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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 289 | Zehn Jahre WTO Orhan Pamuk: Schnee

Orhan Pamuk: Schnee

Carl Hanser Verlag, München 2004. 512 Seiten, 25,90 Euro.

Rezension: Zwischen allen Stühlen | Der Friedenspreisträger Orhan Pamuk steht unter Druck

Der Schriftsteller Orhan Pamuk hat am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Obwohl er zweifelsohne einer der größten Romanciers der Gegenwart ist, darf man sich bei solchen Auszeichnungen nie sicher sein, ob nicht politische Motive ausschlaggebend gewesen sind, insbesondere dann, wenn der Preisträger kein Deutscher ist. Autoren der Peripherie werden zudem mit einem ethnisierten Maß gewogen: Pamuk selbst beklagte einmal, dass Proust über die Liebe schreiben dürfe, er jedoch nur über "türkische Liebe". Dass ein westlich sozialisierter Türke genau in dem Jahr einen der wichtigsten Literaturpreise zugesprochen bekommt, in dem ein möglicher EU-Beitritt der Türkei die Gemüter bewegt, würde kein Tatort-Kommissar und schon gar kein Schriftsteller als Zufall durchgehen lassen.
Dabei bezeichnet sich Pamuk selbst als unpolitischen Schriftsteller. Wenn er sich politisch äußere, dann als Staatsbürger. Diese Selbststilisierung hat ihn nicht davor bewahrt, dass er in diesem für ihn äußerst turbulenten Jahr in die Mühlen der Politik geraten ist. Sein jüngster Roman Schnee erlebte in der Türkei eine ungewöhnlich hohe Auflage von 100.000 Stück. Die New York Times kürte das Buch Ende 2004 zum besten ausländischen Buch des Jahres. Anfang Februar 2005 erklärte Pamuk dann im Schweizer Tagesanzeiger, in der Türkei seien eine Million Armenier und 30.000 Kurden ermordet worden. Die türkische Presse und der nationalistische Mob tobten daraufhin: Pamuk wurde als "Agent des Westens" und "Volksfeind" zum Abschuss freigegeben. Anfang August schließlich wurde der Autor angeklagt, die "türkische Identität" beschädigt zu haben. Ihm droht nun eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren.
Pamuk scheint es ähnlich zu ergehen wie seinem Romanhelden in Schnee: Der in Frankfurt lebende türkische Schriftsteller Ka kommt getragen von einem Gefühl der Einsamkeit und Fremdheit in die nordostanatolische Provinzstadt Kars und fällt unter Kurden, Geheimpolizisten und Revolutionäre, Islamisten und Kopftuchanhängerinnen. Alle Seiten schmeicheln Ka, um ihn für ihre Interessen einzuspannen, doch niemand kann sich auf ihn verlassen. Ka, der seine Jugendliebe mit nach Deutschland nehmen will, wird am Ende aus Eifersucht Teil der politischen Intrigen, aus denen er sich eigentlich heraushalten möchte.

Pamuk ist politisch nicht so naiv wie Ka. Zwar kommentiert er die vielen Stimmen in seinem Roman nicht, denn ihm geht es darum, den Seelenzustand in der ländlichen, dunklen, anatolischen Türkei einzufangen. Pamuk will der Empörung über den Westen nicht Recht geben, sie aber verstehen und erklären. Solange das Wesen und die Menschlichkeit anderer verdrängt und nicht dargestellt würden, sei es viel einfacher, sie ohne schlechtes Gewissen grausam zu behandeln. Wirklich unpolitisch ist eine solche Haltung nicht: Pamuk hat die großen Ideen wie den Kemalismus oder den Islamismus satt. Seine Imagination des Anderen dient der produktiven Provokation, die festgefahrene Identitäten zum Tanzen bringen will.
Pamuk ist der postmoderne Erzähler der Türkei. In Schnee begegnen wir einem jungen Islamisten, der einen Science-Fiction-Roman schreibt, jungen gebildeten Frauen, die das Kopftuch als Ausdruck ihrer individuellen Selbstbestimmung begreifen, und säkularen Autoritäten, die den Kampf gegen den rückständigen Islam als Legitimation für Mord und Folter anführen. Pamuk ist ein Kind der städtischen, vom technologischen Fortschritt wie von der westlichen Kultur geprägten Türkei, die das Unbehagen an sich selbst ergriffen hat. Statt für ein positivistisch-rationalistisches Ingenieursleben entschied er sich für die Kunst. Die radikale Modernisierung durch Atatürk bedeutete für ihn das Vergessen der osmanischen und islamischen Geschichte. Pamuk ist kein Versöhnler zwischen Orient und Okzident, beobachtet aber teils interessiert, teils ängstlich, was passiert, wenn beide aufeinander treffen. Er schreibt aus der Erfahrung, "dass der Boden, auf dem wir stehen, im Grunde schlüpfrig und unsicher ist".

In Frankfurt traf Pamuk nun selbst auf die Honoratioren von Literatur, Gesellschaft und Politik eines maßgeblichen westlichen Landes. Das Publikum wartete gespannt, was der Vorzeigetürke zur Gretchenfrage - "Wollen wir sie reinlassen?" - sagen würde. Leider ließ er sich auf dieses Spiel ein. Zwar sprach er zunächst über die Romankunst als solche, über "die Möglichkeit die Geschichte eines anderen als die unsere" und "unser Leben als das eines anderen" zu erzählen. Die politische Dimension des Romans - in Schnee ja deutlich vor Augen geführt - wäre klar und dringlich gewesen. Doch dann appellierte er an Europa, "das hoffnungsfrohe Warten des Mannes, der an eine Tür klopft und um Einlass bittet", nicht zu enttäuschen. Dieser Appell ist verständlich: Pamuk ist der Überzeugung, dass das Einzige, was gegen islamistische Demagogen hilft, eine offene Gesellschaft und steigender Wohlstand sind - beide erhofft er sich von Europa. Aber das Vertrauen auf die Kraft und politische Wirkung des vermeintlich unpolitischen Romans wäre nicht nur eleganter gewesen, es hätte auch unterstrichen, dass der großartige und durchaus politische Schriftsteller und nicht der Bittsteller Pamuk diesen Preis verdient hat.
Wahrscheinlich hat Pamuk nach einem aufreibenden Jahr nur resigniert der Einsicht nachgegeben, dass das vermeintlich Unpolitische nicht vom Politischen fernzuhalten ist. Pamuks Romanheld Ka wird übrigens nach seiner Rückkehr nach Frankfurt nicht gefeiert, sondern auf offener Straße erschossen.

Jörg Später

289 | Zehn Jahre WTO
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