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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 286 | Kriminalliteratur aus dem Süden Marie-Hélène Gutberlet: Auf Reisen

Marie-Hélène Gutberlet: Auf Reisen

Afrikanisches Kino, Stroemfeld/ Nexus, Frankfurt a.M./Basel 2004, 278 S., 28 Euro

Rezension: Seh-Reisen nach Afrika - Afrikanisches Kino

Die Verbindung von Reisen und filmischen Bildern ist für die Filmwissenschaftlerin Marie-Hélène Gutberlet zentral. Kino ist für sie das schlichtweg Andere und "der Gang ins Kino dem Reisen nicht unähnlich". Mit ihrer bildhaften Sprache verdeutlicht sie das Zusammenspiel von Kino und Abenteuerlust, spricht sie doch wie Paul Virilio von Kinogängern als "Seh-Reisenden". Der Titel ihres Buches Afrikanisches Kino legt den Schluss nahe, dass es hier vor allem um die Entwicklung afrikanischen Filmschaffens geht. Doch Gutberlet setzt ihren Schwerpunkt auf die Bildproduktion, die Afrika in der Kolonialzeit für Europa zugänglich gemacht hat. So seien die Anfänge des Kinos vor allem von kolonialen Reiseszenen bestimmt. Die Gebrüder Lumière beispielsweise brachten zu Beginn ihrer Karriere viele Reisedokumentationen aus fernen Ländern nach Europa, von tausend Filmen spielten 57 allein in Afrika.

Das Kino greift vor allem spektakuläre Ereignisse auf - und dazu gehörten auch Völkerschauen. Der Film als koloniales Propagandainstrument ist wegweisend für die Geschichte des Kinos. Gutberlet führt die Psychologisierung der Fremdheitsprojektionen vor und stellt zu den imaginären Blick auf Afrika bloß, wie wir ihn alle auf irgendeine Weise selbst kennen.

Gutberlets ungewöhnliche Art, sich dem afrikanischen Kino über die Geschichte des Kolonialismus zu nähern, macht den Reiz ihres Filmessays aus. Natürlich kommt sie dabei auf (post-)koloniale Dokumentar- und Tierfilme zu sprechen, die in Europa stark rezipiert wurden, wie "Serengeti darf nicht sterben" von Bernhard Grzimek (1959) oder "Mein Abschied von Afrika" von Hans Schomburgk (1958), in denen das "ewige Afrika" mit seiner unermesslichen Tier- und Stammeswelt beschworen wird. In diesen Filmen haben die Menschen keine Geschichte, sie handeln instinktiv wie die Tiere.

Ein Paradigmenwechsel findet für Gutberlet in dem Moment statt, als Afrikaner selbst ab Mitte der 1950er Jahre Filme drehen. Sie zeichnet auch diese Entwicklung detailliert nach. Sie macht Protest- und Bürgerrechtsbewegungen innerhalb Afrikas sowie die Entwicklung des "Third Cinema", das von Fernando Solanas und seiner Gruppe Cine Liberación in den 1970er und 80er Jahren von Lateinamerika über Europa auch nach Afrika exportiert wurde, für das Entstehen des afrikanischen Films verantwortlich. Stellvertretend für das moderne afrikanische Autorenkino nennt sie Filme wie "Afrique, je te plumerai" von Jean-Marie Teno (1992), "Yeelen" von Souleymane Cissé (1987) oder "Xala" von Ousmane Sembène (1974). Auf diese bezieht sie sich so anschaulich, dass man meinen könnte, die Filme selbst gesehen zu haben. Gutberlet weiß, dass das, was hierzulande als afrikanisches Autorenkino gilt, nur ein Bruchteil dessen ist, was produziert und rezipiert wird. Das afrikanische Kino besteht nicht nur aus (post-)kolonialen gesellschaftskritischen Epen, sondern vor allem aus nigerianischen Melodramen, kamerunischen Action-Filmen und ägyptischen Musicals. Zu guter Letzt bestimmt auch die Vorliebe für indische Bollywood-Filme das afrikanische Unterhaltungskino. Regisseure, die auch im außerafrikanischen Ausland bekannt sind, bleiben in der Minderheit.

Wegweisend für die Entwicklung des afrikanischen Kinos sind vor allem Sprache und Geräusche. "Kino wertet auf, was nicht verschriftlicht ist und nicht verschriftlicht werden kann; es operiert mit der Wirkkraft des Sprechens und des Hörens." Viele afrikanische Filme gehen visuell sehr langsam vor, dafür aber akustisch schnell und mehrschichtig. Das gegenwärtige Filmschaffen zehrt aus den mündlichen Traditionen Afrikas ebenso wie es sich am Herrschaftsverhältnis reibt, das Schrift und Oral History zueinander haben. Deshalb widmet sie ein ganzes Kapitel den Ohren. Denn "Kino ist der Ort, wo wir nicht sprechen müssen". Gutberlet ist mehr als ein Buch über das Kino gelungen, eine Kulturgeschichte des Films.

Rosaly Magg

286 | Kriminalliteratur aus dem Süden
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