewegungen erwerbsloser ArbeiterInnen (MTDs) in Buenos Aires begleitet. Es ging ihr um die Untersuchung der selbst organisierten Lebensweise dieser Gruppierungen nach der argentinischen Finanzkrise 2001. Dabei lag ihr Hauptaugenmerk auf dem Grad der Selbstorganisierung und auf feministischen Aspekten und der damit verbundenen Selbstbestimmtheit der Beteiligten.

Außer einer der Organisationen sind alle an einem von den Erwerbslosen selbst erkämpften Regierungsprogramm für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beteiligt, das ihnen ein geringes Einkommen für vier Stunden Arbeit täglich sichert. Die Arbeit wird in den Barrios selbstständig organisiert und die hergestellten Produkte meist wieder im Stadtteil verkauft.
Leider fiel das Ergebnis reichlich ernüchternd aus, wie Habermann selbst resümiert. Zwar streben alle Gruppen ein Wirtschaften auf nicht-kapitalistischer Grundlage an, in den meisten Fällen gestaltet sich das jedoch sehr schwierig, weil es kaum direkten Zugriff auf Ressourcen und Materialien gibt, d.h. diese müssen anderswo eingekauft werden, was eine enge Arbeitszeit-Kalkulation zur Folge hat. Auf lange Sicht hat dieses System wohl keine Zukunft, wenn es nicht gelingt, selbst über Ressourcen zu bestimmen. Im Hinblick auf eine gleichberechtigte Organisierung lassen sich in fast allen Fällen zumindest einige positive Grundtendenzen erkennen, was das Selbstvertrauen vor allem der beteiligten Frauen angeht.

Der Versuch, die Untersuchung in der Theorie zu verankern, läuft leider etwas ins Leere, so z.B. die Anführung zweier Modelle alternativer ökonomischer Theorien ("Parecon" von Michael Albert und Rainer Bauböcks "Wertlose Arbeit"), die etwas unmotiviert neben Carola Möllers Ansätzen zu solidarischer Ökonomie stehen bleiben. Echte Alternativen zu bestehenden Einteilungsmustern der Erwerbsarbeitslogik scheinen sie jedenfalls nicht darzustellen. Auch der Anspruch, feministische Wirtschaftstheorien vertreten zu wollen, scheitert notwendigerweise an der Vielfalt, wie Habermann selbst feststellt: "Was aber verbirgt sich hinter dem Begriff ‚Feministische Ökonomie'? Ungefähr so viele Theorien wie hinter dem Begriff ‚Ökonomie'." Deshalb scheint ihr Schluss "Im Grunde muss jeder emanzipatorische Ökonomieansatz ein feministischer sein, ... denn nur die Vermeidung jedes Dominanzverhältnisses garantiert den emanzipatorischen Anspruch" ein wenig vage.

Sehr lesenswert sind aber die Kapitel über die Rolle des IWF bei der systematischen Verarmung Argentiniens und anderer Schuldenländer und der Überblick über die Gründe für die argentinische Krise und die Anfänge der Widerstandsbewegung.

Simone Ott

285 | Entwicklungspolitik für den Markt
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