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Editorial

Katastrophal

Als zum Jahreswechsel die Tageszeitungen und Fernsehsender auf das Jahr 2005 zurückblickten, war gar nicht so sehr die Rede von den zahlreich stattgefundenen Kriegen und politischen Krisen. Die Chronisten deklarierten es vielmehr zum »Jahr der Katastrophen«. Die Rückblenden begannen mit den Folgen des Tsunami am Indischen Ozean, setzten fort mit der Reihe von Wirbelstürmen in den USA und Mittelamerika, zeigten Hungerkatastrophen in Afrika, Überschwemmungen in China und endeten mit dem Erdbeben in Pakistan.

 

Die Berichte schrieben diesen katastrophalen Ereignissen eine große Tragik zu, brachen sie doch meist unerwartet über die Menschen herein und nahmen ihnen, wenn nicht gar das Leben, so doch alles andere. Und sie handelten von internationaler Solidarität, die politische und ideologische Grenzen überschreitet, etwa wenn Libyer und Kubaner für die Opfer der Überschwemmungen in den USA spendeten oder Inder in Pakistan bei den Bergungsarbeiten halfen.

Die mediale Zusammenfassung eines Jahres macht aber auch deutlich, wie verkürzt die Analysen, wie halbwahr die Schlussfolgerungen aus den Katastrophen sind. Als Opfer von Naturkatastrophen, so wird vermittelt, seien alle Menschen gleich. Dabei sind viele Medien die ersten, die die Ungleichheit festschreiben. Bei der Tsunami-Berichterstattung standen die Opfer unter den westlichen Touristen im Vordergrund. Und während über die Stürme und anschließende Flut in New Orleans tagtäglich live in Abendnachrichten und »Brennpunkten« berichtet wurde, waren ähnliche Katastrophen in Mittelamerika allenfalls eine Erwähnung im Nachrichtenblock wert.

Ungleich sind aber vor allem die Folgen der Katastrophen selbst. Während überlebende Touristen aus den Krisenregionen ausgeflogen werden, müssen etwa die Erdbebenopfer in Pakistan monatelang auf Hilfsgüter warten. Sie verbringen den Winter in Notunterkünften und unter Planen, sofern vorhanden. Die frühzeitig geäußerten Warnungen der Hilfsorganisationen vor dem erheblichen Mangel an rudimentärer Notversorgung werden zwar vermeldet, Auswirkungen zeitigen sie hingegen kaum. Pakistan interessiert im Gegensatz zu Florida und den Touristenregionen in Thailand nicht – und zwar nicht allein deshalb, weil es aus der Erdbebenregion weniger spektakuläre Bilder gibt, sondern weil die Opfer als Fremde, als einem ‚anderen Kulturkreis’ zugehörig wahrgenommen werden.

Besonders eklatant tritt die Ungleichheit dort zutage, wo Katastrophen nicht plötzlich auftreten, sondern vorhersehbar oder gar durch menschliches Zutun entstanden sind. Die Dürrekatastrophen in der Sahelzone zeigen dies überdeutlich. Seit mehreren Monaten, zum Teil gar seit zwei Jahren schlagen Hilfsorganisationen Alarm und machen auf die verheerenden Folgen der Dürren in Somalia, Äthiopien, im Sudan und im Norden Kenias aufmerksam. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO kostet die Hitze jährlich 150.000 AfrikanerInnen das Leben. Dennoch wurde seither weder verstärkt in Wasserversorgung und Landwirtschaft investiert, noch wurden Nahrungsmittel rechtzeitig in die dürregeschädigten Regionen gebracht.

Dass es in der Sahelzone und auch im südlichen Afrika immer heißer und trockener wird, führen Wissenschaftler auf die globale Klimaveränderung zurück. Für den Sahel werden eine weitere Temperaturerhöhung um zwei Grad und ein Rückgang der Niederschläge um zehn Prozent bis 2050 vorhergesagt. Für das südliche Afrika gehen Klimatologen gar von einer Erwärmung um drei Grad und 25 Prozent weniger Regen aus. 120 Millionen Menschen mehr als bislang werden durch die Klimaveränderungen Hunger leiden müssen – vier Fünftel davon in Afrika.

Die Emission von Kohlendioxid und anderen klimaschädigenden Gasen durch Industrie, Verkehr und privaten Energieverbrauch aber findet woanders statt. Der Anteil Afrikas an der Produktion klimaverändernder Stoffe bewegt sich im Promillebereich, trotz Südafrikas Kohlekraftwerken und massenhaftem Abfackeln von Erdgas in Nigeria. Mit der Verantwortung für die Klimakatastrophen in Afrika mögen sich in den Industrieländern aber nur wenige Menschen ernsthaft auseinander setzen – weder im politischen Großen noch im privaten Kleinen.

 

Der Kapitalismuskritiker und Entwicklungstheoretiker Elmar Altvater forderte vor 14 Jahren eine »solare Revolution«, um dem »fossilistisch-kapitalistischen System« und seiner Zerstörung von Mensch und Umwelt ein Ende zu bereiten. Inzwischen muss konstatiert werden, dass die fossile Konterrevolution vitaler denn je ist. Auf globaler Ebene stieg der Energieverbrauch im Zeitraum von 1990 bis 2000 um 15 Prozent (mit steigender Tendenz). Auf die fossilen Brennstoffe (Kohle, Gas und Öl) entfallen etwa 80 Prozent des Weltenergieverbrauchs. Die Vorgaben des ohnehin sehr bescheidenen Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz werden von den allermeisten Industrieländern nicht annähernd erreicht.

Vor diesem Hintergrund bleibt alle Bestürzung über Hungerkatastrophen folgenlos, wenn sie nicht mit einem radikalen Kurswechsel hiesiger Wirtschafts- und Umweltpolitik einhergeht. Solange sozialökologische Ansätze nicht stärker ins Bewusstsein rücken und nicht reale Veränderungen der vorherrschenden zerstörerischen Produktionsweise stattfinden, sind Hungerkatastrophen keine Ausnahmeereignisse, sondern Normalzustand. Damit nicht abfinden mag sich

 

die redaktion

 

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