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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 291 | (Post-)Koloniale Reisebilder Frank Westerman: El Negro

Frank Westerman: El Negro

Eine verstörende Begegnung, Ch. Links Verlag, Berlin 2005, 240 Seiten, 22,90 Euro.

Gaffendes Europa, ausgestopftes Afrika

"Objekt-Nummer 1004" wurde regelmäßig mit schwarzer Schuhcreme eingerieben, auf dass die ausgebleichte Haut auch recht schön dunkel glänze. Denn "El Negro", wie sie ihn nannten, war schließlich die Attraktion in dem Gemeindemuseum von Banyoles, einem kleinen Ort in den spanischen Pyrenäen. Ein französischer, mit Exotika handelnder Geschäftsmann hatte den Leichnam des Mannes 1831 in Südafrika heimlich ausgegraben und nach Europa gebracht. Hier wurde er als ausgestopfter "Buschmann" dem gaffenden Publikum präsentiert, staubfrei in einer Museumsvitrine, ausstaffiert als richtiger "Wilder" mit Lendenschurz, Speer und Schild.

Der niederländische Journalist Frank Westerman entdeckte den präparierten Schwarzen 1983 auf einer Spanienreise und war so beschämt, dass er sich später daranmachte, dessen Schicksal zu recherchieren. Herausgekommen ist eine Reportage, in der der Autor akribisch den Weg des mit ca. 27 Jahren gestorbenen Afrikaners, eines Khoisan, nachzeichnet. Zunächst 1888 auf der Weltausstellung in Barcelona als "Kaffer" und dann fast ein Jahrhundert lang in Banyoles ausgestellt, wurden seine sterblichen Überreste nach öffentlichen Protesten schließlich im Jahr 2000 nach Botswana überführt und beigesetzt.
Westerman, der die Spurensuche mit seinen persönlichen Erfahrungen als Entwicklungshelfer verknüpft, liefert dem Leser ein Lehrstück in Sachen kolonialer Vergangenheitsbewältigung. Er weiß aber auch Einblicke in die anhaltenden rassistischen Mentalitäten des "weißen Mannes" zu vermitteln. Einige Bürger in Banyoles, so berichtet er, malten sich ihre Gesichter schwarz an und bekleideten sich mit Baströcken, um für den Verbleib ihres "El Negros" zu demonstrieren. Wie hatte Jean-Paul Sartre gesagt: "Der Weiße hat dreitausend Jahre das Privileg genossen, anzuschauen ohne angeschaut zu werden." Ob sich die Leute wohl in dieser blackface-Maskierung in ihrem Museum zur Schau gestellt hätten?

Joachim Zeller

291 | (Post-)Koloniale Reisebilder
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