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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 286 | Kriminalliteratur aus dem Süden Merle Kröger: Cut!

Merle Kröger: Cut!

Hamburg 2003, 208 Seiten, € 9,90

Rezension: Deutsch-indische Geschichten

Im Hamburger Argument Verlag erscheint die Frauenkrimi-Edition Ariadne. Die zu Kultstatus gelangte Reihe hat explizit den Anspruch, dass ihre Krimis nicht nur spannend sein, sondern auch gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Widersprüche auf subversive Weise ansprechen sollen. Leider finden sich bislang unter den zahlreichen Autorinnen keine aus Asien, Afrika oder Lateinamerika. Allerdings erschien 2003 Cut! von der "norddeutschen Filmemacherin mit indischem Gesicht" Merle Kröger. Die in filmischem Stil erzählte Geschichte handelt von der - wiederum norddeutschen - Madita Junghans. Nach dem Scheitern ihres kollektiv betriebenen Programmkinos in Hamburg wendet sie sich mit ihrem Freund einem detektivischen Experiment zu, bei dem es um die Ermittlung ihres unbekannten biologischen Vaters aus Indien geht. Diese Suche gestaltet sich schwierig, weil ihr wortkarger Harmsdorfer Vater ebenso wie ihre Mutter, die völlig in der eigenen Welt ihrer psychischen Krankheit steckt, blocken. Wie sich herausstellt, haben aber noch mehr Leute ein Interesse daran, dass die Geschichte nicht aufgerollt wird und so wird die Situation zunehmend gefährlich. Denn sie hängt mit einem düsteren Kapitel deutsch-indischer Geschichte zusammen, das hierzulande kaum bekannt ist. Der indische Nationalist Subhas Chandra Bose, bekannter "Freiheitskämpfer" und Konkurrent von Mahatma Gandhi, rekrutierte ab 1941 Inder u.a. in deutschen Kriegsgefangenenlagern, um sie gegen die Briten in Indien kämpfen zu lassen. Die Indische Legion der Deutschen Wehrmacht (später der Waffen-SS unterstellt) wurde von Nazi-Deutschland finanziert, ausgebildet und ausgestattet, der Fahneneid wurde sowohl auf Bose wie auf Hitler geleistet. Und schließlich gingen sie doch statt nach Indien an die Westfront in Frankreich, um bei der Befestigung der Küstenbunker zu helfen.

Die Informationen über diese historischen Zusammenhänge bleiben im Buch leider sehr knapp bemessen. Auch nehmen Bombay, das nach dem indischen London angesteuert wird, und dessen Traumfabrik Bollywood nicht den Raum ein, den der Klappentext suggeriert. Der Erzählfluss ist dagegen packend, die Stimmung wird dicht beschrieben und auch die Verknüpfung verschiedener Perspektiven - vom DJ aus Bombay bis zum Altnazi, der als "Schläfer" überdauert hat und sich nun reaktiviert - gelingt hervorragend. Nach schnellen 208 Seiten und einem Showdown hofft man, dass Merle Kröger die Lunte, die sie im Abspann legt, noch in Form einer Fortsetzung zünden wird. Derzeitig ist sie als Kuratorin des Projektes "Import-Export - Wege des Kulturtransfers zwischen Indien und Deutschland/Österreich" tätig (www.im-export.net).

Heiko Wegmann

286 | Kriminalliteratur aus dem Süden
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