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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 291 | (Post-)Koloniale Reisebilder Rita Schäfer: Im Schatten der Apartheid

Rita Schäfer: Im Schatten der Apartheid

Frauen-Rechtsorganisationen und geschlechtsspezifische Gewalt in Südafrika. LIT-Verlag, Berlin 2005, 496 S., 29,90 Euro

Im Schatten der Apartheid

Südafrika hat die höchste Vergewaltigungsrate weltweit. Auch im Bereich der häuslichen Gewalt ist das Land trauriger Spitzenreiter. Das extreme Ausmaß der geschlechtsspezifischen Gewalt - vor allem gegen schwarze Frauen - hat sich als Erbe der Apartheid bis heute so sehr ausgeweitet, dass staatliche Institutionen in den letzten Jahren zahlreiche Gesetze erlassen haben, die Rechte von Frauen stärken und den Schutz vor Gewalt vorschreiben. Deren Umsetzung geht aber nur schleppend voran, mangelt es doch an politischem Willen und der entsprechenden Unterstützung von Seiten der Polizei und der Justiz.

Die Ethnologin Rita Schäfer geht in ihrer Studie Im Schatten der Apartheid dem Dilemma auf den Grund, dass trotz inzwischen relativ guter Gesetzeslage geschlechtsspezifische Gewalt noch immer ein strukturelles Problem im Post-Apartheid-Südafrika darstellt. Auf rund 500 Seiten liefert sie einen detailreichen Überblick zur Situation von Frauen und geschlechtsspezifischer Gewalt in Südafrika - beginnend mit der kolonialen Herrschaft und den damit verbundenen Geschlechterhierarchien bis hin zu den Verbindungslinien von Kapitalismus und Industrialisierung in Bezug auf Gewalt gegen Frauen.

Die vorliegende Studie basiert auf einer empirischen Forschung in Südafrika aus den Jahren 2000 bis 2001. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Analyse der aktuellen Situation, sondern auch deren kulturelle Legitimation, entlarvt Schäfer doch sexuelle Gewalt als interessengeleitetes Machthandeln aufgrund eines Patchworks an patriarchalen Strukturen. Ihre Analyse mit historischer Tiefenschärfe greift außerdem das Zusammenspiel von Gewaltbereitschaft und Gesundheitsrisiken auf, beispielsweise bei männlichen Teenagern, die Vergewaltigung als Teil ihrer Männlichkeitskonstruktion sehen. Aufgrund mangelnder Präventionsarbeit kommt es somit auch zum Anstieg von HIV-Infektionen bei Jugendlichen (insbesondere Mädchen).

Obwohl Frauenrechtsorganisationen als Forschungsgegenstand in der deutsch- und englischsprachigen Ethnologie noch weitgehend unbeachtet sind, gelingt es Schäfer, zahlreiche dieser Organisationen nicht nur vorzustellen, sondern auch deren konträre Gender-Konzepte darzulegen. Trotz aller niederschmetternden Nachrichten aus einem gewaltdurchsetzten Südafrika haben Organisationen wie die Black Women´s Federation, Black Sash oder Rape Crisis zumindest erreicht, dass geschlechtsspezifische Gewalt nicht länger als tabuisiertes Privatproblem geduldet, sondern öffentlich darüber diskutiert wird. Rita Schäfers Verdienst ist die klare und umfangreiche Darstellung der unterschiedlichen Positionen von schwarzen und weißen FeministInnen.

Rosaly Magg

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