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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 287 | Die neuen Süd-Süd-Beziehungen Marc Amann (Hrsg.) go.stop.act!

Marc Amann (Hrsg.) go.stop.act!

Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Trotzdem Verlag, Grafenau/Frankfurt am M. 2005. 240 Seiten, 18 Euro. Siehe auch: www.go-stop-act.de und weblog zu den Aktionsformen: http://kreativerstrassenprotest.twoday.net

Rezension: Abseits der Joggingstrecke

go.stop.act! entfaltet einen Fächer kreativer Straßenprotestformen - allesamt erprobt im Rahmen des gegenwärtigen Ringens um eine andere, eine bessere Welt für alle." Der Enthusiasmus dieses Zitats aus dem Vorwort der Trotzdem Verlagsgenossenschaft durchzieht wie ein Leitmotiv den ganzen Sammelband rund um Aktionen, Demonstrationen und Happenings. Den Autoren von go.stop.act! geht es weniger um die Beschreibung des Vergangenen - das völlige Fehlen von Heldengeschichten ist wohltuend - als vielmehr um das Ausloten von neuen Formen des Straßenprotests. Ob diese Formen jeweils so neu sind wie behauptet, sei dahingestellt. Der Band hält sich jedenfalls nicht lange mit Vorreden auf, sondern kommt schnell zur Sache: dem unvollständigen Alphabet der Aktionsformen, von "Carnival against Capitalism" über "Radical Puppetry" zu "Stolpersteinen auf der Datenautobahn". Zum Abschluss gibt es noch eine Sammlung von nicht ausführlich dargestellten Aktionen, Ideen und Tipps.
Sicher werden nicht alle LeserInnen der im Buch geäußerten Meinung sein, dass "der Protest auf der Straße" und das "Protestpotential wieder zunimmt". Der weitgehend ausbleibende Widerstand gegen die Zumutungen des Neoliberalismus könnte einen da auch ganz depressiv werden lassen. Doch davon will go.stop.act! nichts wissen. Mit großem Optimismus werden die Aktivitäten der Antiglobalisierungsbewegungen dargestellt. Aufgeweckt, mitreißend, farbenfroh, irritierend und bissig will der Widerstand sein. Und er ist es ja auch, denn die Sammlung an Widerstandsformen, die Marc Amann und seine Mitstreiter zusammengetragen haben, hat es durchaus in sich.

Ein beeindruckendes Panoptikum zieht da an einem vorbei, vom klassischem Straßentheater über "Radikal Cheerleading", "Pink and Silver" bis zum "Guerilla Gardening". Was für jüngere Attac-Profis sprachliches Standardrepertoire sein mag, wird bei den meisten LeserInnen jedoch leichte Irritationen hervorrufen. Besonders interessant sind die Abschnitte, in denen der Einsatz von neuen Technologien zugunsten neuer Aktionsformen vorgestellt wird, etwa die Kapitel "Flash Mobs" von Marc Amann und "Stolpersteine auf der Datenautobahn" von der Autonomen A.F.R.I.K.A. Gruppe. In jedem Fall ist das unvollständige Alphabet der Aktionen gut zu lesen, lehrreich und wahrscheinlich auch anregend, wenn einer Polit-Gruppe mal wieder partout nicht einfallen will, wie sie ihre Inhalte an die Öffentlichkeit bringen kann.

Es geht den Autoren um "neue" Straßenprotestformen, und da wäre es natürlich gut zu erfahren, wie und wo der Schnitt zu den "alten" gesetzt wird. Die etwas zu knapp gehaltene Einleitung von Marc Amann gibt dazu drei Hinweise: Der Zusammenbruch des Sozialismus setzte eine Zäsur, nach der "die Linke" nicht länger in ihren alten Stellungen verharren konnte. Mit den mexikanischen Zapatistas betrat eine Gruppe die Bühne, die nicht mehr Teil der Blockkonfrontation war und die alte Formel der internationalen Solidarität neu formulierte. Und schließlich begannen sich Graswurzelbewegungen und Nichtregierungsorganisationen weltweit zu vernetzen, was anlässlich des Treffens der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle 1999 zum ersten Mal zu international organisierten Großdemonstrationen und Straßenprotesten führte.
Der frische Wind, der nach Seattle und Genua die Bewegung vorantrieb, ist zwar schon etwas verflogen. Doch mit Gruppen wie Attac traten tatsächlich neue Akteure auf die Bühne, die mit der alten Linken wenig zu tun haben. Vor allem jüngere Leute, die mit den traditionellen Organisationen der Linken nichts anfangen können, finden hier Anschluss. Diese bringen auch, wie Amann schreibt, Interesse an Aktionen auf der Straße mit. Soweit ist ihm zuzustimmen. Aber die Aufzählung der Demonstrationen, Aktionen und sozialen Praxen, die er für die neue Bewegung vereinnahmt, ist so nicht haltbar. Die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV und die Demonstrationen gegen den Irak-Krieg waren weit stärker von der traditionellen Linken geprägt, als Amann suggeriert.

Trotz dieser Kritik: Go.stop.act! liefert "Geschichten, Aktionen und Ideen" für alle, die sich auch mal abseits der Jogging-Strecke bewegen wollen, sei es auf der nächsten Demo, auf der Datenautobahn oder beim Radioballett. An Anlässen und Möglichkeiten fehlt es nicht, aber ob sich noch genug Leute finden, die mitmachen? Vielleicht also doch erst mal das Buch lesen, sich der ausgezeichneten Gestaltung erfreuen und dann ganz klein mit einer "laugh-parade" anfangen.

Tommy Hohner

287 | Die neuen Süd-Süd-Beziehungen
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