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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 290 | Afghanistan und Irak nach dem Krieg Beautiful Boxer / Traces of a Dragon

Beautiful Boxer / Traces of a Dragon

Beautiful Boxer, Regie: Ekachai Uekrongtham, Darsteller: A. Suwan, S. Chatree u.v.a., 114 Minuten, FSK 12, Thailand 2003/ DVD 2005, ca. 19 Euro. Traces of a Dragon, Regie: Mabel Cheung, Produktion: Jackie Chan, Chinesisch mit dt. Untertiteln, 94 Minuten, FSK 16, Hongkong 2003/ DVD 2005, ca. 17 Euro.

Zwei Coming Outs | Kampfkunst-Biografien auf DVD

Viele sehenswerte Filme schaffen es nur kurz oder überhaupt nicht in die Kinos. Eine neue Chance bieten DVD-Erscheinungen, wie sich an zwei spannenden Biografien aus dem Bereich der asiatischen Kampfkunst zeigt. Während es im einen Fall um das spielfilmische Coming Out eines transsexuellen Thai-Boxers geht, kommt das Unerwartete in der Dokumentation über die dramatische Familiengeschichte Jackie Chans ganz von selbst auf ihn zu.

Der kleine Nong Toom lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen in der thailändischen Provinz. Er schmückt sich gerne mit Blumen, schminkt sich und wäre am Liebsten ein schönes Mädchen. Dies setzt ihn dem Spott und den Angriffen anderer Kinder aus. Der Vater bekommt Angst, dass Toom zum Transvestit wird, doch die Mutter gibt früh die Linie vor: "Wenn ihm dieses Schicksal bestimmt ist, dann können wir dagegen nun mal nichts machen." Sie gibt Toom ein Motto mit auf den Weg, das seine Lebenshaltung grundlegend bestimmen wird: "Mama wird nichts sagen und auch nicht mit dir schimpfen, wenn du wieder mit Blumen spielst oder mit Mädchen. Aber du darfst niemals zulassen, dass andere Menschen dich tyrannisieren."
Jahre später gerät der Jugendliche bei einem Tempelfest in einen Muay-Thai-Kampf, der ultraharten Variante des Kickboxens, die Nationalsport in Thailand ist. Dies ist der Beginn einer Geschichte, die die Zerrissenheit Nong Tooms zwischen dem sportlichen Aufstieg in dieser Männerdomäne und seiner zunehmenden Veränderung hin zu einer Frau skizziert. Ab einem gewissen Punkt schlägt sich Nong Toom nicht mehr, um der Armut zu entkommen, sondern um mit den Preisgeldern die Geschlechtsumwandlung zu finanzieren. Es kommt zum Coming Out im Ring, und er/sie macht trotz aller Anfeindungen und Verhöhnungen weiter.

Die Story des vielfach preisgekrönten Films Beautiful Boxer orientiert sich an der wahren Geschichte des transsexuellen Thai-Boxing-Champions Nong Toom alias Parinya Charoenphol. Die Hauptrolle wird ausgezeichnet von Asanee Suwan gespielt, der selbst einer der erfolgreichsten Thaiboxer ist. Zur Vorbereitung erhielt er ein Jahr lang Schauspiel- und Ballettunterricht. Die Bild- und Ton-Ästhetik des Films erinnert zum Teil an Kampfsport-B-Movies zwischen Bloodsport und Karate Kid - und dennoch überzeugt sie mit ihren ausdrucksstarken Aufnahmen von Muskeln, Schweiß und Härte
wie auch Eleganz, Sehnsucht und intensiv leuchtenden Landschaften. Geschlechterstereotype werden so aufgebrochen, dass die Inszenierung des harten Körpers eine ganz neue Bedeutung erlangt, wenn dies geschminkt geschieht und derselbe Mensch zu anmutigen und schüchternen Bewegungen fähig ist. Die echte Parinya Charoenphol hat sich erfolgreich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und arbeitet heute als Model und Schauspielerin. Sarkasmus der Geschichte: Als Frau darf sie nicht mehr Thaiboxen.

In der Biographie Traces of a Dragon geht es um ein völlig anderes Coming Out: das des weltweit bekannten Martial-Arts-Schauspielers und Produzenten Jackie Chan. Seine Mischung aus Kampfkunst und Slapstick, aus hochgradig choreographierter Akrobatik und tapsig-naivem Heldentum revolutionierte seit den 1970er Jahren das sonst beinharte Actiongenre. Ausgangspunkt der Dokumentation ist, dass der Vater dem erwachsenen Chan eines Tages eröffnet, er habe zwei Brüder und zwei Schwestern, die im kommunistischen Teil Chinas lebten; er heiße eigentlich auch gar nicht Chan. Und so zeichnet der Film eine familiäre Spurensuche nach, in die viele welthistorische Ereignisse einfließen.

