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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 288 | Soziale Bewegungen in Indien Necla Kelek: Die fremde Braut

Necla Kelek: Die fremde Braut

Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 272 Seiten, gebunden, 18,90 Euro (D), 19,40 Euro (A), 33,40 SFr.

Rezension: Brautpreis Deutschland

"Dies ist eine wahre Geschichte. Sie handelt von Liebe und Sklaverei, von Ehre und Respekt, von türkischem Mocca und verkauften Bräuten." So lautet nicht etwa der Beginn eines Abenteuerromans, sondern von Necla Keleks viel beachtetem Buch Die fremde Braut, das den Alltag von türkischen Frauen beschreibt, die als Importbräute nach Deutschland verschachert wurden.
Es ist ein Buch, das sowohl die multikulturelle Mehrheitsgesellschaft als auch die türkische Community anklagt, weil für diese Importbräute demokratische Grundrechte in Deutschland nicht gelten. Unvorstellbar, dass der einzige Ort, an dem sich diese Frauen treffen können, die Moscheen sind, und dass es der Autorin gelungen ist, in diesem eng begrenzten Rahmen Interviews mit ihnen zu führen. Dabei ist ein zutiefst emotionales Buch entstanden, das nicht umsonst wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.
Die Soziologin erzählt darin detailgetreu die Geschichten ihrer Familie und anderer Türkinnen in Deutschland. Kelek prangert "falsche Toleranzen" in Deutschland an, will statt "Bereicherung durch Multikultur" vor allem die Menschenrechtsmissachtungen in den Vordergrund stellen. "Wenn in der Politik von Zwangsheirat gesprochen wird, dann ist meist auch Frauenhandel und Zwangsprostitution gemeint - eindeutig Verbrechen, die verhindert werden müssen." Ihre Grundforderung ist, den "Brautpreis Deutschland" und den damit verbundenen "billigen" Import zu unterbinden. Im Stile der Bekenntnisliteratur legt sie den Einfluss des Islams auf das Alltagsverhalten türkischer Frauen und Männer dar. In ihrer Parteilichkeit lässt sie selbstbewusste islamische Frauen oder liberale türkische Familien, die eine säkulare Ordnung gutheißen, nicht auftauchen. Ihren Fokus legt sie auf die schweigende Mehrheit mit Kopftuch und die entrechteten Frauen und Kinder, die als Eigentum der Familie betrachtet werden.
So spannend und wichtig das Buch einerseits ist, hat es aber auch fatale Auswirkungen. Denn Kelek argumentiert streckenweise ganz im rechtskonservativen Jargon: "Eine demokratische Gesellschaft muss ihre Errungenschaften verteidigen. Wenn Menschen zu uns nach Deutschland kommen, dann müssen sie das zu den Bedingungen tun, die in diesem Lande gelten." Da mutet es auch nicht befremdlich an, dass Otto Schily Keleks Buch im Februar vorstellte. Nach dem mutmaßlichen Ehrenmord an der Türkin Hatun Sürücü kurz zuvor in Berlin-Tempelhof wurde ein politisches Signal von ihm erwartet. Doch Schily berief sich nur auf das neue Zuwanderungsgesetz und darauf, dass die Schulbildung versagt habe, zur Zwangsehe gab er lediglich ein persönliches Bekenntnis: "In meinen Augen ist eine Zwangsehe rechtswidrig und verfassungswidrig, und nach unserem Verständnis kann sie eigentlich gar nicht gültig sein". So stellt auch Kelek am Ende ihres Buches einen Forderungskatalog auf, der Zwangsehen, arrangierte Ehen und Mehrehen ächten, sowie ein Mindestalter bei Familienzusammenführungen und Sprach- und Integrationskurse für Import-Bräute vorschreiben will.
Bei all den wichtigen und richtigen Beobachtungen, die Kelek aufzeichnet, steckt ihre Argumentation jedoch in einer Sackgasse. Geächtet von den Muslimen, umstritten in der antirassistischen Linken, befindet sich Kelek in einem politischen Dilemma. Sie verweist auf den Schuldkomplex der Deutschen, der den "Muslimen alles verzeiht (....). Die Argumentationskette ist schlicht. Ausländer sind arm (weil sie von uns ausgebeutet werden) und gut (weil sie nicht so sind wie wir). Also muss die deutsche Gesellschaft ihre Schuld abtragen - und ihnen helfen. Durch politische Rücksichtnahme und durch finanzielle Zuwendung." Gleichzeitig macht sie den in Deutschland lebenden TürkInnen den Vorwurf, ihre Integration sei gescheitert, weil sie sich lieber in einer Parallelgesellschaft bewegten. Die Ursachen für das Scheitern liegen für Kelek zwar auch in der strukturellen Benachteiligung von AusländerInnen und einer gewissen xenophoben Grundhaltung im multikulturellen Diskurs, vor allem aber in der verfehlten Integrationspolitik und dem fehlenden Pochen auf Grundrechte und Freiheit des Individuums. Ja, wer ist denn nun Schuld, die türkische Community oder der Schuldkomplex der Mehrheitsdeutschen? Oder ist es nicht eher falsch, hier die Schuldfrage zu stellen, weil dadurch vereinfachte Lösungen suggeriert werden?


Rosaly Magg ist Mitarbeiterin im iz3w

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