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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 287 | Die neuen Süd-Süd-Beziehungen Valentin Groebner: Der Schein der Person

Valentin Groebner: Der Schein der Person

Steckbrief, Ausweis und Kontrolle im Mittelalter. Beck, München 2004. 230 Seiten, 23,60 Euro

Rezension: Der Schein der Person

Die so genannte Visa-Affäre war das politische Highlight im ersten Quartal 2005. Oppositionelle Bundestagsabgeordnete starteten eine Stimmungskampagne gegen Außenminister Fischer, der in kürzester Zeit in die Defensive geriet. Die Reiseerleichterungen hätten hauptsächlich Schwarzarbeiter, Kriminelle und Zwangsprostitution nach Deutschland gebracht, der ehemalige Staatsminister im Außenamt, Ludger Volmer, sei folglich ein "einwanderungspolitischer Triebtäter" und Joschka Fischer ein "Zuhälter". Der Medienprofi Fischer fiel nach drei Jahren unangefochtener Führung als "beliebtester Politiker" auf Rang sechs. Die Frage der Visa-Erteilung hatte offensichtlich an tiefer liegende Schichten im politischen Bewusstsein gerührt. Ist der zu Tage getretene Widerstand gegen die partielle Reisefreiheit ein Schritt zurück in die Ära des Nationalismus?

Mehr noch, sagt der Luzerner Mediävist Valentin Groebner in seinem Buch Der Schein der Person. In den Papieren, die uns heute bescheinigen, wer wir sind, stecke der Geist des Mittelalters. Schon im 8. Jahrhundert schrieben karolingische Gesetze jedem Reisenden den Besitz von brieffen oder einer epistula vor: Dokumente zur Weiterreise auf Wachstafel oder Pergament, welche von Grenzwächtern mit einem Stempel oder Siegel zu versehen waren. Das Motiv dafür war fragwürdig, so der Historiker: "Geleitbriefe stellte jede Gewalt aus, die mächtig genug war, Reisende für Schutz vor ihr selbst bezahlen zu lassen."
Eine entscheidende Grundlage der heutigen Pässe ist zwar jüngeren Datums als das Mittelalter, denn von Staatsangehörigkeiten im modernen Sinne kann erst seit dem 19. Jahrhundert die Rede sein. Der Begriff "Passport" ist dennoch schon weitaus älter als die Nationalstaaten. Er bezeichnete ein Dokument, mit dem Händler das Tor (port) einer Stadt passieren durften. Die Unterschiede zum heutigen Pass waren noch groß, denn die alten Urkunden enthielten kaum Angaben zur Person. Bilder spielten in den Dokumenten des Mittelalters keine Rolle. Die Person wurde mittels Stempeln, Wappen und Insignien dargestellt. Entscheidend war "der Schein der Person". Nur eine kleinere Minderheit besaß solche Dokumente, sie waren ein Privileg.

Mit der Erfindung von Papier ging ein Aufschwung des Registrierwesens einher. Gleichzeitig wurden die Personenbeschreibungen genauer. Die Kategorie der "besonderen Kennzeichen" wurde erfunden. In dieser frühen Geschichte der Bürokratie erscheint Schriftlichkeit als Kampfmittel um Definitionsmacht: "Das Dokument verwandelte denjenigen, der den besiegelten brieff als Ausweis vorzeigen konnte, in das, was in und auf dem Dokument bescheinigt war." Ab Mitte des 15. Jahrhunderts wandelten sich die passborten vom seltenen Privileg zum obligatorischen Identitätspapier. Reisen wurde immer mehr zu einer Frage der richtigen Papiere. Mit der Ausweispflicht stieg die Dichte der Kontrollen. Gegenüber missliebigen Gruppen wie Bettlern wurden Pässe ein Mittel, um sie zu assimilieren oder zu vertreiben. Die Erlasse, die die Welt fortan geordnet und verwaltet haben wollten, sahen sich allerdings weiter einer widerborstigen Realität gegenüber. So stiegen mit den neuen Papieren ihre Doppelgänger auf: die Fälschungen. Migration fand auch weiterhin ohne obrigkeitliche Zustimmung statt.

Nach seinem informativen Rückblick auf die Frühzeit des Ausweiswesens fragt Groebner abschließend nach den Methoden des Identifizierens heute. Wo lebt das Mittelalter in den Ausweisen fort und wo nicht? Die aktuelle Aufnahme biometrischer Merkmale in den neuen Reisepässen bietet ein bisher unerreichtes Maß an Identifizierbarkeit. Aber, so der Autor, "es sieht ganz so aus, als ob die alten Geschichten aus Mittelalter und Renaissance heute in den Debatten um DNA-profiling und Biometrie auf dem Schwarzmarkt für gestohlene Pässe und in den Biographien der papierlosen Flüchtlinge immer wieder neu erzählt werden. Wer ist wer? Und womit kann er es beweisen?"
Manche Frage lässt Groebner offen. Im Schwenk zur Gegenwart zeigt der Historiker zu einseitig die Kontinuitäten auf, er verweist kaum auf die Brüche. So bleibt etwa die emotionale Aufladung der Zugehörigkeit zu einem Staat durch das Nationalgefühl seit dem 19. Jahrhundert unerwähnt. Dennoch kann das Buch als ein Standardwerk zur Entstehung der Identifikationstechniken gelten, das reichlich spannende Thesen enthält. Wenn Groebner das Mittelalter in den neuen Plastikkarten erkennen lässt, wird deutlich, dass die "Negation" der Anderen, der Nicht-dazu-gehörigen schon am Anfang des Passwesens stand. Die "Präsenz der Obrigkeit", die heute noch in den "farbenprächtigen Hologrammen und Kinegrammen" schimmert, verweist auf die intendierte Erhabenheit der Dokumente, die Joschka Fischer kurzzeitig nicht im Blick hatte.

Winfried Rust

287 | Die neuen Süd-Süd-Beziehungen
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