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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 287 | Die neuen Süd-Süd-Beziehungen Jürgen Leskien: Dunkler Schatten Waterberg

Jürgen Leskien: Dunkler Schatten Waterberg

Afrikanische Nachtgespräche. Schwartzkopff Buchwerke, Berlin 2004. 360 Seiten, 18 Euro.

Rezension: Lebensgeschichten aus Namibia

Der (Ost-)Berliner Schriftsteller Jürgen Leskien hat sich Namibia und seinen Menschen über die Jahre hinweg auf verschiedensten Ebenen angenähert. Sein jüngstes Buch Dunkler Schatten Waterberg ist Ergebnis seiner kreativen Neugierde auf jene Menschen, die - aus Deutschland stammend - als Angehörige einer durchaus heterogenen Minderheit in diesem Land leben. Einige davon treten in diesem Band mit ihren selbsterzählten Biographien aus der Anonymität und lassen die Individuen jenseits der - zumeist falschen, weil allzu verallgemeinernden - Kollektivzuschreibung lebendig werden.

Sie alle teilen unterschiedlich intensive, aber zumeist höchst bewegte, zu keiner Zeit langweilige Lebensabschnitte und -erfahrungen mit. Ihre tiefe Verwurzelung mit Südwestafrika/ Namibia wird in nuancierter Vielfalt deutlich. Dabei war die Lebensbewältigung auch für die allermeisten Angehörigen der privilegierten ‚deutschen' Minderheit kein Honigschlecken, wie aus den mehr als ein Dutzend biographischen Skizzen deutlich wird (bei denen leider nur eine einzige weibliche Zeitzeugin berücksichtigt wurde). Viele Gesprächspartner waren noch den Kriegswirren sowohl in Europa als auch in Afrika ausgesetzt, aber auch in unterschiedlicher Weise in den Konflikt um die Unabhängigkeit des Landes verwickelt. Die Grenzen der deutsch-namibischen Identität (auch im Sinne von Südwester) sind dabei fließend und keinesfalls immer klar zu erkennen. Wohl aber, dass ungeachtet der unterschiedlichen räumlichen und sozialen Herkunft Südwestafrika/Namibia den zentralen Bezugs- und Lebensmittelpunkt bildet.
Eigentlich hätte es gereicht, die dreizehn Gesprächsprotokolle als jeweils eigene Kapitel mit einleitenden Bemerkungen zu dokumentieren. Das Ergebnis wäre ein solides Sachbuch gewesen, mit hohem dokumentarischem Wert für diejenigen, denen nicht nur, aber auch die "Südwester"-Geschichte zum Verständnis des Landes und seiner Menschen bedeutsam ist. Störend bliebe dabei einzig eine Reihe von falsch geschriebenen Orts- und Eigennamen, die auf die Grenzen der lokalen Kenntnisse des Verfassers deuten, was aber auszuhalten ist, weil sie letztlich irrelevant sind.

Leider vermochte der Schriftsteller Leskien sich nicht auf die Rolle des Chronisten zu beschränken. Er flicht eine fiktive Erzählung ein, die einzig seiner Phantasie entspringt. Sie operiert mit Klischees, die so hart an der Grenze zwischen Erdachtem und Tatsächlichem verlaufen, dass sie für Verwirrung sorgt. Weniger wäre in diesem Fall eindeutig mehr gewesen. Gleiches gilt auch für das Glossar und die chronologische Übersicht.

Abgesehen von diesen störenden Accessoires handelt es sich um einen gelungenen Versuch, die so diverse deutsch-namibische Minderheit in ihren spezifischen Lebenserfahrungen auch für eine größere Öffentlichkeit sichtbar werden zu lassen. Vorausgesetzt, dass die LeserInnenschaft sich darauf einlässt, die individuellen Geschichten in ihrer Einzigartigkeit zugunsten einer Horizonterweiterung aufzunehmen - ohne Ressentiments und Vorverurteilungen.

Henning Melber

287 | Die neuen Süd-Süd-Beziehungen
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