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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 286 | Kriminalliteratur aus dem Süden Tom Segev: Es war einmal ein Palästina

Tom Segev: Es war einmal ein Palästina

Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. Siedler Verlag, München 2005, 671 S., 28.- Euro

Rezension: Es war einmal ein Palästina

Es war einmal ein Palästina - gegen Ende des Ersten Weltkrieges, als der jüdische Versicherungsagent, Zionist und Dichter Alter Levine (alias Assaf Halewi) auf der Flucht vor den Osmanischen Behörden Zuflucht im Haus des arabischen Pädagogen und Schriftstellers Khalil as-Sakakini sucht und findet. Beide geraten in Gefangenschaft und kommen erst wieder frei, nachdem die Briten Palästina und Syrien erobert haben. Obwohl Sakakini seinen Dienst nie bereut und Levine bis zu dessen Tod skeptisch freundschaftlich verbunden bleibt, entpuppt sich die in jener Kooperation angedeutete Vision eines arabisch-jüdischen Palästinas als Illusion. Fortan bestimmen der Hass zwischen zwei Nationen, der jüdischen und arabischen, und der Terror, arabischer und jüdischer Terror, den Lauf der Geschichte. Sakakini sympathisiert in den 1930er Jahren gar zeitweise mit den Nationalsozialisten und bleibt selbst dann ein erbitterter Gegner der jüdischen Einwanderung, als der Holocaust weltweit Beachtung findet.

Sakakini ist nur eine, wenn auch vielleicht die wesentliche Figur, mit der Tom Segev die Geschichte Palästinas während der britischen Mandatszeit, also der Vorgeschichte der Staatsgründung Israels, erzählt. Der israelische historische Publizist, bekannt durch sein viel beachtetes Buch "Die siebte Million" (1995 auf deutsch erschienen), rekonstruiert ein ganzes Arsenal an Perspektiven auf jene tragische Geschichte. Tragisch, weil er keinen Zweifel daran lässt, dass es im bedingungslosen Kampf zwischen zwei nationalistischen Kollektiven und im Strudel der Gewalt nur einen Gewinner und einen Verlierer geben konnte. Segev geleitet den Leser nicht nur in die Gedankenwelt von großen Politikern wie Chaim Weizmann, David Ben Gurion, Arthur James Balfour, Winston Churchill, Prinz Faisal oder Hadschi Amin al-Hussaini, dem Mufti von Jerusalem, der sich den Nazis andiente. Er schildert auch anhand unzähliger Briefe "ganz normaler" Menschen die Alltagsperspektive auf den Konflikt, der zwar von oben geschürt, aber von unten befeuert worden ist. Und er schenkt jenen subalternen Eliten Raum, die wie Sakakini und Levine ihren Kollektiven leidenschaftlich verbunden waren, aber ihre Skepsis gegenüber dem geschehenen Unheil trotz mancher Verirrung nie haben ablegen können.

Es war einmal ein Palästina ist ein atemberaubendes Buch, nicht nur wegen der Vielzahl an Perspektiven, der Masse an Material und der narrativen Kraft des Autors - die Schilderungen der Pogrome und Massaker nicht ausgenommen. Es weist auch mit einer ebensolchen These auf: Die Briten haben die zionistische Bewegung unterstützt und letztendlich zum Sieg verholfen, weil sie an die große Macht der Juden glaubten. Ein antisemitisches Motiv soll also letztendlich die Staatsgründung Israels ermöglicht haben. Diese These ist unglaublich, aber nicht unglaubwürdig belegt. Segev führt eine Reihe von Dokumenten vor, die einen solchen Schluss plausibel erscheinen lassen. Ob diese Dokumente selektiv ausgewählt sind oder letztendlich überhaupt entscheidungsrelevant waren, kann hier nicht entschieden werden.

Segev hat ein für die israelische politische Kultur typisches Buch geschrieben, denn nirgendwo sonst wird so harsch und unbarmherzig, aber auch "unantisemitisch" mit der Geschichte des Zionismus abgerechnet wie in Israel. Segev misstraut der zionistischen Geschichtsschreibung wie der historischen zionistischen Politik, ist aber voller Bewunderung für deren Aufbauleistung und macht sich über den arabischen Gegenpart wie die Rolle der Briten keine Illusionen.

Über historische Abhandlungen des Palästina-Konflikts sollte eigentlich eine Quarantäne verhängt werden. Denn die Suche nach Recht und Unrecht ist ein Teil des bis heute währenden Problems, dass zwei Nationen mit gutem Grund und einer langen Liste, die begangenes Unrecht beklagt, um ein Land streiten. Segevs Buch passt immerhin in keine der hierzulande wie weltweit gängigen Schablonen im öffentlichen Palaver über Israel, das von einem notorischen Drang zur Be- und Verurteilung geprägt ist, wie es keinem anderen kleineren Staat dieser Welt widerfährt. Aber man darf sicher sein, dass es den bestehenden Ressentiments gegen Israel und Araber genügend Nahrung liefert. Vielleicht hat es deshalb sechs lange Jahre gedauert, bis das für jede ungebetene Vereinnahmung offene Buch ins Deutsche übersetzt worden ist. Verdient hat das unkonventionelle Buch weder das eine noch das andere.

Jörg Später

286 | Kriminalliteratur aus dem Süden
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