Der 1954 geborene Jackie aka Chan Kong-sang wurde wegen der Armut der Familie bereits im Alter von sieben Jahren mit einem Zehnjahresvertrag an die extrem harte China Drama Academy des bekannten Peking-Opern-Meisters Yu Shanyuan "vermietet". Er musste dort 19 Stunden täglich Schauspiel, Tanz, Gesang, Akrobatik und Kampfkunst studieren, um für die Schule aufzutreten. Mit ihm wurden auch spätere Kino-Kollegen wie Sammo Hung (Serie "Martial Law") ausgebildet. Der Film zeigt den steinigen Aufstieg Jackie Chans zum Erfolg, der mit Stunts und kleinen Rollen in Hongkong sowie Arbeit auf dem Bau und Kochen lernen in Australien gepflastert war.

Ebenso erzählt der Film von Chans Eltern zu Zeiten der japanischen Besatzung und des anschließenden Bürgerkriegs, von im japanischen Bombenhagel gestorbenen Großeltern und mehrfacher Emigration. Und es geht um die für Chan völlig fremden Geschwister, die unter der Kulturrevolution zu leiden hatten und in einer völlig anderen Welt als er aufwuchsen. Dabei ist die Dokumentation trotz starker emotionaler Anteile nicht als sentimentale Wiedervereinigungsgeschichte angelegt, sondern verbindet das Interesse für einen Promi mit einer Lektion in chinesischer Geschichte. Dass dabei die Kommunisten nur als die Bösen und die Kuomintang nur als die Guten wegkommen, sei dabei geschenkt. Nicht ganz einfach fällt es dagegen, die versetzten Zeitachsen in Bezug auf die Geschichte der Brüder auf der einen und der Schwestern auf der anderen Seite nachzuvollziehen.

Die DVD enthält als Extra die Pressekonferenz von der Berlinale 2003. Man merkt Chan darin eine gehörige Portion Ärger über die Verhältnisse in Hollywood an. Denn es waren auch Rassismus und Arroganz in den USA gegenüber Chinesen, die Chan zunächst lange den Erfolg in Hollywood verwehrten. Mit dem Western Shang-Hai Noon kam er im Jahr 2000 filmisch darauf zurück. Neben der Thematisierung der chinesischen Arbeit an der Eisenbahn im 19. Jahrhundert unter sklavenhalterischen Bedingungen kommt es selbstverständlich dazu, dass grobschlächtige Weiße den "Gelben" aus dem Saloon werfen wollen. Und da ist Chan in seinem Element, wirbelnde Action zu inszenieren.

Heiko Wegmann

Viele sehenswerte Filme schaffen es nur kurz oder überhaupt nicht in die Kinos. Eine neue Chance bieten DVD-Erscheinungen, wie sich an zwei spannenden Biografien aus dem Bereich der asiatischen Kampfkunst zeigt. Während es im einen Fall um das spielfilmische Coming Out eines transsexuellen Thai-Boxers geht, kommt das Unerwartete in der Dokumentation über die dramatische Familiengeschichte Jackie Chans ganz von selbst auf ihn zu.

Der kleine Nong Toom lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen in der thailändischen Provinz. Er schmückt sich gerne mit Blumen, schminkt sich und wäre am Liebsten ein schönes Mädchen. Dies setzt ihn dem Spott und den Angriffen anderer Kinder aus. Der Vater bekommt Angst, dass Toom zum Transvestit wird, doch die Mutter gibt früh die Linie vor: "Wenn ihm dieses Schicksal bestimmt ist, dann können wir dagegen nun mal nichts machen." Sie gibt Toom ein Motto mit auf den Weg, das seine Lebenshaltung grundlegend bestimmen wird: "Mama wird nichts sagen und auch nicht mit dir schimpfen, wenn du wieder mit Blumen spielst oder mit Mädchen. Aber du darfst niemals zulassen, dass andere Menschen dich tyrannisieren."
Jahre später gerät der Jugendliche bei einem Tempelfest in einen Muay-Thai-Kampf, der ultraharten Variante des Kickboxens, die Nationalsport in Thailand ist. Dies ist der Beginn einer Geschichte, die die Zerrissenheit Nong Tooms zwischen dem sportlichen Aufstieg in dieser Männerdomäne und seiner zunehmenden Veränderung hin zu einer Frau skizziert. Ab einem gewissen Punkt schlägt sich Nong Toom nicht mehr, um der Armut zu entkommen, sondern um mit den Preisgeldern die Geschlechtsumwandlung zu finanzieren. Es kommt zum Coming Out im Ring, und er/sie macht trotz aller Anfeindungen und Verhöhnungen weiter.

