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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 290 | Afghanistan und Irak nach dem Krieg Kollektiv p.i.s.o. 16: Venezuela

Kollektiv p.i.s.o. 16: Venezuela

Welcome to our Revolution. Innenansichten des bolivarianischen Prozesses. Verlag Gegen den Strom, München 2004. 169 S., 10 Euro.

Bolivarianische Prozesse

Venezuela und der dortige "bolivarianische Prozess" des gesellschaftlichen Umbaus gehören zu den Themen, die die internationalistische Linke zur Zeit am meisten entzweit. Die wenigsten hingegen kennen das Land aus eigener Anschauung. Diesem Missstand abzuhelfen, hat sich das AutorInnenkollektiv "p.i.s.o. 16" zum Ziel gesetzt. Sie bereisten im September 2004 vier Wochen lang Venezuela, um sich in Gesprächen mit den ProtagonistInnen des Prozesses zu informieren.

Erfreulicherweise vermeiden die AutorInnen eine vorschnelle Bewertung der Situation. Stattdessen dokumentieren sie die geführten Gespräche und ihre Eindrücke von der venezolanischen Realität. Den Schwerpunkt legten die Reisenden auf die Prozesse der sozialen Selbstorganisierung. Ihre GesprächspartnerInnen sind in der Mehrzahl AktivistInnen in den Stadtvierteln und Gewerkschaften, nicht Funktionäre aus Politik und Verwaltung.

Das gefällige Layout und die Mischung aus Interviews, Reiseeindrücken, Fotografien und kurzen Hintergrundbeiträgen machen die Lektüre kurzweilig. Das Buch ist ohne Vorwissen gut verständlich, gibt mit den Interviews aber auch KennerInnen des Landes interessantes Material an die Hand. Trotz der Fülle der Informationen bleiben aber wichtige Bereiche der Gesellschaft ausgespart, wie die AutorInnen selbstkritisch anmerken, etwa die Rolle des Militärs, die Perspektive von Frauenorganisationen oder den Einfluss indigener und afro-venezolanischer Bevölkerungsteile auf den Umwälzungsprozess. Diese Lücken mindern jedoch nicht den Wert der dokumentierten Gespräche und Eindrücke.

Der Schwerpunkt auf Basisgruppen und Selbstorganisierung erweist sich als ausgesprochen glücklich. So wird deutlich, dass schon lange vor Chávez ein breites Feld an sozialer Organisierung und Auseinandersetzung bestand, an das der "bolivarianische Prozess" anknüpfen kann und das dieser wiederum beflügelt. Gerade aus der Perspektive der Basis erweist sich der gesellschaftliche Umbau als prozesshaft und konfliktiv. In diese umkämpfte, sehr dynamische Entwicklung vermittelt der vorliegende Band einen Einblick, der dazu beiträgt, die Debatte um Venezuela und die "bolivarianische Revolution" zu versachlichen. Die lebendige Darstellung macht Lust auf mehr, doch da hilft wohl nur selber hinreisen und mit eigenen Augen sehen.

Olaf Berg

290 | Afghanistan und Irak nach dem Krieg
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