Die Story des vielfach preisgekrönten Films Beautiful Boxer orientiert sich an der wahren Geschichte des transsexuellen Thai-Boxing-Champions Nong Toom alias Parinya Charoenphol. Die Hauptrolle wird ausgezeichnet von Asanee Suwan gespielt, der selbst einer der erfolgreichsten Thaiboxer ist. Zur Vorbereitung erhielt er ein Jahr lang Schauspiel- und Ballettunterricht. Die Bild- und Ton-Ästhetik des Films erinnert zum Teil an Kampfsport-B-Movies zwischen Bloodsport und Karate Kid - und dennoch überzeugt sie mit ihren ausdrucksstarken Aufnahmen von Muskeln, Schweiß und Härte
wie auch Eleganz, Sehnsucht und intensiv leuchtenden Landschaften. Geschlechterstereotype werden so aufgebrochen, dass die Inszenierung des harten Körpers eine ganz neue Bedeutung erlangt, wenn dies geschminkt geschieht und derselbe Mensch zu anmutigen und schüchternen Bewegungen fähig ist. Die echte Parinya Charoenphol hat sich erfolgreich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und arbeitet heute als Model und Schauspielerin. Sarkasmus der Geschichte: Als Frau darf sie nicht mehr Thaiboxen.

In der Biographie Traces of a Dragon geht es um ein völlig anderes Coming Out: das des weltweit bekannten Martial-Arts-Schauspielers und Produzenten Jackie Chan. Seine Mischung aus Kampfkunst und Slapstick, aus hochgradig choreographierter Akrobatik und tapsig-naivem Heldentum revolutionierte seit den 1970er Jahren das sonst beinharte Actiongenre. Ausgangspunkt der Dokumentation ist, dass der Vater dem erwachsenen Chan eines Tages eröffnet, er habe zwei Brüder und zwei Schwestern, die im kommunistischen Teil Chinas lebten; er heiße eigentlich auch gar nicht Chan. Und so zeichnet der Film eine familiäre Spurensuche nach, in die viele welthistorische Ereignisse einfließen.

Der 1954 geborene Jackie aka Chan Kong-sang wurde wegen der Armut der Familie bereits im Alter von sieben Jahren mit einem Zehnjahresvertrag an die extrem harte China Drama Academy des bekannten Peking-Opern-Meisters Yu Shanyuan "vermietet". Er musste dort 19 Stunden täglich Schauspiel, Tanz, Gesang, Akrobatik und Kampfkunst studieren, um für die Schule aufzutreten. Mit ihm wurden auch spätere Kino-Kollegen wie Sammo Hung (Serie "Martial Law") ausgebildet. Der Film zeigt den steinigen Aufstieg Jackie Chans zum Erfolg, der mit Stunts und kleinen Rollen in Hongkong sowie Arbeit auf dem Bau und Kochen lernen in Australien gepflastert war.

Ebenso erzählt der Film von Chans Eltern zu Zeiten der japanischen Besatzung und des anschließenden Bürgerkriegs, von im japanischen Bombenhagel gestorbenen Großeltern und mehrfacher Emigration. Und es geht um die für Chan völlig fremden Geschwister, die unter der Kulturrevolution zu leiden hatten und in einer völlig anderen Welt als er aufwuchsen. Dabei ist die Dokumentation trotz starker emotionaler Anteile nicht als sentimentale Wiedervereinigungsgeschichte angelegt, sondern verbindet das Interesse für einen Promi mit einer Lektion in chinesischer Geschichte. Dass dabei die Kommunisten nur als die Bösen und die Kuomintang nur als die Guten wegkommen, sei dabei geschenkt. Nicht ganz einfach fällt es dagegen, die versetzten Zeitachsen in Bezug auf die Geschichte der Brüder auf der einen und der Schwestern auf der anderen Seite nachzuvollziehen.

Die DVD enthält als Extra die Pressekonferenz von der Berlinale 2003. Man merkt Chan darin eine gehörige Portion Ärger über die Verhältnisse in Hollywood an. Denn es waren auch Rassismus und Arroganz in den USA gegenüber Chinesen, die Chan zunächst lange den Erfolg in Hollywood verwehrten. Mit dem Western Shang-Hai Noon kam er im Jahr 2000 filmisch darauf zurück. Neben der Thematisierung der chinesischen Arbeit an der Eisenbahn im 19. Jahrhundert unter sklavenhalterischen Bedingungen kommt es selbstverständlich dazu, dass grobschlächtige Weiße den "Gelben" aus dem Saloon werfen wollen. Und da ist Chan in seinem Element, wirbelnde Action zu inszenieren.

Heiko Wegmann

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